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„… man muss sich nicht mögen/ sich mögen hilft …“

Gemeinsamkeiten Im Gespräch mit Brigitte Kratzwald und der Hausgemeinschaft Verein für Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken in der Grundsteingasse

Bildpunkt: Gemeinsamkeiten stehen wieder hoch im Kurs, zumindest im Diskurs vieler Linker. Nach Jahren der Differenzpolitiken, in denen die unterschiedlichen kollektiven Erfahrungen betont wurden, scheint es momentan sehr angesagt, sich auf Gemeinsames zu berufen: Wir denken etwa an die „99 Prozent“ der Occupy Wall Street-Bewegung oder an die Debatten um die „Commons“. Was bedeutet das Gemeinsame für Euch?

Grundsteingasse: Sechs Gläser Marmelade im Eiskasten und die Ansage: „Jetzt wird gefrühstückt“. Und: trying to make a different approach to solidarity and privileges. It is not like some have privileges and show solidarity with the less privileged. But: knowledge and power of the experience of being not privileged and have a possibility to use that knowledge and power. wir rollen und gehen, verwenden pronomina, die es gibt und solche, die es nicht gibt, lachen über google translate, tun uns leicht_mittel_schwer mit dem lernen der sprachen, die im haus gesprochen werden, freuen uns über menschen, die in verschiedene richtungen mit übersetzen, sind teils unter 10 und über 50, wohnen, arbeiten, spielen, sind hier, haben privilegien, aber verschiedene, kennen uns zwischen ganz kurz und sehr lange, essen von vegan bis fleisch, haben persönliche assistenz oder nicht, rechnen miete nicht nach quadratmetern, sondern möglichkeiten, heißen alle herzlichst willkommen, die schauen, wo sie sind ;-)) Und: This house takes me out of boredomness. Plus I can call everyone at any time I want which means a lot.

Brigitte Kratzwald: Ich halte es für gefährlich, die Idee der Commons als Organisationsform mit einem romantisierenden Begriff von Gemeinsamkeit auf emotionaler Ebene zu verbinden. Commoners sind keine homogene Gruppe. Vielmehr ist erfolgreiches Commoning davon abhängig, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse aller Beteiligten unter einen Hut gebracht werden können und dass Konflikte angesprochen und ausgetragen werden. Man muss sich nicht „mögen“, um zu kooperieren. Voraussetzung ist einzig, dass man einen Konsens in Bezug auf den Umgang mit einer spezifischen Ressource findet. Das gelingt meist dann, wenn alle einen Vorteil davon haben.

Bildpunkt: Als Hausprojekt und Verein in der Grundstein gasse praktiziert ihr selbstverständlich Gemeinsames: Von der Bauplanung bis zur Alltagsgestaltung. Aber zugleich müsst ihr ja auch sehr unterschiedliche soziale und kulturelle Ausgangs-lagen, Ansprüche und Interessen vermitteln. Könntet ihr erzählen, welche Differenzen bei der Geschichte eures Zusammenkommens relevant waren und wie da etwas Gemeinsames entstanden ist?

Grundsteingasse: Unterschiedlichste flüchtige oder anhaltende Prioritäten wie z. B.: Hufauskratzer zeichnen und laminieren // Rampen- und Lifteinbau, damit überhaupt alle ins Haus kommen und sich darin bewegen können // Lego // Status und Papiere // Vorstellungen von Räumen // In Wien Sein auf (un)bestimmte Zeit // Tiere und Trauma-Bewältigungen // Kontrolle über die eigene Zeit // Kontakte in Wien // Kontakte in den Rest der Welt // Kind jugendlich erwachsen // Sprache_n // Sprechen in Gruppen // für sich selbst // Wie Gemeinsames entstanden ist? We learned and tried to practice, to DO it. Intersection of different realities pushes your brain. What we try here is what could be described as „tolerance“: to break yourself out of the homogenity. Bewegliche WIRs beschreiben vielleicht am besten, wie etwas Gemeinsames entstanden ist.

Bildpunkt: Die Grundsteingasse ist nicht ein besetztes Haus und auch nicht gekauft und „nur“ gemietet. Wo und welchen Verbindungspunkte seht ihr zu marginalisierten und/oder emanzipatorischen Hausbesetzungen?

Grundsteingasse: Der Wunsch nach anderen Wohn- und Lebensformen. Genormte Raumanordnungen unterwandern. Raum nehmen und füllen. Selbst bauen und renovieren. Geld ausborgen oder/und umverteilen. Mehrgenerationen. Hausprojekt an politische Forderungen knüpfen. Almost all of us grew up in a way that did not teach us how to live together. We don’t have the pre-knowledge. The wish is not enough. We have our own and structural obstacles to overcome.

Bildpunkt: Brigitte Kratzwald, auf dem von Ihnen mit betriebenen blog.commons.at heißt es, Commons seien „Arrangements zur Herstellung und Erhaltung von gemeinsam genutzten Ressourcen, es handelt sich also eine spezifische Art der Beziehung zwischen Menschen in Bezug auf die Dinge, die für ihre Existenz notwendig sind.“ Wenn Commons aus Beziehungen bestehen, wie stellen sich solche Beziehungen her? Und wie werden sie verstetigt, also so hergestellt, dass sie auch von Dauer sind?

B.K.: Commons entstehen meist aus einem „Leidensdruck“ heraus, es gibt zu wenig leistbaren Wohnraum, es gibt „Enteignungserfahrungen“ wie Landgrabbing oder die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums, usw. Wenn dann Menschen beschließen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, kommunizieren und kooperieren und sich Regeln geben, entstehen daraus automatische Beziehungen, die sich erst einmal nur auf den Umgang mit dieser einen Ressource beschränken. Entscheidend für die Dauerhaftigkeit ist, dass sich alle fair behandelt fühlen und dass Konflikte gut und schnell gelöst werden können. Wenn Menschen diese Erfahrung erst einmal gemacht haben, organisieren sie allerdings oft auch andere Dinge auf diese Weise.

Grundsteingasse: „If anything is happening to me, I will be found.“ That is one aspect. Friendship is another one, political friendship, personal friendship, which might sometimes be the same. Es geht nicht ums Verstetigen, um Dauerhaftigkeit an sich. Mehr um Interesse aneinander. Sich mögen hilft. Und alltäglich um Verständigung ringen. Oder so. If our being in the house would not be as diverse as it is, it would be this bubble which is just reproduction.

Bildpunkt: Wir erleben seit Jahren eine von breiten Teilen der Bevölkerung getragene Politik von Privatisierungen. Auch dabei werden Ressourcen umverteilt, die soziale Ungleichheit wächst rapide an. Versteht ihr den Bezug auf das Gemeinsame – ob nun speziell im gemeinsamen Wohnen oder allgemein im Kampf um die Commons – als Gegenmodell zu den neoliberalen Privatisierungspolitiken? Wenn ja, inwiefern?

Grundsteingasse: We did not ask ourselves this question and don’t have enough time now to find out.

B.K.: Die Konjunktur des Commons-Begriffes ist sicher eine Reaktion auf die Privatisierungswelle, weil uns die Existenz und die Bedeutung von Commons oft erst bewusst werden, wenn sie verloren gehen. Menschen fordern dann die Möglichkeit, mitzuentscheiden über das, was ihnen gehört. Commons sind kein Allheilmittel gegen Privatisierungen, oft ist eine öffentliche Infrastruktur geeigneter. Allerdings können wir einiges aus der Logik der Commons auch darauf anwenden oder eine Art Public-Commons-Partnerships schaffen, wo diejenigen, die Dienstleistungen herstellen und nutzen, Mitspracherechte haben. Regierungen könnten dann öffentliches Eigentum nicht wie ihr Privateigentum behandeln.

Bildpunkt: In ihrem Buch Common Wealth. Das Ende des Eigentums (2009) beziehen sich Antonio Negri und Michael Hardt auch stark auf das Gemeinsame. Auch den von ihnen geprägten Klassenbegriff der Multitude beschreiben sie als etwas, das in „dauerhaften Begegnungen im Gemeinsamen“ entstehe. Von den Gegenkräften gegen solche Begegnungen sprechen sie wenig: Ultrarechte Parteien, die etwas Gemein sames immer nur für diejenigen vorsehen, die sie nationalistisch als die „Eigenen“ definieren; aber auch Strukturen wie im Kunstfeld, die durch und durch auf individuelle und nicht gemeinsame Praktiken ausgerichtet sind. Wie lassen sich eurer Ansicht nach solche Begegnungen erzeugen?

B.K.: Für mich sind individuelle und gemeinsame Praktiken kein Gegensatz, sondern sie bedingen einander. Individualität kann sich nur entwickeln in der Auseinandersetzung mit anderen und gerade die Herstellung von Commons kann solche Begegnungen fördern, ja sogar notwendig machen, wenn es darum geht verschiedene Sichtweisen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Überspitzt ausgedrückt könnte man durchaus sagen, dass funktionierende Commons die Entwicklung von Individualität fördern und sogar brauchen, weil jeder auch Verantwortung übernehmen können muss.

Grundsteingasse: Your questions build a hierarchy of knowledge. And they are much longer than the space that is reserved for the answers. Which makes us wonder. Anyhow we already gave some of the Grundstein Ideen dazu, wie solche Begegnungen im Gemeinsamen entstehen (können). Das Projekt ist von Räumen ausgegangen und wir haben uns hinein gedacht, in Zimmer, in workspaces, in öffentliche Vereinsbereiche, in Lifte und auf Gänge. Das Tun als gemeinsame Praxis, auch weil Theorien in verschiedenen Sprachen schwer zu teilen sind. Und mehr reden zu lange gedauert hätte. Weil wir umbauen mussten. Weil wir schon im Haus waren, doppelte Mieten wären sich nicht ausgegangen. Weil wir schnell mehr als eine Baudusche für zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn usw. Leute haben wollten. Und: we don’t agree that Praktiken im Kunstfeld are durch und durch individuell. Dance, literature, drawing, the art of thinking und andere Kunstpraxen im Haus bauen selbstverständlich immer und ständig auf Begegnungen und Gemeinsamem auf. Discussion to be continued. Danke für Euer Interesse.

Questions answered by some members of Grundsteingasse – Verein für Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken (Wien).

Brigitte Kratzwald beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepten.

Das Gespräch wurde im September/Oktober 2017 von Ezgi Erol und Jens Kastner per E-Mail geführt.