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Anzeige wegen Sachbeschädigung darf nicht Ablenkungsmanöver von Geschichtsmanipulation sein


KünstlerInnen haben in Salzburg ein Zitat auf der Gedenktafel für Theodor Herzl ergänzt, um damit auf eine Manipulation von Geschichte aufmerksam zu machen: In dem verkürzten Zitat fehlt(e) der Verweis auf die antisemitische Stimmung in Salzburg. In der Folge sieht sich der Künstler Wolfram P. Kastner mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung konfrontiert.

(Offener Brief der IG BILDENDE KUNST, Februar 2002)


Sehr geehrte Damen und Herren der Salzburger Landesregierung!
Sehr geehrte Damen und Herren der Salzburger Stadtregierung!

Mit Erschütterung haben wir letzte Woche gelesen, mit welchen Mitteln in Österreich gegen KünstlerInnen vorgegangen wird, die sich um eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bemühen. Künstlerische Freiheit endet offensichtlich dort, wo sie zu Kritik an politischen EntscheidungsträgerInnen führt.

Es geht um das eingeleitete Strafverfahren gegen Wolfram P. Kastner, der am 29. August 2001 gemeinsam mit Martin Krenn und Studierenden der Salzburger Sommerakademie das Zitat auf der Salzburger Gedenktafel für Theodor Herzl um einen entscheidenden Satz aus Herzls Tagebuch ergänzte. Während auf der Tafel ausschließlich geschrieben steht "In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu.", fügten die KünstlerInnen folgenden Nachsatz handschriftlich hinzu: "Ich wäre auch gerne in dieser schönen Stadt geblieben, aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden." Nun - ein halbes Jahr später - sieht sich Kastner mit einer Anzeige wegen schwerer Sachbeschädigung konfrontiert. Am 14. Februar 2002 ist Kastner zu einer "Abhörung" vorgeladen. Die Verlagerung der Diskussion auf Sachbeschädigungsvorwürfe bekommt den unangenehmen Beigeschmack, auf diesem Weg vom Faux-Pas Salzburgs abzulenken, der sich mit der Anbringung einer solchen Gedenktafel geleistet wurde und offensichtlich noch immer geleistet wird.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine derartige Entkontextualisierung eines Zitats höchst unseriös - von der moralisch Verwerflichkeit der inhaltlichen Verzerrung in diesem speziellen Fall ganz zu schweigen! JedeR JournalistIn, die / der heute z.B. ein aktuelles PolitikerInnenzitat in einen öffentlichen Medium derart sinnverändernd wiedergeben würde, müsste mit ernsthaften juristischen Problemen rechnen. Umso bedenklicher erscheint es daher, dass eine einmal aufgezeigte sinnentstellte Zitatverwendung im öffentliche Raum scheinbar jeder Enttarnung zum Trotz - von den politisch Verantwortlichen gedeckt und offensichtlich gewollt - weiter existieren kann!

Mit dem Auftrag zur Übermalung der Zitatergänzung legen Sie als verantwortliche LandespolitikerInnen ein Bekenntnis zur Manipulation von Geschichte ab!

Die Verschleierung unangenehmer historischer Tatsachen gerade im Bereich Antisemitismus zeigt sich dabei als sehr spezifisch österreichisches Phänomen der Nachkriegszeit. Eine Strategie, die erschreckenderweise auch heute noch verfolgt zu werden scheint und sich offensichtlich nicht auf Ereignisse während der Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes beschränkt.

Dabei haben uns gerade die Diskurse der späten 1980er Jahre gezeigt, dass das Beharren auf der sogenannten "Opferthese" (Österreich sei erstes Opfer der Hitler'schen Angriffspolitik gewesen...) und die damit einhergehende Distanzierung von jeglichen antisemitischen Handlungen innerhalb der eigenen Reihen ein nicht länger akzeptabler Umgang mit der Geschichte Österreichs ist.

Jedes Denkmal, jede Gedenktafel, jede Zeichensetzung im öffentlichen Raum hat immer auch repräsentativen Charakter für die AuftraggeberInnen. Wir appellieren daher an die gesellschaftspolitische Verantwortung der Stadt und des Landes Salzburg, den Hinweis der KünstlerInnen als positiven Anstoß aus der Zivilgesellschaft aufzugreifen und anhand der Gedenktafel für Theodor Herzl einen verantwortungsbewussten Umgang mit Geschichte zu demonstrieren. Eine Ergänzung des Zitats ist nicht nur notwenig, um der historischen Realität gerecht zu werden, sondern stellt auch eine Chance für Salzburg dar, auf Fehler in der Vergangenheit zu reagieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Da wir außerdem nicht glauben, dass der Status Quo der Lage in Ihrem Sinne sein kann, hoffen wir, dass Sie sich für eine Lösung einsetzen, die nicht darauf abzielt einen engagierten Künstler mit juristischen Mitteln mundtot zu machen.

Deshalb unsere abschließenden Fragen: Wer ist verantwortlich für die bestehende Gedenktafel und die Auswahl des Zitats? Wie gedenken Sie, mit dieser Gedenktafel in Zukunft umzugehen? Welche weitere Strategie verfolgen Sie im Umgang mit dem Künstler Wolfram P. Kastner?

Mit der Bitte um Stellungnahme verbleiben wir mit freundlichen Grüßen

Daniela Koweindl
IG BILDENDE KUNST


Antwort von Bürgermeister Heinz Schaden
Antwort von Landeshauptmann Stellvertreter Wolfgang Essl
Antwort von Landeshauptmann Franz Schausberger
Antwort von Landesamtsdirektor Heinrich Christian Marckhgott