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Kunst und Kind. Eine Interviewserie. #4:

Kunst, Kampf und künstlerisches Ego  

Carla Bobadilla im Gespräch mit Saskya Rudigier 


War für Sie im Vorhinein klar, dass Sie beides wollen: Kunst machen und Kinder haben?

Carla Bobadilla: Ich bin erst relativ spät nach meinem Uniabschluss mit 25 Jahren von Valparaíso aus Chile nach Wien gekommen. Als Künstler_in muss man sich gut vernetzen und fünf Jahre habe ich gebraucht, um den Anfang zu schaffen. Dann war ich 30 und habe mich gefragt, ob ich wirklich noch länger mit meinem Kinderwunsch warten will. Für mich war eine Familie zu gründen Teil meiner Kultur und Sozialisierung, ein Muss ohne viel nachzudenken. Gleichzeitig war es als Künstlerin in einem neuen Land eine große Herausforderung. Wie kann ich meine Berufung und meinen Kinder- bzw. Familienwunsch unter prekären Arbeitsverhältnissen ausleben? Die Frage hat mich die ersten Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes sehr viel Kraft gekostet.

Ich habe mir aber auch bewusst Vorbilder gesucht und geschaut, wie andere damit umgehen. Das sind Mütter, die ich bewundere, weil sie sich im Kunstbereich gut positionieren. 

Ich steh' zu meinen Kindern! 


Wie positionieren Sie sich als Künstlerin mit Kindern?

CB: Die US-Amerikanerinnen schreiben ihre Kinder sofort in den Lebenslauf und es wird in der dortigen Arbeitswelt sehr positiv aufgenommen. In der österreichischen Kunstszene ist es jedoch total „uncool“. Ich habe mich entschieden Kinder zu haben und ich bin stolz darauf. Wieso soll ich sie also nicht erwähnen?

Ich weiß, es ist ein Risiko für jede Bewerbung, auch für die Vergabe von Auslandsateliers zum Beispiel. Viele Leute, u.a. Galerist_innen, aber auch Kolleg_innen, gehen davon aus, dass du nichts hinbekommst, wenn du Kinder hast. Ein altmodischer Gedanke wie ich finde.

Gleichzeitig sind die Anforderungen an Mütter, was sie mit ihren Kindern alles machen und was alles aus den Kindern werden soll, sehr hoch. Aber wie viel mütterliche Aufmerksamkeit brauchen Kinder wirklich? Ich backe auch hin und wieder Muffins, aber ich reiche auch Projekte ein oder nehme die beiden mit, wenn ich Materialeinkäufe mache. Ich denke sie lernen sehr viel dabei.  

Ich nutze jeden freien Moment! 


Wie bekommen Sie ihre Arbeit und die Kinderbetreuung unter einen Hut?
CB: Es gelingt mir, aber ich glaube es hat mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin ein kämpferischer Mensch und gewohnt in prekären Verhältnisse zu überleben. Mein Vorleben in Valparaíso zur Zeit der Diktatur und danach hat es mich gelehrt. In meiner Familie haben die Frauen immer gearbeitet, und alles Geld wurde in die Bildung der Kinder investiert. In Österreich habe ich keine Familie, die mich bei der Kinderbetreuung unterstützt. Mein Partner steht hinter mir und kümmert sich so viel er kann – und es die Anwesenheitspflicht seiner Arbeit zulässt – um die Kinder. Meine Schwiegermutter aus Nordrhein-Westfalen reist an, wenn ich an großen Projekten arbeite. 

Die einzige Möglichkeit mir den Weg freizumachen war eine Babysitterin. Meine Große war mit sechs Monaten bei einer Tagesmutter. Ich habe mein Kind abgegeben und geweint, dann habe ich recherchiert und an dem Buch Migrationsskizzen (1) geschrieben. Beim zweiten Kind habe ich mir für die ersten Monate eine Babysitterin für zu Haus’ gesucht, die es betreut hat, während ich arbeitete. Mittlerweile ist meine Tochter in der Krabbelstube.

Es hat mich viele Nerven kostet, alles zu organisieren und das verdiente Geld in die Kinderbetreuung zu stecken. Jeden freien Moment, den ich habe, nutze ich für meine Arbeit. Ich habe einen Arbeitsrucksack und kann mit meinem mobilen Büro selbst in der U-Bahn arbeiten. Ich stehe um 6 Uhr auf, und ich arbeite während mein Mann die Kinder ins Bett bringt noch von 20 bis 22 Uhr und länger, je nach Projekt. Dabei stoße ich schon an meine Grenzen, aber meine Arbeit ist meine Berufung und macht mich wahnsinnig glücklich. Sie verändert, wie ich finde, die Welt im Kleinen. 

Ich will weiterhin an Artist in Residence-Programmen teilnehmen!   


Was ist durch die Kinder besser geworden?

CB: Jetzt bin ich viel freier in meinem Denken. Vor den Kindern gab es auch Dinge, die ich mich nicht getraut habe: Autofahren zum Beispiel. Die Mutterschaft hat mir Kraft gegeben und mich konzentriertes Arbeiten gelehrt, die Fokussierung auf das Wesentliche im Leben, der Rest kann immer warten. Das künstlerische Ego, das vorher da war, ist weniger geworden. Kurz nach der Geburt meiner ersten Tochter habe ich angefangen mit Kindern und Jugendlichen Workshops zu machen. Das kam mir vorher überhaupt nicht in den Sinn und jetzt finde ich, dass das Unterrichten ein großes politisches Potenzial hat. 

Haben Sie seit der Geburt der Kinder an Artist in Residence-Programmen teilgenommen?
CB: Bei einem Kind war ich schon hin und wieder alleine weg, das waren meist begrenzte Aufenthalte von maximal zwei Wochen. Jetzt bin ich wieder am Überlegen, mich für ein Programm innerhalb Europas zu bewerben und hätte gerne, dass mich meine Familie zum Abschluss besuchen kommt. Allerdings kenne ich mich gerade zu wenig aus, welche AiR-Programme familientauglich sind und ob das gern gesehen ist, wenn Kinder dabei sind. Es wäre vielleicht auch im Rahmen der politischen Arbeit der IG BILDENDE KUNST spannend, sich damit auseinander zu setzen.   


Carla Bobadilla arbeitet im Bereich Fotografie, Installation und Konzeptkunst zum Thema Globalisierung, Frauenrolle, migrantische Identität. Sie hat zwei Kinder (Mathilde 8, Charlotte 2), wohnt in Klosterneuburg bei Wien.    

Das Interview führte Saskya Rudigier im Mai 2016. Saskya Rudigier arbeitet mit Text, Bild, Abos und Zahlen. Gerade organisiert sie auch das Kunst- und Kulturwochenende Leise Art Festival: unerhört unverstärkt für Familien und Freund_innen.

(1) Migrationsskizzen. postkoloniale Verstrickungen, antirassistische Baustellen. Hg. v. Carla Bobadilla, Nilbar Gures, Agnes Achola, Petja Dimitrova, Stefania Del Sordo.  Löcker Verlag, Wien 2010

Wo – außer in ihrem Atelier – arbeiten Künstler_innen noch? Eine örtliche Entdeckungsreise. Carla Bobadilla hat durch den Arbeitsrucksack ihr mobiles Büro immer dabei und arbeitet auch in der U-Bahn. (Foto: unsplash.com, cc by Mario Calvo)
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