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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Strategischer Universalismus
Gemeinsame Kämpfe. Politische Gleichheit.

Fr. 9. und Sa. 10. Februar 2007

Vorträge und Diskussionen in der IG Bildende Kunst

Im politischen Aktivismus stehen Allianzenbildungen und gemeinsame Kämpfe wieder zunehmend auf der Tagesordnung.
Die Veranstaltung beschäftigt sich mit der Perspektive von Gleichheit
in theoretischen Konzepten und politischen Strategien, die über reine "Single-Issue-Politik" hinausgehen, Identitätspolitiken überschreiten
und dabei zugleich die Fallen eines verkürzten, vereinnahmenden
und ausschließenden Universalismus hinterfragen.

Im Rahmen der Ausstellung: Nichts für uns, Alles für alle

In Kooperation mit dem
eipcp
translate. Beyond Culture: The Politics of Translation

Konzept und Organisation:
Therese Kaufmann, Daniela Koweindl, Nora Sternfeld.

Dank an Ljubomir Bratić.


Freitag 9. Februar 2007

18.00 Uhr
Einführung ins Thema und Programm
Therese Kaufmann, Daniela Koweindl, Nora Sternfeld

18.30 Uhr
Strategischer Universalismus: Dead Concept Walking
Boris Buden (Berlin)

Der Universalismus in seinem original modernistischen Sinne ist tot. Das heißt noch nicht, dass es ihn nicht mehr gibt. Schon längst machen wir Kunst nach dem Tod der Kunst und nennen das contemporary art (Danto). Wir leben auch nach dem Tod des Menschen und haben aus dem Umstand sogar den Ausgangspunkt des gegenwärtigen Denkens gemacht (Althusser, Foucault). Dieses Leben nach dem Tode nannte Benjamin “Fortleben” und verwendete es, um seinen Begriff der Übersetzung ein für allemal vom Original zu befreien.
In meinem Beitrag verstehe ich das “strategisch” Werden des Universalismus als eine Form seines politischen Fortlebens.

20.00 Uhr
“there is no such thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives.” (Audre Lorde)
Beatrice Achaleke, Marty Huber und Nora Sternfeld im Gespräch

Samstag 10. Februar 2007

15.00 Uhr
Ich habe sie schreien gehört: "Was wir verteidigen, das verteidigen wir für alle!". Spuren einer Geschichte in Bewegung
Antonella Corsani (Intermittents du spectacle, Paris)

Es ist die Geschichte einer Bewegung, die Geschichte eines Kampfes, die Geschichte eines Konflikts im Herzen des Neoliberalismus. Es ist dies die Geschichte der Koordination der Intermittents und prekär Beschäftigten, ein Stück Sozialgeschichte Frankreichs zu Beginn dieses Jahrtausends. Wer sind die "intermittents et précaires du spectacle", die prekären Kulturschaffenden? Weshalb kämpfen sie seit Juni 2003? Wie ist es zu ihrem Kampf gekommen? Von diesen Fragen muss zuerst gesprochen werden. Dennoch werde ich in der Folge von einigen Texten, die durch die gemeinsamen Bemühungen der Betroffenen entstanden sind ("Die Macht des Wir", "Was wir verteidigen, verteidigen wir für alle"), ausgehen und den komplexen, widersprüchlichen und nichtsdestoweniger engagierten Weg skizzieren, der vom "ich" zum "wir", vom "wir" zu "allen" führt.

Vortrag in französischer Sprache mit deutscher Übersetzung von Karoline Feyertag.

17.00 Uhr
Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm!
Hakan Gürses (Wien)

Der Turmbau zu Babel, als sprachlicher Gemeinplatz Symbol für den chaotischen Zustand von Parallelwelten, beschreibt zugleich eine noch nie da gewesene Eintracht, die der Sprachverwirrung vorausging. Handelt es sich bei der Legende also um die Metapher für einen erbitterten Partikularismus oder für einen ungezügelten Universalismus? Oder ist der Turmbau gar das dialektische Musterbeispiel für die "Einheit der Gegensätze"?
Das Universalismus-Partikularismus-Problem beschäftigt die politische Theorie seit mindestens vier Jahrzehnten. Wie bei jeder Dichotomie wurden/werden auch hierzu Modelle der Versöhnung vorgeschlagen, Mittelwege in Aussicht gestellt. Zunehmend in Vergessenheit gerät dabei die jeweilige Motivation, warum denn die Frage nach Universalismus/Partikularismus überhaupt gestellt wird und warum dieser gordische Knoten zu durchtrennen sei.
Im Vortrag werden ausgehend von einem solchen "Kontext der Motivation" – auch am Beispiel der Turmbau-Legende – zwei Themen angeschnitten: Subjekt und Kritik. Von welchem Subjekt reden wir, wenn wir es dem Universalismus oder dem Partikularismus zuschlagen wollen? Von welcher Kritik reden wir, wenn wir nach trickreichen Strategien suchen, die uns dabei helfen sollen, das dichotome Universum von Universalismus und Partikularismus zu umschiffen?

18:30 Uhr
Für wen was? Welchen Universalismus wollen wir?
Podiumsdiskussion mit Natalie Deewan, Vlatka Frketić, Belinda Kazeem, Martin Krenn;
Moderation: Jens Kastner

Diskussionen und Vorträge von / mit:

Beatrice Achaleke ist Begründerin und Obfrau des International Center for Black
Women's Perspectives – AFRA, Mitinitiatorin der Kommunikationskampagne Black Austria, Mitbegründerin und Obfrau des Vereins Schwarze Frauen Community, Obfrau von ENARA - European Network Against Racism.
Sie verfügt über langjährige (Trainings-)Erfahrungen in den Bereichen Erwachsenen- und Schulbildung, Anti-Rassismus-Arbeit, Migration etc. Sie leitet derzeit das von der EU und BMWA im Rahmen von Equal Antragsrunde 2 finanzierte Equality Mentoring
Modul für schwarze Frauen (siehe www.schwarzefrauen.net/mentoring).

Boris Buden, Dr. Phil., 1958 in Kroatien geboren. Seit 1982 publizistische Tätigkeit im ehemaligen Jugoslawien und Europa. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Deutschen ins Kroatische. In den 90er Jahren war er Redakteur im Magazin Arkzin, dem Sprachrohr der kroatischen Friedensbewegung. Bücher: Barikade I und II, Zagreb 1996 und 1997, Kaptolski kolodvor, Belgrad, 2001, Der Schacht von Babel, Berlin 2004. Lebt in Berlin.

Antonella Corsani ist Ökonomin, Redaktionsmitglied der Zeitschrift Mutlitudes, Aktivistin und Koordinatorin der "Intermittents et Précaires d'Ile de France", Mitarbeiterin an einer Studie zu Prekarisierung am Schauspielsektor, Berichterstatterin der Studie online: www.cip-idf.org

Natalie Deewan ist Unternehmerin (Der Wiener Deewan, Ehe ohne Grenzen, sprachliche Lösungen) und lebt in Wien.

Karoline Feyertag: Philosophin, Arbeit an einer Biographie zu Sarah Kofman, Flüchtlingsberaterin und Übersetzerin von französischen Texten und anderen kulturellen Kontexten.

Vlatka Frketić, versucht immer noch den Antirassismus zu verqueeren.

Hakan Gürses, Dr. phil.: Jg. 1961, Istanbul; Studium der Philosophie in Wien. Mitarbeiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung, Chefredakteur der Zeitschrift „STIMME von und für Minderheiten“, Lektor am Institut für Philosophie sowie für das Projektstudium „Internationale Entwicklung“ der Universität Wien und Lehrbeauftragter an der Donau-Universität Krems. Für Publikationen und weitere Informationen: www.hakanguerses.at

Marty Huber ist Dramaturgin, Performancetheoretikerin und queere Aktivistin. Sie studierte Theaterwissenschaft in Wien und Performancetheorien in New York und Los Angeles. Ihr Interesse an den Zusammenhängen zwischen Performance und Politik mündet des öfteren in klandestinen, nomadischen Interventionen im öffentlichen Raum. U.a. war sie Dramaturgin des 3jährigen Performance- und Netzprojektes “Multiple Choice" von Fabian Chyle in Stuttgart. Neben den praktischen Konsequenzen aus der Gender und Queer Theorie setzt sie sich gerne Interventionen von Seiten migrantischer Kontexte aus. Seit Oktober 2005 ist sie Sprecherin der IG Kultur Österreich.

Jens Kastner, Jg.1970, Dr. phil., Soziologe und Kunsthistoriker, lebt als freier Autor und Dozent in Wien und Münster. Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Uni Münster (1999-2004), am Zentrum für Lateinamerikaforschung (CELA) der Uni Münster (2004-2006) und an der Wiener Kunstschule. Veröffentlichungen in diversen Zeitungen und Zeitschriften (Jungle World, springerin, u. a.) zu Sozialen Bewegungen, Cultural Studies und zeitgenössischer Kunst. Koordinierender Redakteur von Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst.

Therese Kaufmann ist Mitarbeiterin des eipcp - European Institute for Progressive Cultural Policies und koordiniert das transnationale Kunst- und Forschungsprojekt translate. Beyond Culture: The Politics of Translation (2005-2008). Sie ist Redaktionsmitglied der Kulturrisse.

Belinda Kazeem ist Studentin, Projektmitarbeiterin der Schwarze Frauen Community (sfc) und der Recherchegruppe für Schwarze österreichische Geschichte.

Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst. Seit 1998 freie kunst- und kulturpolitische Text- und Projektarbeiten. Arbeitsschwerpunkte: Kämpfe um soziale Rechte und gleiche Rechte für alle.

Martin Krenn ist Künstler, unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst Wien und ist seit April 2006 Vorsitzender der IG Bildende Kunst. Seine Projekte fokussieren Strategien des Widerstandes gegen vorherrschende Machtverhältnisse. Er arbeitet mit unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Film und Text. Er realisiert und kuratiert Ausstellungen und Projekte im öffentlichen Raum. www.martinkrenn.net

Nora Sternfeld ist Kunstvermittlerin und Kuratorin. Sie ist Mitbegründerin und Teilhaberin des Büros trafo.K, das mit den inhaltlichen Schwerpunkten zeitgenössische Kunst und Zeitgeschichte an personalen und medialen Vermittlungsprojekten, Schulungen und Workshops in Museen, Ausstellungen und im öffentlichen Raum arbeitet. 2006 war sie Teil des KuratorInnenteams von Verborgene Geschichte/n - remapping mozart, ein Projekt von Wiener Mozartjahr 2006. Darüber hinaus ist sie im Kernteam des Netzwerks Schnittpunkt. Ausstellungstheorie und Praxis, Vorstandsmitglied der IG Bildende Kunst und im Redaktionsteam von Bildpunkt - Zeitschrift der IG Bildende Kunst. Seit dem Wintersemester 2006 ist sie Teil des Leitungsteams des postgradualen Lehrgangs ecm­ exhibition and cultural communication management an der Universität für Angewandte Kunst. Sie ist Lehrbeauftragte an der Akademie der bildenden Künste Wien und publiziert zu zeitgenössischer Kunst, Vermittlung, Geschichtspolitik und Antirassismus.