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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Wien Wahl 2015: Eine andere Kulturpolitik ist nötig

15 Forderungen an die Wiener Kulturpolitik


(1.9.2015, Pressekonferenz) Kunst- und Kulturschaffende, -initiativen und deren Interessengemeinschaften (allen voran die IG Kultur Wien) präsentieren ein gemeinsames Forderungspapier zur Kulturpolitik in Wien - ergänzt um vielfältige Statements aus der freien und autonomen Szene im Rahmen einer von der IG Kultur Wien veranstalteten Pressekonferenz im WUK: "Wir streiten uns um Brösel, während der Kuchen an uns vorbeigetragen wird.", so etwa die Künstlerin Julia Zdarsky. Die IG BILDENDE KUNST hat am Forderungspapier mitgewirkt und unterstützt die Kampagne der IG Kultur Wien "Eine andere Kulturpolitik ist nötig!". Ein Rückblick auf die Pressekonferenz und ein Ausblick auf weitere Aktivitäten.

Förderantragsmathematik
Lorenz Seidler (eSeL.at) sprach anhand eines aktuellen Beispiels von "Selbstkastration" in der Förderpolitik. Er war vor kurzem bei einem Projektförderantrag - nach Rückmeldung durch die Kulturabteilung - de facto gezwungen auf die Förderung zu verzichten oder die ursprünglich beantragte Summe um 85% zu kürzen, um dann mit einem neuen Antrag eine Zusage über letztlich 1.500 Euro zu erhalten. Damit werde der tatsächliche Förderbedarf der unabhängigen und freien Kunst- und Kulturschaffenden verschleiert, kritisierte auch Daniela Koweindl von der IG BILDENDE KUNST. Diese Praxis betreibt die Stadt Wien seit einigen Jahren und kann so am Ende behaupten, dass sie ohnehin 100 Prozent der beantragten Summen bewilligen würde.

Kommunikation? Diskriminierend bis Verweigerung.
Von unverschämt frauenfeindlichen Erfahrungen in der Kommunikation mit Künstlerinnen wusste wiederum Karin Maria Pfeifer zu berichten. Ihr wurde im Zuge einer Ablehnung ihrer Bewerbung um einen Kunstankauf entgegengeschleudert: "Sie müssen das schon verstehen. Wir kaufen einfach zu 80% Männer an, weil da stimmt einfach die Qualität bei den Arbeiten." - Eine Tatsache die glücklicherweise nicht den Realitäten entspricht! Aber was sagt dies über das Selbstverständnis der Wiener Kulturabteilung aus? Als Draufgabe kam dann noch hinterher: "Naja, bei Ihnen ist es auch eine Altersfrage." Auch mit Statements alla "Wie lieb, schon wieder so ein Frauenantrag" war Karin Maria Pfeifer schon konfrontiert. Kritik an der Kommunikation bzw. an deren Verweigerung durch Kulturstadtrat Mailath-Pokorny übte auch Thomas Jelinek, von 2000 bis 2008 Vorsitzender der IG Kultur Wien: "Es hat sich überhaupt nichts getan. Gar nichts! Eine der wichtigsten Forderungen hier ist Gesprächsbereitschaft. Die hat es nicht gegeben." Jelinek konstatiert ein Desinteresse an den Entwicklungen der Wiener Kunst- und Kulturszene aufgrund von Kulturpolitiker_innen, die Kulturpolitik als reine PR-Abteilung sehen.

Gespräche mit dem Kulturstadtrat? Alle fünf Jahre wieder...
Gesprächsbereitschaft hat aber offenbar diese Pressekonferenz bewirkt. Unmittelbar nach der Ankündigung bekam die IG Kultur Wien einen Termin beim Kulturstadtrat angeboten. Wird dieser nicht (wieder) kurzfristig abgesagt, wäre dies das erste Gespräch seit genau fünf Jahren - nämlich seit der letzten Vorwahlzeit... "Kulturstadtrat Mailath-Pokorny verweigert das Gespräch. Auch wenn er zusagt, zu Diskussionsrunden zu kommen, so sagt er diese immer wieder ab.", beschreibt Willi Hejda das Kommunikationsverhältnis. Die sozialdemokratische Kulturpolitik sei so viel Wert, wie das Papier, auf dem es gedruckt werde. Und auch unter der rot-grünen Regierung habe sich nichts geändert. "Es wurden vielleicht 5% der Vorhaben umgesetzt. Und auch das ohne die Szene.", so Hejda, der seit sieben Jahren als Vorsitzender der IG Kultur Wien aktiv ist.

Solidarische Flüchtlingspolitik. Gleicher Zugang zu Ressourcen. Und Bewegungsfreiheit für alle!
Was aber will die Szene? Das Forderungspapier steckt ein breites inhaltliches Spektrum ab. Bei der Pressekonferenz unterstrich die Künstlerin Romana Hagyo insbesondere die feministischen, queeren und antirassistischen Positionen: "Wir verstehen uns als Teil des Protestes gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik. Wir fordern eine solidarische und menschliche Flüchtlingspoltik, die es Menschen unabhängig von ihrer Herkunft möglich macht, in Wien, Österreich und Europa gleichberechtigt zu leben." Die Forderung nach Bewegungsfreiheit für alle oder jene nach einem gleichberechtigen Zugang zur Erfüllung von künstlerischen und kulturellen Arbeitsvorhaben sind weitere antidiskriminatorische Inhalte des Papiers, das in einem intensiven partizipativen Arbeitsprozess seit dem Frühling 2015 erarbeitet wurde. "Die Arbeit an dem Forderungspapier hat es möglich gemacht, in Bezug aufeinander und auf Basis von Diskussionen und auch Auseinandersetzungen, Vorschläge und Ansätze weiterzudenken.", so Romana Hagyo abschließend.

Die Pressekonferenz war auch ein markanter Auftakt zur Kampagne "Eine andere Kulturpolitik ist nötig!" der IG Kultur Wien. Zahlreiche Kunst- und Kulturschaffende werden den kulturpolitischen Forderungen in den nächsten Wochen bis zur Wahl am 11.10.2015 noch Nachdruck verleihen - mit Veranstaltungen, Performances und verschiedenen Aktionen. Die IG Kultur Wien lädt am 4.10.2015 (gemeinsam mit dem TAG und dem Institut für Kulturkonzepte) zu einer Diskussion mit den Kultursprecher_innen kandidierender Parteien ein und ruft zur Teilnahme am Protest Brunch auf:


Protest Brunch & Demo "Refugees Welcome"
Samstag, 3.10.2015: Ab 11 Uhr Protest Brunch der freien und autonomen Kunst- und Kulturszene bei Wasser und Brot. Treffpunkt: Friedrich-Schmidt-Platz / Florianipark, 1010 Wien. (Hinter dem Rathaus, zwischen dem Amtsgebäude der MA 7 und dem Wiener Rathaus.)
Anschließend Demonstration zum Westbahnhof. Dort beteiligen wir uns ab 13 Uhr als Block der freien und autonomen Kunst- und Kulturszene an der Demonstration "Flüchtlinge Willkommen" der Plattform für eine menschliche Asylpolitik.


15 Forderungen an die Wiener Kulturpolitik
Erarbeitet seit dem Frühling 2015 von Kunst- und Kulturschaffenden zusammen mit der IG Kultur Wien und unter Einbeziehung weiterer Interessenvertretungen - wie zB der IG BILDENDE KUNST. Im Überblick:

  1. In Dialog treten
  2. Gegen Verwertungslogik
  3. Angemessene Kunst- und Kulturbudgets für die freie Szene
  4. Zugang zu Ressourcen – Bottom up statt Top down
  5. Kontinuität ermöglichen
  6. Infrastruktur fördern
  7. Prekarisierung entgegentreten
  8. Transkulturelle Öffnung
  9. Feministische und queere Positionen
10. Gleichberechtigung älterer Künstler_innen
11. Vereinbarkeit von Betreuungspflichten verbessern
12. Konsumfreien öffentlichen Raum schaffen und erhalten
13. Kreativität und Selbstbestimmung in der Bildung
14. Wien als TTIP-freie Kommune
15. Solidarische und menschliche Flüchtlingspolitik

Das Forderungspaket in voller Länge >>


Eine andere Kulturpolitik ist nötig!
Eine Kampagne der IG Kultur Wien anlässlich der Wiener Gemeinderats- und Bezirksvertretungswahlen 2015 >>



Eine andere Kulturpolitik ist nötig!
3.10.2015: 11h Protest Brunch für eine andere Kulturpolitik, 13h Demonstration "Flüchtlinge willkommen" (Foto: DK)