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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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"Die Rede von der Gratis-Mentalität ist nicht haltbar"


Interview mit Elisabeth
Mayerhofer, strategisch-politische Geschäftsführerin der IG Kultur Österreich, über Bündnispotenziale, Komplexitätsreduktionen und Chancen auf einen neuen Dialog.

In die sehr aufgeheizte Debatte um ein neues Urheber_innenrecht mischen sich ja die unterschiedlichsten Stimmen ein, und als Interessenvertretung bildender Künstler_innen sind wir hier ein wenig eingeklemmt: Wir können keinesfalls für die Abschaffung des Urheber_innenrechts sein, suchen aber gleichzeitig bspw. nach Wegen eines neuen fairen Umgangs mit den künstlerischen Werken Dritter v.a. im Internet – d.h. eine besonders restriktive Auslegung des Urheber_innenrechts oder gar eine verstärkte Verfolgung von User_innen ist auch keinesfalls in unserem Sinn. Wo siehst du in dieser Gemengelage potenzielle Bündnispartner_innen von Kunst-IGs mit anderen Gruppen?

In zwei Bereichen: Dort, wo es um die Rechtedurchsetzung geht. Wenn Verschärfungen des Urheberrechts letztlich zum Ende der Netzneutralität durch Überwachungsmechanismen wie „Deep packet inspection“ führen, dann sehe ich Bündnispartner_innen in den Vertreter_innen einer starken Zivilgesellschaft und jenen Gruppen und Personen, die politisch aktiv sind. Aber auch in jenen Feldern, wo es darum geht, mit dem Vorgefundenen im realen wie im digitalen Raum zu arbeiten. Sei es, um davon auf einer professionellen Basis als Künstler_in bzw. Kulturarbeiter_in zu leben, sei es, um sich als Amateur_in mit kulturellen und anderen Inhalten aktiv auseinanderzusetzen. Also überall dort, wo es um die Produktion neuer Inhalte auf Basis von Vorhandenem geht. In diesen Bereich fällt auch der gesamte Unterricht: Zwar ist die Werknutzung für Unterrichtszwecke frei, sobald dabei entstandene Arbeiten aber im Netz verfügbar gemacht werden, z.B. auf Youtube, entstehen Konflikte mit dem Urheberrecht. Auch hier sehe ich mögliche Partner_innen für ein neues Urheberrecht.

Ein wichtiges Problem in der Debatte ist die Simplifizierung der Situation, wenn etwa behauptet wird, dass durch die neue digitale Medienkultur (meist „Gratis-Mentalität“ genannt) und ein angeblich zu schwaches Urheber_innenrecht sämtliche Künstler_innen ständig bares Geld verlieren. Kannst du skizzieren, auf wen das eventuell wirklich zutrifft – oder ist das reiner Populismus?

Es gibt tatsächlich nur wenige öffentliche und auch nachvollziehbare Studien, die auf einer breiten Datenbasis beruhen. Dennoch kann eindeutig festgestellt werden: Künstlerische Einkommen sind in den meisten Fällen Mischeinkommen, und die Einnahmen, die über das Urheberrecht entstehen, sind für den Großteil der Künstler_innen sehr gering. Sehr oft wird von der Gleichung unbezahlter Download = Einnahmensentgang ausgegangen, die aber in dieser Form sicher nicht haltbar ist. Die Rede von der „Gratis-Mentalität“ ist auf jeden Fall nicht haltbar, zumindest beweisen das immer mehr Studien aus den letzten zehn Jahren, denn User_innen, die Werke herunterladen, gehören auch zu der Gruppe, die den höchsten legalen Konsum aufweist. Meiner Meinung nach geht es hier vielmehr um kumulierende Verunsicherungen, die nicht zuletzt durch die allgemein rapide sinkende Zahlungsbereitschaft für künstlerische Arbeit ausgelöst wird. Nicht so sehr die Rezipient_innen, sondern eher die Auftraggeber_innen zeigen eine problematische „Gratis-Mentalität“: Öffentliche Institutionen sind immer seltener bereit, adäquate Honorare zu bezahlen, unterlaufen arbeitsrechtliche Standards bzw. versuchen Mittel anzuwenden, die hart an der Erpressung vorbeischrammen. Dies lässt auf eine geringer werdende Wertschätzung für künstlerische Arbeit schließen. Und nun verändern sich unter dem Einfluss der Digitalisierung zusätzlich Produktion, Distribution und Rezeption sowie der Kunstmarkt (zumindest dort, wo es einen gibt). Die Rahmenbedingungen für das Kunstfeld verändern sich grundlegend, das Berufsbild ist im Umbruch – das alles löst völlig verständliche Verunsicherung unter den Betroffenen aus. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass Sündenböcke gesucht und bei entsprechender Komplexitätsreduktion auch gefunden werden. In diesem Fall eben die „Gratis-Mentialität“ der Rezipient_innen.

Nachdem die große UR-Novelle nun auf Eis gelegt ist und nicht einmal die Festplattenabgabe von der derzeitigen Regierung eingeführt wird: Ist das aus deiner Sicht die Chance, die Debatte endlich frei von Populismen und in Ruhe weiterzuführen?

Ja – in der Verzögerung liegt eine große Chance für alle Beteiligten: Die Verwertungsgesellschaften könnten ihre Daten unabhängigen Forschungseinrichtungen zur Verfügung stellen und in einem Dialog mit allen Betroffenen Lösungen ausarbeiten, die den Technologien und den neuen Arbeits- und Rezeptionsweisen entsprechen. Als Ausgangspunkt könnte eine tabula rasa angenommen werden – ohne die Zwänge des bestehenden Urheber_innenrechts. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, um über einen guten Rechtsrahmen für alle Involvierten nachzudenken. In Deutschland findet dieser Prozess bereits statt, in Österreich können wir darauf hoffen. Auch wenn das nun naiv klingen mag, so bin ich insgesamt zuversichtlich, dass sich hier die verhärteten Fronten bewegen werden, da im Kunstfeld im Laufe des letzten Jahres neue Allianzen eingegangen wurden, die nun weitergeführt werden. Auch macht sich eine Müdigkeit an Krawallkampagnen, die spalten und in ihrem Anliegen letztlich auch scheitern, bemerkbar – die konstruktiven Akteur_innen finden sich abseits der Trollforen.


E-Mail-Interview: Sylvia Köchl (April 2013)


Kommentare der IG Kultur Österreich zur Debatte um die UR-Novelle:

Weißbuch von Kunst hat Recht: Mutmaßungen, Ignoranz, Mythen und Halluzinationen (igkultur.at, 26.2.2013)

Kritik an geplanter Urheberrechtsnovelle 2013 in Österreich Zivilgesellschaftsorganisationen orten Mangel an Vision und Rechtssicherheit (igkultur.at, 21.12.2012)

Anfang 2012 hat die IG Kultur Österreich eine auch heute noch spannende Sammlung an Artikeln zum damaligen Stand der Debatte angelegt:

Urheber- und Verwertungsrechte
Die Diskussionen um Urheber- und Verwertungsrechte und Copyright-Regime sind aufgrund von Handelsabkommen wie ACTA und div. Initiativen neu entbrannt. Eine Sammlung der Diskurse. (igkultur.at,
21.2.2012)


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