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Art after Trump
Die Linke und die Kunst in Zeiten der Monster

Simon Sheikh

Nach dem schrecklichen Wahlergebnis in den USA und weil viele gleich mit großen Modellen von Widerstand ankamen, schien es mir sinnvoll, über die Rolle der Kunst und selbstverständlich der Kunstwelt im Hinblick darauf nachzudenken, ob sie als öffentliche Sphäre und politischer Raum nach Trumps Triumph überhaupt existiert. Es gibt eine Reihe von Gründen für dieses Nachdenken, insbesondere insofern der von Trump repräsentierte Populismus für eine breitere Kulturalisierung der Politik steht und insofern einige der Verwerfungslinien der Wahlen, etwa was die Sprache, die Männlichkeit und den Managerismus angeht, auch innerhalb des heutigen Feldes der kulturellen Produktion evident sind – insbesondere innerhalb des Bedeutungsträgers Globalismus im System der Produktion, Zirkulation und Rezeption von zeitgenössischer Kunst. Darüber hinaus sollten wir erwarten, dass wir als KulturproduzentInnen in der Lage sind, eine kulturelle Analyse der mit Trump einhergehenden politischen Veränderungen vorzunehmen und Möglichkeiten des Widerstands darin aufzuzeigen, die über Schock, Überraschung und moralische Empörung hinausgehen.

Es versteht sich von selbst, dass Trump die siegreiche Rückkehr des unverfrorenen Patriarchats und des dreisten Sexismus repräsentiert und dass das zweifellos bedauerlich und verachtenswert ist. Und die Liste seiner Übel lässt sich fortführen – zu Trumps Feier sexualisierter Belästigung kommen noch Bigotterie, Rassismus und die Leugnung des Klimawandels hinzu, von seinen dubiosen Ansichten zu Recht und Gerechtigkeit gar nicht zu reden. Kurz gesagt steht er in direkter Opposition zu allem, wofür die zeitgenössische Kunst auf sich selbst Stolz ist, zu allen Grundwerten des kulturellen Austauschs, des Multikulturalismus, der Toleranz, der Abstraktion und aller Ansichten, die uns so wichtig sind. Obwohl alle Äußerungen und Sichtweisen des Trumpismus wirklich schockierend sind, sollten sie dennoch nicht überraschen. Ein Backlash gegen die kulturellen Politiken der Linken, insbesondere gegen den Feminismus, findet inzwischen seit Jahrzehnten statt, überall im ehemaligen Westen und trotz des wachsenden Bewusstseins gegenüber Rassismus und Sexismus. Wir sehen uns mit folgendem Rätsel konfrontiert: Durch die Erfolge dekonialistischer, feministischer und queerer Theorie und Praxis halten immer mehr Menschen etwa Rassismus für ungerecht und einfach falsch, und sind dennoch nach wie vor RassistInnen! In ganz Europa findet ein merkwürdiges politisches Spiel mit der Sprache statt, in dem ultrarechte und rechte Politiken behaupten, nicht rassistisch zu sein und zugleich alles tun, um rassistische Stimmungen in der Bevölkerung zu schüren und in Gestalt des Antiterrorismus und der Antimigration fröhlich rassistische Gesetze zu implementieren. Es sollte daher nicht überraschen, dass Leute, wenn sie befragt werden, nicht zugeben, rassistische Politik zu unterstützen, es aber am Wahltag dennoch tun. Dies ist überall im ehemaligen Westen zu einem beständigen Muster geworden und es ist daher nicht erstaunlich, dass es auch in den USA existiert. Und als KulturproduzentInnen und TheoretikerInnen sollte uns schließlich auch die Vorstellung nicht überraschen, dass es zwischen dem, was wir sagen oder denken sagen zu können und dem, was wir fühlen und wie wir handeln, einen Unterschied gibt. […]

So wie wir, wenn auch entsetzt, nicht überrascht über den Wahlsieg Trumps sein sollten, so sollten wir den weit verbreiteten Konsens zurückweisen, die Niederlage Clintons sei eine Niederlage der Linken insgesamt gewesen, die uns nicht nur in Selbstbeschuldigungen, sondern auch in Depression und Verzweifelung stürzen muss. Wenn die WählerInnen gegen die Effekte der Globalisierung protestiert haben, wenn auch mit Xenophobie, dann war das auch eine Zurückweisung der neoliberalen Orthodoxie und des Managerismus, also von etwas, für das Clinton wie keine andere stand. Die Wahl Trumps muss so gesehen, aus meiner Sicht, nicht als Niederlage der Linken, sondern als Niederlage des Zentrums interpretiert werden. Es ist die Niederlage des Neoliberalismus und dessen, was Tariq Ali treffend „die extreme Mitte“ genannt hat und ihres Einflusses auf die linke Mitte durch die sozialdemokratische Anpassung an und Verbreitung von neoliberale(r) Deregulierung. Was diese Wahl und viele andere im ehemaligen Westen gezeigt haben ist, dass die extreme Mitte nicht standhält und Wahlen jetzt nicht mehr aus der Mitte, sondern von links oder von rechts gewonnen werden, nicht mehr durch Konsens sondern durch Dissens. Nur dabei findet politische Imagination statt. Und tatsächlich gibt es, wie die zuverlässige Pressevereinigung Fairness & Accuracy In Reporting (FAIR) schmerzlich gezeigt hat, einigen Grund dafür anzunehmen, dass der linke Kandidat Bernie Sanders eine bessere Chance gehabt hätte, Trump zu schlagen. Das überrascht nicht, da Sanders auch die neoliberalen Politiken kritisiert hat, aber von links. Allerdings hat das Democratic National Committee, wie wir wissen, alles getan, um die Nominierung von Sanders zu verhindern, ebenso wie die Mitte und die linke Mitte in Europa alles getan haben, um die Linke auszuschließen, selbst wenn die Zahlen – und damit die Bevölkerung – gegen sie standen, wie etwa bei den ständigen Versuchen der BlairistInnen, Jeremy Corbyn abzusägen oder bei der sozialdemokratischen Weigerung, in Spanien mit der neuen Linken von Podemos zusammenzuarbeiten. Daher besteht die Frage für die Linke tatsächlich darin, ob sie sich weiter als Geisel des Zentrums halten lassen und dabei die KandidatInnen der Mitte akzeptieren will, weil die Alternative auf der Rechten viel schlimmer ist. Diesen Fortschritt zum Schlimmeren beobachten wir fast überall! Trump, Erdogan, Putin, Orbán, Modi, Duterte, Netanyahu – die Liste der demokratisch gewählten Demagogen ist endlos. Wir leben, wie der Historiker Vijay Prashad schreibt, jetzt in der Zeit der Monster, und nur eine robuste Linke, nicht ein schwaches Zentrum, kann angemessene Antworten liefern, und zwar Widerstand.

Das hat Auswirkungen darauf, wie wir über zeitgenössische Kunst denken, die zu einem großen Teil der kulturelle Ausdruck neoliberaler Globalisierung geworden ist, trotz ihrer besten Absichten. Das hat mehr mit systemischen Fragen als mit Kunstpraktiken selbst zu tun, also mit der internationalen Kunstwelt als politische Ökonomie und Modus des Regierens. Trotz all der Ansprüche auf Demokratie und Offenheit, auf weiche Verhandlungsformen und selbst auf Demokratisierung auf globaler Ebene, bleiben die verantwortungsvolle Führung (good governance) und die Prinzipien der Selektion und Konsekration in der Kunstwelt erstaunlich und fast kontraproduktiv intransparent. Es gibt wahrscheinlich viele historische Erklärungen für die Offenheit des Kunstwerks und die Geschlossenheit des Systems, aber so oder so hat dies die zeitgenössische Kunst mit ihren globalen Präsentationsmodi und Zirkulationswegen namens Biennale und Kunstmesse zum kulturellen Ausdruck des Spätkapitalismus werden lassen. Zeitgenössische Kunst steht nicht nur im Dienste internationalistischer Werte und bestimmter Eliten – tatsächlich haben vielen Praktiken und AkteurInnen das System von Innen und von Außen immer wieder kritisiert. Sie verspricht auch Zugang zu diesem Kreislauf, zur globalen Elite. Das Versprechen, Star-KünstlerIn oder Star-KuratorIn zu werden besteht darin, auch Teil dieser mehr oder weniger aufgeklärten Elite zu werden, die ihre Vielfliegermeilen zwischen New York, London und der Golfregion zusammenrechnet. Aber nicht zuletzt weil dieser Lebensstil sowohl von den so genannten einfachen Leuten als auch von den neuen politischen Führern abgelehnt wird, müssen wir uns fragen, wofür wir stehen. Allzu lange ist die Kunstwelt selbst Leibeigene der extremen Mitte und ihrer exzessiven Gouvernementalität gewesen und wir mussten Statements führender KuratorInnen akzeptieren, wie jenes [von Mikhail Piotrovsky, Hedwig Fijen und Kaspar König 2014 anlässlich der Manifesta 10, Anm. d. Übers.], dass die Kunst nicht „von politischen AkteurInnen als Plattform für ihre selbstgerechten Repräsentationen missbraucht werden“ dürfe und dass es „keine Verbindung zwischen Biennalen und sozialen Bewegungen gibt und geben darf.“ Wir mussten diesen Status Quo akzeptieren und sogar begrüßen, weil die Alternative – der aufkommende Rechtspopulismus und seine pauschale Ablehnung von zeitgenössischer Kunst – noch schlimmer sein würde. […]

Es ist schließlich lehrreich, sich anzusehen, wie es den Künsten in der „illiberalen Demokratie“ im Ungarn Viktor Orbáns ergeht. Orbán und seine Regierung haben die Autonomie staatlicher Institutionen systematisch zurückgefahren, und die DirektorInnen und MitarbeiterInnen kultureller Institutionen mit politischen statt professionellen Angestellten besetzt – mit Personal, das mit ihrer Ideologie und ihrer nationalistischen Politik im Einklang steht. Das führte zwar zu Protesten, erlangte aber relativ geringe internationale Aufmerksamkeit, und die Antwort aus der Kunstwelt zwar eine zentristische: Die Off-Biennale für nicht-staatliche Institutionen wurde ins Leben gerufen und sie repräsentierte eine interessante Allianz zwischen alternativen Räumen, von KünstlerInnen betriebenen Räumen und kommerziellen Galerien, aber ihr Ziel bestand nicht darin, zu protestieren, sondern einfach darin, die Potenziale der Kunst aufzuzeigen, ihre Möglichkeiten von Meinungsvielfalt, Schönheit und Offenheit. Solche abstrakten humanistischen Werte bekämpfen aber den Faschismus nicht. Sie haben es historisch nicht getan, noch werden sie es jetzt tun. Ich fürchte, etwas viel Stärkeres wird erforderlich sein. Ich möchte allerdings nicht vorschlagen, irgendwie zu den historischen Avantgarden und ihrem Widerstand gegen den Faschismus zurückzukehren, denn der Faschismus heute nimmt andere Formen an und deshalb muss auch die Kunst andere Formen annehmen. Es geht nicht darum, dass Kunst Propaganda und Protest werden muss, auch wenn ich sicher bin, dass jetzt großartige kulturelle Produktionen in dieser Art stattfinden werden – in Opposition. Ich denke eher an die Kunst als Feld, wie wir uns mobilisieren und Solidarität als KunstarbeiterInnen in einem System schaffen werden, das bereits undemokratisch ist und sich innerhalb einer Demokratie im Belagerungszustand befindet. Wie sollen wir institutionell handeln? Mit anderen Worten geht es mir hier nicht so sehr um Repräsentation und Kritik – ich habe einiges Vertrauen in künstlerische Vorstellungskraft –, sondern eher darum, wie wir innerhalb künstlerischer Institutionen wie Galerien, Museen, Biennalen, Kunstmessen und Kunsthochschulen regieren. Können wir diese Räume weg vom verschwindenden Zentrum reorientieren und hin zu einer wieder erwachenden Linken, derer es mehr denn je bedarf?



Simon Sheikh ist Kurator und Theoretiker und ist Programmdirektor des MFA in Curating am Goldsmiths College der University of London.


Dieser Text erschien zuerst im e-flux journal. Gekürzt und aus dem Englischen übersetzt von Jens Kastner.