Kooperation mit AIR Artist in Residence NiederösterreichABOUT TRANSLATIONNina Höchtl (A) & Anila Rubiku (AL)
Im Rahmen der Kooperation zwischen der IG Bildende Kunst und AIR artist-in-residence in Krems präsentieren wir 2011 in dieser Ausstellung Anila Rubiko, eine Gastkünstlerin aus Albanien, derzeit mit Basis in Paris und Italien. In bewährter Form zeigen wir sie gemeinsam mit einer niederösterreichischen Position: Nina Höchtl, die im Moment ebenfalls pendelt, zwischen UK, Mexiko und Österreich. ABOUT TRANSLATION Die Diversität von Geschlechterrollen und Identitäten, gemessen an deren kulturellen Sozialisation und Bindung, sind Schwerpunkte der Arbeiten der österreichischen Künstlerin Nina Höchtl und der albanischen Künstlerin Anila Rubiku. Neben grundlegenden Fragestellungen zu Feminismus, Identität, Post-Kolonialismus und Migration, reflektiert die künstlerische Praxis beider die Modi der empirischen Recherche, der Aneignung und der kritische Analyse der eigenen künstlerischen Autorenschaft. Die Ausstellung „about translation“ reflektiert die kulturellen Übersetzungsprozesse und deren Leseweisen. Ein autobiografischer Bezug ist bei beiden Arbeitszugängen ausgeblendet, wobei der persönliche Erfahrungshorizont logische Ausgangsbasis ist. Der Werkprozess wird von Interviews und gefundenen Materialien bei Hoechtl, durch das Involvieren Dritter als Produzenten und das buchstäbliche ready made bei Rubiku umgesetzt. Nina Höchtl untersucht in ihrer dreiteiligen Videoarbeit „Carlota & Max en Espaniol, Deutsch & English“ eine mexikanische Parodie zur österreichischen Geschichte zwischen Sprache, Kolonialismus und Macht. Ausgangsmaterial ist die historische Begebenheit des österreichischen Kaiserpaars Maximilian und Charlotte (1864-67), die – obwohl Benito Juárez schon als Präsident angelobt war – die Kaiserkrone für sich beanspruchten. War es die Aussage Napoleon des III., dass sich angeblich die Mexikaner einen Habsburger Kaiser wünschen oder pure Ignoranz gepaart mit Naivität und Machtwille, der sie zu diesem Schritt bewog? Wir wissen es nicht. Die beiden Komiker Mario Moreno- Cantiflas und Manuel Medel entwickelten 1939 mit dem Film „El signo de la muerte“ eine Parodie auf das Kaiserpaar. Anhand von verzerrter Sprache legt sie den kolonialistischen Impetus der Europäer offen, wie er bis heute noch erschreckende Gültigkeit hat. Hierbei kommt Mario Morenos Markenzeichen zur Geltung, das bis heute seinen Namen ergänzt und verwendete wird: „cantiflear“. Es bedeutet ein sich ständiges Verhaspeln, das den Nerv der Kritik ungewollt trifft. Hoechtl entwickelt zum beschriebenen Plot ein alternatives Ende und spricht beide Rollen neu. Der historische Subtext der Parodie, wird anhand des Versagens von Sprachen und gegenseitigem Verstehens, zur kritischen Gegenwart einer bis heute noch nicht definierten globalen Welt mit all ihren kulturellen Facetten. Die provokante Frage einer Sklavin der amerikanischen Gründerzeit „Ain´t I A Woman“, ist nicht nur Titel von Anila Rubikus Installation hundert bestickter Taschentücher, sondern steht stellvertretend für 100 Frauenbiografien, die unsere Gesellschaft, Politik, Kunst und Wissenschaft bis heute geprägt und verändert haben, wie z. B. Simone de Beauvoire, Judy Chicago, Bertha von Suttner oder Elfriede Jelinek. Rubiku ließ die einzelnen Tücher von albanischen Frauen besticken, mit der Bitte, dass diese sich zuvor mit den jeweiligen Biografien auseinandersetzten. Die Künstlerin gab ihnen die Biografien zu lesen, um unterbewusst einen Zustand der Selbstreflexion und inneren Übersetzung auf das eigene Dasein der Frauen anzustoßen. Während hier das exemplarische Vorbild zum Selbstbild stimuliert wird, inszeniert Rubiku andererseits Wortspiele zu ready made Skulpturen. Spielerisch überspitzt sie Bedeutungszusammenhänge anhand deren Materialentfremdung. In „Love Different“ zeigt sie einen rollbaren Kleiderständer, der auf Kniehöhe verkleinert ist und dessen Hosenkleiderbügel jeweils einen Buchstaben des Titel tragen. Geschlechterrollen werden hier ironisch aufgeladen und jegliche Funktionalität der Objekte auf den Kopf gestellt. Die männliche Dominanz wird nach deren Hosenlänge bemessen und die Hausfrauenrolle, die jene Hosen auf die Bügel hängen, ins Absurde gezogen, um dem allem die Parole zu geben: das andere zu Lieben. Die Irritation zwischen Subjekt, Objekt und Sprache ist ebenfalls Ausgangspunkt der Arbeit „Ad amo“ – die zwischen der Bedeutung der italienischen Übersetzungen von Angelhaken und Adam die Reibungsflächen der Geschlechter an ca. 50 Haken hängt. Die in Objekt und Text gebundene Interpretation wird bei Rubiku zum Spiegel kultureller Übersetzungstechniken unserer durch Gender und Politik geprägten Gegenwart. Karin Pernegger The main focus of the works of Austrian artist Nina Höchtl and Albanian artist Anila Rubiku is the diversity of gender roles and identities gauged by their cultural socialization and bonding. Along with a fundamental questioning of feminism, identity, postcolonialism and migration, the praxis of both artists reflects the modes of research, appropriation, and critical analysis of their own artistic authorship. The exhibition “about translation” reflects the cultural processes of translation and their readings. In both cases autobiographical references are excluded though the personal experience horizon does provide the logical starting point. The work process is carried out using interviews and found materials—Hoechtl—and by involving a third party as producer and, literally, by ready-mades—Rubiku. In her three-part video work “Carlota & Max in Español, Deutsch & English”, Nina Höchtl examines a Mexican parody on Austrian history between language, colonialism and power. The raw material is provided by the historical events around the Austrian imperial couple Maximilian und Charlotte (1864-67) who claimed the imperial crown even though Benito Juárez had already been sworn in as Mexican president. Was it the alleged statement of Napoleon III that the Mexicans wanted a Habsburg emperor or pure ignorance coupled with naivety and a will to power that led them to take the step? We do not know. In 1939 the two comedians Mario Moreno (Cantiflas) and Manuel Medel developed a filmic parody of the imperial couple—“El signo de la muerte”. By using a distorted language they exposed the colonial impetus of the Europeans in a way that that is still alarmingly valid. Here Mario Moreno’s trademark comes into its own. Even today the addition to his name is still in use as: “cantiflear”. It means a continuous muddle that inadvertently touches the critical nerve. Hoechtl developed and alternative ending to the described plot and re-records both roles. The failure of language and mutual understanding turns the historical parodic subtext into a present-day criticism of a still undefined global world with all its cultural facets. The provoking question of a mid-nineteenth century slave woman “Ain´t I A Woman” is not only the title of Anila Rubiku’s installation of a hundred embroidered handkerchiefs, but also stands for the biography of one hundred women—such as Simone de Beauvoire, Judy Chicago, Bertha von Suttner or Elfriede Jelinek—who have influenced our society, politics, arts and sciences up to the present day. Rubiku had the individual handkerchiefs embroidered by Albanian women with a request that they concern themselves with the relevant biography. The artist gave them the biographies to read in order to impact with the women’s subconscious and engender a state of self-reflection and inner translation. While exemplary models are used here to stimulated a self-image, elsewhere Rubiku ‘translates’ word games into ready-made sculptures. She exaggerates associative meanings playfully by using a material estrangement—in “Love Different” she shows a mobile clothes rack that has been cut down to knee level and supports (trouser) clothes hangers, each with a letter of the title. Gender roles here take on an ironic charge and the entire functionality of the object is turned upside down. Male dominance is measured by the length of the trousers and the role of the housewife—who hangs the trousers up—is made absurd in order to produce the slogan imperative: love the other. The irritation between subject, object and language also provides the starting point for the work “Ad amo” in which gender frictions are suspended somewhere between the meaning of the Italian translation for ‘fish hook’ and Adam on around 50 hooks. The interpretation bound up in object and text in Rubiku’s work becomes a mirror of the techniques of cultural translation of a present which is characterized by gender and politics. Karin Pernegger NINA HÖCHTL Bis 2012 Doktoratskandidatin des Art Programme der Goldsmiths Universität in London (GB) Ausstellungen, Präsentationen und Screenings |





