IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Bildpunkt

Zeitschrift der IG Bildende Kunst
Erscheint vier Mal im Jahr.

Der nächste Bildpunkt erscheint im Sommer 2020 zum Thema:

Ausnahmezustand

Die Corona-Krise ist die einschneidenste kollektive Erfahrung seit dem Zweiten Weltkrieg. Geschlossene Geschäfte und Spielplätze, geschlossene Museen, Theater, Kinos und Restaurants. Ausgangsbeschränkungen in ganz Europa. Aber es ist nicht der Ausnahmezustand, den der Philosoph Giorgio Agamben als rechtlich-politisches Problem beschrieben hat. Die Situation der Ausnahme bestimmt vielmehr alle sozialen Abläufe und Routinen. Es geht nicht um die „Schaffung einer Zone der Unbestimmtheit“ (Agamben) zwischen Recht und Politik. Mit Homeoffice und Homeschooling wird das Öffentliche ins Private gedrückt, Beziehungen werden aus der Bahn geworfen und neu modelliert. Was für viele KünstlerInnen schon vor der Krise in vielerlei Hinsicht normal war, erstreckt sich nun auf ganz andere Milieus: finanzielle Unsicherheit, flexible Arbeitszeiten, Zukunftsängste. Und das alles bei einer Minimierung sozialer Kontakte. Staatliche Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens sind notwendiger Schutz für die Schwachen und Gefährdeten und zugleich beunruhigende Ausdehnung von Regierungsbefugnissen. Staatsschulden, die kürzlich noch undenkbar waren, erscheinen plötzlich wie das Selbstverständlichste der Welt. Wie ambivalent also ist der Ausnahmezustand? Wer profitiert, wer geht unter? Welche Kämpfe sind in Zukunft zu führen? Fragen, die im Bildpunkt nicht nur ausnahmsweise zwischen Kunstpraxis, emanzipatorischem Aktivismus und Kulturtheorie verhandelt werden. 
 

Schwerpunkte in Planung

Die folgenden Themen stehen in der Bildpunkt-Redaktion auf der Agenda und werden voraussichtlich in den nächsten Heften umgesetzt. Die endgültige Festlegung erfolgt in den Redaktionssitzungen.

Mode

In der Mode sind individuelle Abweichung und soziale Anpassung vereint. Sie dient dem Zusammenhalt der Gruppe und grenzt sie nach außen und vor allem auch – in der sozialen Hierarchie – nach unten ab. Deshalb ist, worauf schon Georg Simmel hinwies, die Mode ein modernes Phänomen schlechthin. Sie produziert Fashion Victims und ökologische Fußabdrücke, verschärft Heteronormativität und Klassengegensätze. Zugleich aber gilt die Mode auch als Terrain, auf dem mit Identitäten gespielt werden kann und geschlechtliche Zuschreibungen zu durchbrechen sind. Mit Fashionistas und Craftistas sind Modelle entstanden, die beanspruchen, aus der Ästhetik der Warengesellschaft emanzipatorisches Potenzial zu schöpfen. Auch in die zeitgenössische Kunst ist die Mode nicht nur als Celebrity Culture, sondern auch als Korrektiv kanonischer Ordnungen eingezogen. Insofern ist die Debatte um die Mode durchaus auch ein Modethema. Aufgegriffen und mit Stil versehen von dieser Ausgabe des Bildpunkt.

Zur ästhetischen Ökonomie der Schulden

Für Maurizio Lazzarato ist die „Fabrikation der Schulden“ das „strategische Zentrum neoliberaler Politik“. Gerade die semantische Nähe der Schulden zur Schuld gräbt die Wirtschafts- demnach besonders gut in die Subjektivierungsweisen hinein. Die Philosophin Nathalie Sarthou-Lajus hingegen erkennt in der Verknüpfung von Schulden und Schuld gerade die Potenziale der „Utopie einer schuldenfreien Gesellschaft“. Auch Stefano Harney und Fred Moten sehen es in Die Undercommons eher optimistisch: „Schulden sind sozial, und Kredit ist asozial.“ Das wird in der Schuldnerberatung sicherlich anders beurteilt. So oder so sind Schulden offenbar nicht bloß Teil der Warenökonomie. Sie basieren auf bestimmten Konzepten von Zeit und Praxis, in die sie selbst intervenieren. Solche Eingriffe in Denk- und Wahrnehmungsweisen und die Zirkulation von Vor- und Darstellungen lassen sich als ästhetische Ökonomie beschreiben.  Spätestens hier kommt die Kunst ins Spiel: Nicht nur als Feld hoch verschuldeter Akteur*innen, sondern als besonderer Austragungsort der Kämpfe ums Ästhetische.

Kultureller Populismus

Mit Populismus ist in der Kunst kein Turner Preis zu holen. Denn je mehr Autonomie ein soziales Feld (wie das der Kunst) aufweist, desto unwichtiger ist der Bezug aufs Volk. Braucht die Politik das Volk als zentrale Legitimationsinstanz, ist die Ausrichtung am populären oder popularen Geschmack für künstlerische Praktiken nicht gerade ein Gütesiegel. Zu elitär darf es allerdings auch nicht werden, sonst überlässt man den Volksmund ganz der Repräsentation durch rechte Demagogie. Die Auseinandersetzung um die Chancen und Möglichkeiten eines kritischen und linken Populismen macht also vor dem kulturellen Feld nicht halt. Handelt es sich beim Linkspopulismus um einen Widerspruch in sich, weil linke Politik, wie der Journalist Christian Semler einst mahnte, vom Anspruch auf Selbstverantwortung ausgehen muss, nicht auf rationale Begründung verzichten kann „und nicht auf Führerfiguren reduzierbar ist.“ Oder tut ein linker Populismus längst Not, damit der „gerechte Zorn der Leute auf die gegenwärtigen ungerechten Verhältnisse“ einen nicht-rechten Ausdruck finden kann, wie der Politikwissenschaftler Benjamin Opratko meint? Und lassen sich etwa feministische Forderung von links popularisieren, wo doch der Antifeminismus fester Bestandteil des Rechtspopulismus ist? Der Bildpunkt sucht einfache Lösungen zwischen Aktivismus, Kunst und Theorie. Mit Fremdworten und Nebensätzen.

art on my mind

Eine neue Phase in der Auseinandersetzung um Kunst und Ideologiekritik: Nachdem die Kunst in der materialistischen Kritik häufig als eine Sphäre der Ideologie gebrandmarkt wurde, die über die reale Beschaffenheit der sozialen Welt Lügen verbreitet, wurde sie später als Raum erkannt, in dem gerade der Gegensatz zwischen wahrem und falschem Bewusstsein als unhaltbar beschrieben wird. Da mittlerweile überhaupt fraglich ist, ob am Begriff der Ideologie noch festzuhalten ist – und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen –, tritt auch sein Verhältnis zur Kunstproduktion und -rezeption in eine neue Phase.

 

Bildpunkt (Foto: Jens Kastner, 2015)
Mehr zum Thema
Aktuelles Heft
Bildpunkt
Zur freien Entnahme und als Abo
Bildpunkt: Wo und wie erhältlich?