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Kooperation mit AIR artist-in-residence Krems

SFERE


Mit Beiträgen von

Irena Lagator, Wendelin Pressl

Kuratiert von
Dagmar Höss 

 

Eröffnung: Dienstag, 19. Jänner 2010
Ausstellungsdauer bis 5. März 2010

Kooperation mit AIR artist-in-residence Krems

Folderpdf [PDF, 225 KB]

Im Rahmen der Kooperation zwischen der IG Bildende Kunst und AIR artist-in-residence Krems präsentieren wir in dieser Ausstellung Irena Lagator, eine Gastkünstlerin aus Montenegro gemeinsam mit Wendelin Pressl, einem Kollegen aus Österreich.

 

SFERE

Die Ausstellung „SFERE“ vereint zwei künstlerische Positionen – Irena Lagator und Wendelin Pressl – die sich beide durch die Vielzahl von verschiedenen Medien auszeichnen, die sie für ihre Erkundung und Vermessung der Welt anwenden: von Video, Fotografie, Zeichnung und Malerei über Objektkunst bis hin zu räumlichen Installationen und Interventionen im privaten und öffentlichen Raum.

„Sfere“ ist das montenegrinische Wort für „Sphären“, das vom griechischen Wort „sphaira“ mit der Bedeutung „Ball“, „Kugel“ herrührt. In einem metaphorischen Sinn bezeichnet „Sphäre“ auch einen bestimmten Bereich, der eine Person, ein Konzept, ein Land, eine Macht oder eine Kultur umgibt, wie z.B. „Einflusssphäre“, „Privatsphäre“, „Sphäre des Öffentlichen“, „Handlungssphäre“ oder „Interessenssphäre“. Im geozentrischen Weltbild der Antike bezog sich „sphaira“ auf das Himmelsgewölbe, das, wie man glaubte, aus mehreren konzentrischen, kristallinen Kugelschalen bestand, die in verschiedenen Distanzen voneinander und in verschiedenen Geschwindigkeiten rotierten und an die die Sterne angeheftet waren.

Wendelin Pressl und Irena Lagator sind beide, auf ihre jeweils eigene Art, ebenfalls an dieser „himmlischen Sphäre“ interessiert.

Irena Lagators subtile Installation „Present Space Expansion“ (2010) ist eine Fortführung der Arbeiten „Near Universe“ (2006) und „How Small Is the Universe“ (2007). Die Besucher betreten eine Box, einen stockdunklen Raum, und fühlen sich schwindelig und desorientiert, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Dann beginnen tausende kleiner Lichtpunkte zu erscheinen, wie eine sternenerfüllte Nacht. Dieser Eindruck entsteht durch handgefertigte Nadelstiche, die die schwarzen Polyethylän-Planen, die Wände und Decke der Box bilden, durchstoßen und von hinten beleuchtet werden. Ein dreidimensionales, begehbares Universum, scheinbar bis in die Unendlichkeit reichend. Die Besucher erfahren wechselnde Eindrücke, während sich das künstliche Universum vor ihren Augen entfaltet, je nachdem wie sich darin bewegen und wie lange sie sich in dieser Umgebung aufhalten.

Eine andere – genauso atmosphärische – interaktive Erforschung von Raum- und Zeitstrukturen bilden Lagators site-spezifische Installationen, unter Verwendung dünner Garne in den Farben des Regenbogens oder in Gold und Silber (u.a. „Please Wait Here“, 2005, „Own Space“, 2006, „What We Call Real“, 2008). Farbige Schnüre hängen frei von der Decke; die Wahrnehmung der Farben verändert sich ständig, abhängig von der Lichtsituation und den Bewegungen und der Perspektive des Betrachters. Diese minimalistischen Installationen sind ein Spiel mit Licht, Farbe und Bewegung, ein Oszillieren zwischen Materialität und Immaterialität, Leere und Präsenz. Die ephemeren Strukturen, gleichzeitig haptisch und wandlungsfähig, sind beinahe transzendent in ihrer Flüchtigkeit. Dem Verwischen von Grenzen, der Transformation der Wirklichkeit, aber auch der Erkundung des Verhältnisses zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis, gilt immer wieder Irena Lagators künstlerisches Interesse. 

So stellen sowohl Irena Lagator als auch Wendelin Pressl – oft mit einfachsten Mitteln – unsere gewöhnliche, alltägliche Sicht und Wahrnehmung von Realität, Raum, Zeit und Vorstellungen auf die Probe  und verwandeln scheinbar vertraute in bisher unbekannte, unerforschte Sphären.

Lebenslauf Irena Lagator [PDF, 66 KB]


Wendelin Pressl
zeigt hier vier Arbeiten, eine davon ist „Whirligig“ (2009). „Mir gefällt die Idee der Umkreisung, so als würde man um die Welt kreisen, um Ausschau zu halten nach Phänomenen, nach Abläufen, nach Ideen und Fragestellungen – wie ein Satellit vielleicht oder wie ein Weltraumteleskop“, sagte er einmal. Nahe dem Effelsberg in Deutschland steht das weltweit größte, voll schwenkbare Radioteleskop, das elektromagnetische Wellen im Universum misst. Pressl kaufte ein kleines Souvenirtellerchen mit einem daraufgemalten Bild des Teleskops und verwandelte es mittels eines einfachen Elektromotors in ein sich drehendes Karussell (im Englischen „whirligig“), das nun voller Ernsthaftigkeit den Galerienraum abtastet. Pressls Arbeiten „Boss“ (2008) und „Delirious“ (2008) vermitteln beide ein Gefühl des Schwindels, so als würde man den Boden unter den Füßen und die Orientierung verlieren. „Boss“ ist ein Video, das ein Windrad als unbewegliches Zentrum, als Nabel oder Nabe einer rotierenden Welt zeigt. Dieses nabenzentrische Weltbild wird mittels einer einfachen mechanischen Kurbel, mit der die Videokamera manipuliert wird, erzeugt. „Delirious“ ist eine Installation, die aus zwei Sockeln in Gestalt von Wolkenkratzern, zwei Fotografien und einem Modell aus Karton besteht. Moderne Technologien möchten uns die Illusion vermitteln, in der Lage zu sein, bei jedem Ereignis in Echtzeit dabei zu sein, die „Wahrheit“ zu sehen, so als ob wir endlich jenen besonderen Ort erreicht hätten, „den Ort, an dem, ohne sich zu vermischen, alle Orte der Welt sind, aus allen Winkeln gesehen“ (Jorge Luis Borges, „Das Aleph“, 1949). Google Earth, z.B., behauptet von sich, die Wirklichkeit darzustellen – aber das ist weder wahr noch überhaupt möglich. Pressl zeigt dieses Faktum, indem er eine Google-Fotografie wörtlich nimmt: ein Satellitenbild von Wolkenkratzern in einer amerikanischen Stadt. Aber was wir sehen, sind Gebäude in einem unmöglichen Neigungsgrad, „deliriöse“ Gebäude, die in Wirklichkeit in sich zusammenstürzen würden. Das liegt an einem Übertragungsfehler der Satelliten; sie sind keine Garanten der Wirklichkeit, sondern (unfreiwillige) Verzerrer der Realität. „Astroland“ (2009) ist ein weiteres Beispiel von Pressls Spiel mit Realität, Wahrnehmung und unseren Erwartungshaltungen. Ein hinterleuchteter kleiner Tisch, auf seiner Oberfläche eine Sternenkarte, ein „Hubble Deep Field“-Bild, betitelt „Multiple Stellar Baby Boom“. Die, auf den ersten Blick authentisch wirkende Fotografie eines Teils des interstellaren Universums, entpuppt sich jedoch als eine Filzstiftzeichnung, ein Universum aus dichten schwarzen Strichen, dazwischen hellere Punkte.

Lebenslauf Wendelin Pressl [PDF, 31 KB]

 

Textbasis: Karin Buol-Wischenau

Irena Lagator/ limited responsibility society knowledge/ Objekte/ 2009/ Foto: Irena Lagator //Bild anklicken zur Vergrößerung//
Wendelin Pressl/Whirligig/ Objekt/ 2009/ Foto: Wendelin Pressl

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