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Ausschreibungsprojekt

WELCOME TO EUROPEAN UNION

Grenzverhandlungen am Rande Europas


Ein Ausstellungsprojekt von
Alena Pfoser, Eva Engelbert & Mitgliedern des Fotoklub Narva


Ausstellungsdauer bis 3. Mai 2013

Zur Ausstellung spricht Cornelia Kogoj / Initiative Minderheiten

Rahmenprogramm

9. April 2013  19h
Grenzen und (Im)mobilität – Filmprogramm

Clemens von Wedemeyer – ‚Otjesd / Leaving’ (2005)
Volxtheater Karawane – ‚publiXtheatrecaravan.mov’ (2002)
Isa Rosenberger – ‚Nový Most’ (2008)
Aurelia Mihai  ’…si cel moldovean’ / ‚… and the Moldavian one’ (2008)

25. April 2013  19h
Refugees und das EU-Grenzregime: (Un-)Rechtslagen, Forderungen, Strategien

Diskussionsabend mit Ronald Frühwirt (Jurist, Zeitschrift Juridikum), Alexandra König (Politikwissenschaftlerin) und Judith Ruderstaller (Juristin), moderiert von Paula Pfoser (Redakteurin MALMOE).
plus Screening von Videoaufnahmen aus den ersten Wochen des Refugee Protestcamp Vienna

WELCOME TO EUROPEAN UNION
Grenzverhandlungen am Rande Europas

„Freie Mobilität“ und „Festung Europa“ sind die widersprüchlichen Schlagworte, die zur Charakterisierung des europäischen Grenzregimes gebraucht werden. Während ausgewählte Gruppen Nutzen von der Freizügigkeit im Inneren ziehen und ihre Pässe auch die äußeren Grenzen der EU leicht überwindbar machen, wird auf der anderen Seite dicht gemacht. Wie aber erscheint die EU-Außengrenze jenen, die heute am Rande Europas leben und deren Lebenswelten und ökonomische und soziale Netzwerke bis vor kurzem nicht von Zäunen und Grenzposten gestört wurden?
Das Ausstellungsprojekt „Welcome to European Union“ beschäftigt sich mit den lokalen Verhandlungen der neuen EU-Außengrenze zwischen Estland und Russland. Seinen Titel borgt es von Souvenirs, Kühlschrankmagneten und Schnapsgläsern, die auf einem Festival in der estnischen Grenzstadt Narva verkauft werden: „Welcome to European Union“ beinhaltet ein Versprechen auf gastgeberische Offenheit und Zugang zum größeren geographischen und politischen Raum „Europa“ nach der Osterweiterung.

Aber es hat sich ein Fehler eingeschlichen, ein Riss im Willkommensgruß. Der kleine Übersetzungsfehler, ein fehlender Artikel, gibt Anlass dazu auch auf einer symbolischen Ebene über die Translation von EUropa in einen lokalen Kontext nachzudenken: Was bedeutet EUropa für die Menschen vor Ort? Wer hat räumlich und symbolisch Zugang zu dem Verheißenen – wer ist willkommen und wer muss draußen bleiben?
Mikrokosmos für die kritische Grenzuntersuchung sind die zwei Städte Narva (est) und Ivangorod (rus), die durch eine Brücke miteinander verbunden sind und lange Zeit einen sozialen Raum bildeten. Während der Sowjetzeit teilten sich die zwei Industriestädte, in denen fast ausschliesslich russischsprachige Siedler_innen und deren Nachkommen leben, u.a. den Friedhof, das Busnetz und die Wasserversorgung. Viele Menschen wohnten auf der einen und arbeiteten auf der anderen Seite des Narover Flusses. Der Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft bedeutete für Narva und Ivangorod nicht nur den Niedergang der Fabriken und folglich Abwanderung, sondern stellte auch die dichten sozialen Netzwerke in Frage. Grenzkontrollen und Visapflicht erschwerten die Kontakte, gleichzeitig schaffte die Grenze aber auch neue Optionen und Einkommensmöglichkeiten.

Die in der Ausstellung vertretenen Videos, Installationen und Fotografien setzen sich ausgehend vom Lokalen kritisch mit dem Phänomen „Grenze“ auseinander. Die Arbeiten beschäftigen sich mit den Orten und Situationen, an denen die Grenze sichtbar wird – an Plätzen im öffentlichen Raum („Grenzkarte“) und in alltäglichen ökonomischen Kreisläufen („Zucker und Benzin“). Sie untersuchen die vielfältigen Weisen, wie Akteur_innen die politischen Veränderungen und neuen Regulierungen verhandeln, reproduzieren und unterlaufen („Winter“, „Common Places“) und fragen nach der Herstellung von Differenz und deren Aufhebung („How to build a bridge“) und dem Zustand des Dazwischen-Seins.

Die Arbeiten haben zum Ziel, die „falsche Einfachheit“ (Balibar 2002), die die Vorstellung der Grenze als Linie suggeriert, in Frage zu stellen und ein Bild eines dynamischen und umstrittenen Grenzraumes mit multiplen Verbindungen sowie Ein- und Ausschlüssen zu zeichnen. Während es natürlich Machtasymmetrien in der Gestaltung und Verhandelbarkeit von Grenze gibt, präsentiert sich diese dennoch als gelebter Raum, der sowohl Einschränkungen aufweist als auch Handlungsmöglichkeiten bereithält.

Das Projekt basiert auf einer mehrere Monate andauernden Zusammenarbeit der Sozialwissenschafterin Alena Pfoser, der Künstlerin Eva Engelbert und den Mitgliedern des Narva Fotoklubs: Sergei Barankov, Valery Boltushin, Oksana Kipjatkova, Irina Kivimäe, Igor Kostyuk, Anton Lukinskij, Elena Shtshekotihina, Olga Shustrova, Jaanus Siim, Tatjana Upeniek und Irina Vasilieva. 

 

Alena Pfoser (geboren 1982 in Wien) studierte Soziologie in Wien und Russian and Eurasian Studies in St. Petersburg. Seit 2010 arbeitet sie an ihrer Dissertation an der Loughborough University, UK über Identitäten, Orte und Erinnerungen im russisch-estnischen Grenzland.

Eva Engelbert (geboren 1983 in Wien) absolvierte ihr Studium an der Universität für angewandte Kunst und der ENSAD Paris und lebt als freischaffende Künstlerin in Wien. Im Spannungsverhältnis zwischen Dokumentarismus und Inszenierung bedient sie sich unterschiedlicher Medien wie Video, Fotografie, Installation und Publikation.

Der Fotoklub „Narva" wurde 1979 von der Fotografin Irina Kivimäe gegründet und 1989 von Valery Boltushin übernommen. Der Klub besteht aus einem heterogenen Kollektiv von professionellen und Amateurfotograf_innen unterschiedlicher Altersgruppen, die einmal in der Woche zusammenkommen, um individuelle und kollektive Projekte zu diskutieren. Die Mitglieder kommen aus Narva sowie aus den Städten und Dörfern der Umgebung, u.a. auch aus dem russischen Ivangorod. 

 

Installationsdetail/ Foto: IG BILDENDE KUNST
Alena Pfoser & Eva Engelbert/ Still aus "Narova"/ Video

Galerie IG BILDENDE KUNST
Gumpendorfer Straße 10-12
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Tel. +43 (0)1 524 09 09
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