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Kunst und Kind. Eine Interviewserie. #5:

Es ist mir wichtig viel zu reisen!

Borjana Ventzislavova im Gespräch mit Saskya Rudigier 


Hat das Kind Ihre berufliche Situation verändert?
Borjana Ventzislavova: Früher hatte ich auch Jobs zum Geldverdienen, wie Videoschnitt bei Okto oder Unterrichtsjobs. Das hat sich bei mir mit dem Kind aufgehört, weil ich nach der Geburt 2008 anfing mit der Galerie zu arbeiten und seither viele Ausstellungen habe. 

Als ich das Kind bekommen habe, war ich sehr stolz darauf. Ich war früher auch immer eine der Wenigen unter den ehemaligen Studienkolleginnen, die ein Kind hatte. Langsam werden es mehr, aber auffallend war das schon. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich mich immer gewundert, warum so wenige Künstler_innen Kinder haben. Im sozialistischen Bulgarien war das anders, da war es normal Kinder zu haben. 

Kommen Sie aus einer Künstler_innenfamilie?
BV: Ich komme nicht unbedingt aus einer Künstler_innenfamilie. Meine Mutter hatte einen fixen 9-to-5-Job, mein Vater war in der Filmbranche tätig. Ich war in einer Betreuungseinrichtung und meist eine der Letzten, die abgeholt wurde, weil meine Mutter einen weiten Arbeitsweg hatte. Wenn es meinem Vater möglich war, hat er mich auch schon früher abgeholt oder zu seiner Arbeit mitgenommen.  

Ich will ins Ausland und Erfahrungen sammeln 

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Auslandsaufenthalten?
BV: Viele Kolleginnen sind darüber erstaunt, wie ich es schaffe, länger ohne mein Kind wegzufahren und woanders zu arbeiten und fragen mich: „Wie schaffst du das mental?“ Gerade diese Auseinandersetzung mit anderen Orten ist aber für meine Arbeit ein sehr wichtiger Bestandteil. Das erste Mal nach der Geburt – als ich für fünf Wochen Artist in Residence war – war das Kind ein Jahr alt. Da habe ich selber auch nicht gewusst, wie das funktionieren wird.
Vielleicht setze ich mich auch eher durch. Ich will ins Ausland gehen und Erfahrungen sammeln und sage zu meinem Partner, dass wir das schon irgendwie schaffen werden. Und er unterstützt mich auch darin. Solange ich weiß, dass mein Kind gut versorgt ist und die Liebe bekommt, die es braucht, kann ich gut damit leben, es auch ein paar Wochen nicht zu sehen und mich intensiv mit meiner Arbeit auseinanderzusetzen.
Während meiner AiR war es teilweise selbstverständlich, dass ich dort alleine sein werde. Mein Partner, Mladen Penev, und mein Kind kamen zwar schon hin und wieder auf Besuch, aber in der Regel war ich alleine vor Ort. In Los Angeles war es auch nicht gestattet, Kinder mitzunehmen, weil mehrere Künstler_innen in den Ateliers gleichzeitig waren, das Gebäude aus den 1920er Jahren unter Denkmalschutz stand und sehr dünne Wände hatte. Für Chicago hatte ich letztes Jahr ein Stipendium bekommen. Dort war ich sechs Monate in einem Loft und meine Familie hätte niemanden gestört. Mladen hat sich jedoch dagegen entschieden und wollte wegen seiner Arbeit hier in Österreich bleiben. Alleine hätte ich nicht die Zeit gefunden, mein Kind zu betreuen. Auch finanziell hätte es nicht funktioniert.  

Mladen Penev: Ich arbeite freiberuflich als Grafiker und mir ist es deshalb möglich, flexibler zu arbeiten und gleichzeitig unseren Sohn zu betreuen. Mir ist es sehr wichtig, die Erziehung auch alleine hin zu kriegen, wenn Borjana nicht hier ist. Das macht mich sehr stolz.   

Meine Arbeit macht mich nun mal sehr glücklich 

Wie bringen Sie ihre künstlerische Arbeit und die Kinderbetreuung unter einen Hut?
BV: Ich habe mich nicht bewusst dazu entschieden, nur ein Kind zu haben. Aber sehr wohl überlege ich mir sehr gut, ob ich ein zweites Kind haben möchte. Ich glaube, bei der Betreuung von zwei Kindern ändert sich auch sehr viel. Nicht umsonst haben die meisten Künstlerinnen nur ein Kind.
Ich erlaube mir nicht, wie früher, bis 12 Uhr zu schlafen und bin jeden Tag, meist ab 9 Uhr, im Atelier. Wenn ich sehr viel zu tun habe, wie in den letzten Monaten, komme ich auch sehr spät nach Hause. Leicht finde ich es nicht, eine Familie mit meinem Künstlerinnendasein zu verbinden. Meine Arbeit ist auch mit vielen Kontexten und Orten verbunden, es ist mir wichtig, viel zu reisen. Darüber ist mein Kind natürlich nicht immer glücklich, auch in meiner Partnerschaft ist es nicht leicht, wenn ich viel weg bin. Aber die Arbeit macht mich nunmal sehr glücklich und gibt mir viel. 

Wie ist das als Partner?
MP: Wir verstehen uns sehr gut mit unserem Kind. Er ist auch gerade sehr selbstständig und geht alleine zur Schule. Wenn Borjana für sechs Monate weg ist, finde ich es manchmal ein bisschen lang. Aber ich verstehe, dass sie als Künstlerin diese Zeit braucht, und ich finde es auch wichtig, ihr diese Zeit zu geben. 

Bei der Mobilitätsunterstützung sollte die Familie mehr eingeplant werden 

Was würde es einfacher machen, Kind und Kunst unter einen Hut zu bringen? 
BV: Ich glaube von den Stipendien und finanziellen Unterstützungen für Künstler_innen, ist Österreich eigentlich eine große Ausnahme. In vielen anderen Ländern dieser Welt gibt es das nicht, deshalb mag ich mich auch gar nicht beklagen. Was ich aber anregen möchte, ist bei der Mobilitätsunterstützung auch mehr die Familie mit einzuplanen. Ich könnte z.B. gar nicht alleine mit meinem Kind an einem AiR-Programm teilnehmen, wenn ich nicht die Unterstützung von meinem Partner hätte und wenn für die längeren Phasen nicht meine Mutter aus Bulgarien kommen und mithelfen würde, das Kind zu betreuen. Wenn es hier mehr finanzielle Unterstützung gäbe oder generell Hilfe mit der Betreuung des Kindes im Ausland, wäre vieles auch leichter. 


Borjana Ventzislavova arbeitet im Bereich der Fotografie, Film, Video, Installation und neue Medien. Sie lebt mit ihrem Partner Mladen Penev und ihrem Sohn (8 Jahre) in Wien. 

Aktuelle Einzelausstellungen:

We are part of a collection (solo)
until 29 July 2016
GALERIE BÄCKERSTRASSE 4 - plattform für junge kunst
Bäckerstraße 4, 1010 Wien 

We shall overswim (solo)
until 11 June 2016
Kurt und Kurt + Projektraum LS43 
Lübecker Straße 13, 10559 Berlin

Wo – außer in ihrem Atelier – arbeiten Künstler_innen noch? Eine örtliche Entdeckungsreise. Für die Performance "15 minute constitutional bed stories“ wurde die Garage des Capitol Skyline Hotel verfremdet. (Foto: Flickr.com, cc by Hellomarkes)
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