Wege nach Ravensbrück
Programm
Do, 26.1.2006, 19h
Lesung Gabriela Schmoll: "Ah, was wir da erlebt haben an verdrehten Gehirnen!"
Erzählungen von Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück über das Zurückkehren nach Österreich
Nach der Befreiung der Konzentrationslager oder der Entlassung aus dem Lager versuchten alle Überlebenden möglichst schnell in ihr Herkunftsland, ihre Heimatstadt oder ihr Heimatdorf zu gelangen. Die Freude über das Zurückkehren wich bald anderen Gefühlen. Viele erfuhren erst jetzt von der Ermordung oder dem Tod von Familienangehörigen oder FreundInnen, wurden wie Fremde teilnahmslos oder feindselig empfangen und waren mit der Zerstörung sozialer Zusammenhänge und materieller Güter konfrontiert. So teilten viele Überlebende nachhaltig Erfahrungen von Isolation und Schuldgefühlen, gesundheitlichen und materiellen Schwierigkeiten und erlebten in ähnlicher Weise die Unmöglichkeit, am ganz „normalen“ Leben im Österreich der Nachkriegszeit teilzunehmen. Die Lesung bringt aus den Lebenserzählungen weiblicher Überlebender des Konzentrationslagers Ravensbrück diese geteilten Erfahrungen, aber auch unterschiedliche Möglichkeiten damit umzugehen zur Sprache.
Gabriela Schmoll lebt und arbeitet als Schauspielerin in Wien und ist seit 1994 aktives Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen.
Do, 2.2.2006, 19h
Werkstattbericht und Diskussion
Bernadette Dewald/Gerda Klingenböck
VideoArchiv Ravensbrück: Konfrontation Erzählung
Das Oral History-Projekt „VideoArchiv Ravensbrück“ hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Lebenserzählungen möglichst vieler Österreicherinnen, die das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt haben, auf Video aufzuzeichnen. 2003 ist aus diesem Projekt der Dokumentarfilm „Vom Leben und Überleben“ (A 2003, 110 min) hervorgegangen, der seither in einigen österreichischen Städten und Orten und in der Gedenkstätte Ravensbrück gezeigt worden ist. Wie wurde der Film, der sich in der Konzeption ausschließlich auf die Erzählerinnen konzentriert und dazu ein auch im Jahr 2003 noch verdrängtes Stück Zeitgeschichte behandelt, vom Publikum aufgenommen? Welche Probleme gab es bei der Planung und Durchführung des Projekts? Die beiden Filmemacherinnen berichten über die Produktionsbedingungen, die Rezeption der Erinnerung der „Ravensbrückerinnen“ auf „der Leinwand“ und über Reaktionen auf die Konfrontation mit ihrer Erzählung. An Hand von Videoausschnitten und Erfahrungen mit einem visuell ebenfalls von den beiden konzipierten Projekt – der Videoausstellung „Mauthausen erzählen“ – sollen außerdem Themen und Probleme des filmischen Umgangs mit Oral History behandelt und gemeinsam mit dem Publikum diskutiert werden.
Infos: www.videoarchiv.ravensbrück.at
Bernadette Dewald, Mag.a Absolventin der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, Videokünstlerin und Filmemacherin, Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen.
Gerda Klingenböck, Mag.a Historikerin, Filmemacherin, derzeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien im Schwerpunkt Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte, im Vorstand der Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen.
Do, 9.2.2006, 19h
Werkstattbericht und Diskussion
Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr:
Forschungsprojekt Namentliche Erfassung der ehemaligen Inhaftierten im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
Auch 60 Jahre nach der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück steht noch immer nicht fest, wie viele Österreicherinnen und Österreicher dort inhaftiert waren. In der Literatur wird meist von 800 bis 1.000 ÖsterreicherInnen in Ravensbrück ausgegangen. Bereits nach einer sechsmonatigen Recherche wissen wir, dass die Anzahl der ÖsterreicherInnen mindestens doppelt so hoch war. In unserem Werkstattbericht werden wir von den bisherigen Recherchen, von den Erfolgen und Schwierigkeiten (z.B. Finanzierung, Datenlage) erzählen und den Gründen für die niedrige offizielle Verfolgtenzahl nachgehen. Zudem wollen wir einen Überblick zu den verschiedenen Verfolgungsgründen sowie über die Sozialstruktur der verfolgten Frauen und Männer geben.
Helga Amesberger, Mag.a Dr. in Studium der Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaft, derzeit als Sozialwissenschafterin am Institut für Konfliktforschung (Wien), Schwerpunkte: Rassismus, Rechtsextremismus, Nationalsozialismus und Holocaust, feministische Forschung.
Brigitte Halbmayr, Mag.a Dr. in Studium der Soziologie und Politikwissenschaft, derzeit am Institut für Konfliktforschung (Wien), Schwerpunkte: Frauenforschung, Rechtsextremismus; Nationalsozialismus und Holocaust, Vorurteils- und Rassismusforschung.
Fr, 17.2.2006, 19h
Werkstattbericht und Diskussion
Ausstellungsarbeit mit Lebensgeschichten
Katrin Auer, Daniela Gahleitner, Sylvia Köchl und Christa Putz Die Ausstellung „Wege nach Ravensbrück“ aus dem Jahr 1999 basierte wesentlich auf der Kooperation mit Frauen, die das Konzentrationslager überlebt hatten und ihren Erzählungen, die parallel im Rahmen eines Forschungsprojekts aufgezeichnet worden waren. Grundlage der Ausstellungsarbeit wurden daher einerseits lebensgeschichtliche Interviews, private Dokumente und Fotos, andererseits Recherchen zu den jeweils wichtigen gesellschaftlichen Umständen der Verfolgung während der NS-Zeit, aber auch des Lebensverlaufs nach 1945. Die Ausstellungsmacherinnen empfanden die Arbeit als einen Kompromiss zwischen wissenschaftlicher Recherche, der geeigneten Umsetzung für eine Ausstellung und dem Wunsch, auch der Selbstsicht der Überlebenden gerecht zu werden. Was wurde wie und warum ausgewählt, was weggelassen? Wie lässt sich aber auch das Nicht-Gesagte in einer Ausstellung zeigen? Wie kann man die Leere ansprechen oder repräsentieren, die durch die Ermordung im Lager, durch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik oder auch den frühen Tod von Verfolgten nach 1945 entstanden ist? Welche Erinnerungen und Erzählungen wurden in besonderer Weise auch nach 1945 zensuriert, verdrängt und verweigert? Vier der ursprünglich sechs Ausstellungsmacherinnen geben anhand ihrer Erfahrungen, von Protokollen und Vorarbeiten Einblick in ihre Arbeitsweisen, stellen sich selbst noch einmal diese Fragen und setzen sich mit den realisierten und unrealisierten Möglichkeiten der Ausstellung auseinander.
Katrin Auer, Mag.a Politikwissenschafterin, langjährige Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung
Daniela Gahleitner, Mag.a Soziologin und Historikerin, Forschungsschwerpunkt Gewalt gegen Frauen
Sylvia Köchl, Mag.a Politikwissenschafterin, Journalistin, Schwerpunkt Umgang mit NS-Geschichte
Christa Putz, Mag.a Historikerin, als freiberufliche Historikerin u.a. in der Historiker-Kommission tätig