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„Ohne klare Gegenstatements verschieben sich die Grenzen weiter.“

Ein Gespräch mit Romana Hagyo und Silke Maier-Gamauf

Euer Audiowalk Seestadt oder das, was davon übrig ist, war in der Ausstellung Zensur und Meinungsfreiheit in Wien zu sehen. Die Arbeit aus temporären Straßenschildern war Angriffen und Zerstörung ausgesetzt. Worum geht es darin? SM: Die Arbeit ist im Juni auf Einladung von Reinhold Zisser, Betreiber der notgalerie im Kunstland Nord installiert worden. Wir haben fiktive Straßen nach Frauen* benannt und einen Audiowalk mit biografischen Informationen eingesprochen. Unsere Auswahl wirkt dem derzeitigen Trend zum Nationalen entgegen mit internationalen Personen, die vielleicht nie einen Straßennamen bekommen würden. Es sind Frauen*, von denen man etwas lernen könnte. Manche haben sich mit dem Thema Straße beschäftigt, bei anderen wird die Straße zur Metapher, etwa indem es in ihrem Leben einen U-Turn gibt. Das ist bei Silke Maier-Witt der Fall, die ihren Lebensweg radikal geändert hat. Sie gehörte zur zweiten Generation der RAF und hat später 17 Jahre Friedensarbeit im Kosovo und in Mazedonien geleistet. Ihr Schild hat einem FPÖ-Politiker gar nicht gefallen.

Was ist genau passiert?
SM: Toni Mahdalik, FPÖ-Gemeinderatsmitglied und Wiener Klubobmann, hat das Schild abmontiert. Zuvor hatte allerdings schon die Neue ÖVP Donaustadt die „Silke Maier-Witt-Straße“ mit „Helene Burian-Weg“ überklebt. Diese Überklebung war wieder entfernt, als Herr Mahdalik ein Selfie für seine Facebook- Seite gemacht hat. Dafür hat er nur ganz wenige Klicks bekommen. Daraufhin hat er mit Hilfe des FPÖ TV-Teams ein aggressives Video der Demontage gedreht und auf FB veröffentlicht. Innerhalb einer Stunde nach Veröffentlichung war es schon von Harald Vilimsky und 50 anderen Personen geteilt worden. Unsere Arbeit war auf Diskussionen angelegt. Dass aber jemand das Schild einfach abmontiert, hat uns ziemlich erschreckt.
RH: Im Video sagt er: „Grüß Gott. Mahdalik mein Name. Ich bin nicht nur Antiterror-, Klima-, und Friedensaktivist, sondern auch Spontan- und Aktionskünstler. … Abzuholen ist diese [Tafel] vom Anonymen Künstlerkollektiv … im Rathaus bei mir.“ Mahdalik hat in seinem Facebook-Post die „Schuld“ an dem Projekt der SPÖ gegeben: „Die Roten widmen der RAF-Terroristin Silke Maier-Witt im Rahmen einer mit Steuergeld geförderten ‚Kunstaktion’ eine eigene Straße in der Seestadt.“ Uns als Autorinnen hat er nicht namentlich genannt. Das hatte auch eine Schutzfunktion, so richtete sich das Bashing durch seine Follower nicht direkt gegen uns.

Wie habt Ihr Euch gewehrt, wie ging es weiter?
RH: Herr Mahdalik bekam einen Anwaltsbrief mit der Aufforderung, das Schild zurückzubringen. Das hat er getan, allerdings mit einem Zusatzschild mit seinem Namen drauf. Es betonte das Kapitel „Terroristin“ und verschwieg alles andere. Zusatzschilder bei Straßennamen sind ein umkämpftes Feld. Die Stadt Wien hat begonnen bei Straßen, die nach ehemaligen Nationalsozialist_innen benannt sind, blaue Zusatztafeln zu montieren. Deren Aussehen hat Toni Mahdalik kopiert und sich so eine antifaschistische Strategie angeeignet und umgearbeitet.

Wie beurteilt ihr die Aneignung der Begriffs Aktionskunst für die Demontage der Tafel?
RH: Aktivismus oder Intervention muss nicht zerstörerisch wirken, Zerstörung ist ein spezieller Zugang. Auch macht es einen Unterschied, ob so etwas durch einen Politiker, eine Politikerin passiert. Die Möglichkeiten, sich in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu artikulieren, sind für unterschiedliche Personen und Gruppen sehr verschieden. Politiker_innen haben das Privileg, ihre Ansichten im Parlament oder in den entsprechenden Organen einzubringen. Das ist eine ganz andere Position als die von Aktivist_innen oder Künstler_innen. Vielleicht müssen wir als Kunstschaffende und politisch Aktive über die Aneignung linksaktivistischer Strategien durch rechte Personen und Gruppen nachdenken. Beispiele gibt es genug, etwa die gewaltvolle Störung von Tina Leischs Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ an der Uni Wien durch die Identitären.

Im Mai dieses Jahres wurden die Porträts von Holocaust-Überlebenden des Fotografen Luigi Toscano am Wiener Burgring zerstört.
SM: Dort ließ sich eine Mahnwache organisieren, die große Unterstützung bekommen hat.
RH: In den vergangenen Jahren sind die Hemmschwellen gesunken, und die Legitimierung rechten Handelns reicht bis in die Mitte hinein.
SM: Deshalb waren die Mahnwachen am Ring so wichtig. Es wird aber politisch verabsäumt, klare Gegenstatements zu formulieren. Wenn das nicht passiert, verschieben sich die Grenzen weiter.

Einige Zeit nach der Demontage der Silke Maier-Witt-Tafel wurde der gesamte Audiowalk Seestadt demoliert?
RH: Sämtliche unserer Straßentafeln wurden von Unbekannt demontiert. Dabei ist es ein ziemlicher Aufwand, diese Schilder im noch unbebauten Teil der Seestadt zu finden.
SM: Am Rand des Baugeländes ist ein einziges Schild unversehrt geblieben, der „Harriet-Tubman-Platz“. Entweder haben sie es nicht entdeckt, oder sie haben sich nicht hin getraut, dort sind Vienna.Transition.Base, ein Jugendzentrum und ein Fußballplatz – die eher alternative Szene trifft sich dort. Das Schild der bildenden Künstlerin Helga Philipp haben wir Wochen später im Maisfeld gefunden. Die Maier-Witt-Tafel ist bis heute verschwunden.

Hat der Angriff Euren Umgang mit sozialen Medien verändert?
RH: Die Diskussion über Hass im Netz läuft ja schon einige Zeit, wenn du aber selbst betroffen bist, ist das stark emotional besetzt. Als Frau* und queere Person fühle ich mich schon exponiert, aber was ist mit Personen, die noch viel gefährdeter sind? Als Mehrheitsösterreicherinnen haben wir eine privilegierte Position.
SM: Wir haben unsere Facebook-Profile abgeschottet und nur Freund_innen posten lassen. Das ist ein wichtiges Tool.

Welche Unterstützung hattet Ihr, welche hat Euch gefehlt?
RH & SM: Unterstützungsmöglichkeiten wie die Rechtsberatung über die IG Bildende Kunst erfolgen oft zeitlich verzögert. Es braucht aber Hilfe im Moment. Wie können wir uns als Kunstund Kulturschaffende gegenseitig unterstützen? Viele Künstler_innen sind nicht institutionalisiert, was das Reagieren auf solch einen Angriff schwieriger macht. Reinhold Zisser von der notgalerie hat uns sehr unterstützt und sich unglaublich bei der Pressearbeit engagiert. Trotzdem waren wir oft allein und hatten das Gefühl, uns verteidigen zu müssen. Dabei wurde unsere Arbeit angegriffen, nicht umgekehrt! Wir wurden sogar aufgefordert, Herrn Mahdalik das Projekt zu erklären. Uns wurde geraten, ihn auf Facebook einzuladen. Wir bauen doch nicht die Brücke zu unseren eigenen Accounts!

Wie sollte Unterstützung aussehen?
RH & SM: Bei der Ausstellung Zensur und Meinungsfreiheit hat sich jemand hinter uns gestellt. Es gab zum ersten Mal einen Text, den wir teilen konnten und nicht selber schreiben mussten. Es sollten idealerweise andere als die Betroffenen die Pressearbeit übernehmen. Und: Social Media Arbeit ist Arbeit! Wenn du kein Social Media Team hinter dir hast, bist du permanent beschäftigt und setzt dich den Beschimpfungen aus. Diese Arbeit ist unbezahlt, raubt Energie und Zeit. Eine Form der Unterstützung wäre ein Topf, der das mit Honorar abfängt, oder wenn sich jemand professionell um solche Auseinandersetzungen kümmern könnte.
RH: Für mich sind wichtig: Schneller Informationsaustausch, spontane Treffen mit einigen Unterstüzer_innen, und Menschen, die sich mutig hinter die Angegriffenen stellen, etwa durch Veröffentlichungen, mit zeitlichen oder finanziellen Ressourcen.

Plant Ihr weitere rechtliche Schritte?
SM & RH: Es wird eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft gehen. Es muss dokumentiert sein, dass dieser Vorfall stattgefunden hat.

Romana Hagyo und Silke Maier-Gamauf arbeiten seit 2015 gemeinsam an künstlerischen Projekten, die das Verhältnis zwischen Raum und Geschlecht* fokussieren, wie zum Beispiel die Arbeiten Test.Test.Liegen, Anpassen und Tarnen oder Audiowalk Seestadt (Demontage).

Links
Ausstellung: Zensur und Meinungsfreiheit, Galerie Rudolf Leeb