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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Bildpunkt

Zeitschrift der IG BILDENDE KUNST
Erscheint vier Mal im Jahr.


Bildpunkt Sommer 2017
erscheint Mitte Juni mit folgendem Schwerpunkt:

Class Matters

In ihrer Geschichte der Art Workers’ Coalition (1969-1971) hebt Julia Bryan-Wilson hervor, dass KünstlerInnen ihren Klassenstatus gerade in dem historischen Moment entdeckten, als von den ArbeiterInnen kaum mehr politisch-emanzipatorische Impulse auszugehen schienen: In der Theorie der Neuen Linken waren sie gerade vom „revolutionären Subjekt“ zu integrierten TrägerInnen des Konsumkapitalismus degradiert worden.Fortschrittlichkeit und revolutionäres Potenzial dürfe der Klasse „qua Klasse“ (Hans-Günther Thien) ohnehin nicht unterstellt werden. Für einen Abschied von der Klassentheorie aber gibt es keinen Grund. Nicht zuletzt die nach wie vor wachsende soziale Ungleichheit zwingt zum Gebrauch einer Kategorie, die die ungleiche Verteilung von Ressourcen als kollektive und als systematisch hervorgebrachte zu beschreiben vermag.Wenn auch weniger als mobilisierendes Motiv (Klassenkampf), so ist in den letzten Jahren doch mehr und mehr die diskriminatorische Dimension der sozialen Position – die Anzahl der Studierenden aus ArbeiterInnenfamilien nimmt auch an Kunstunis beständig ab – in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten (Klassismus). Hinsichtlich abwertender und ausgrenzender Praktiken ist Klasse dabei ebenso mit ethnisierenden und geschlechtlichen Diskriminierungen analytisch verknüpft worden, wie das auch schon mit Klasse als Strukturkategorie geschehen war.In den analytischen Klärungsversuchen innerhalb undogmatisch-linker Theorie (Klassenstellung & Klassenlage, Klassenzusammensetzung, Klasse & Klassifizierung, Klassenhabitus, etc.) tauchen schließlich doch wieder transformatorische Zuschreibungen an die Klasse auf: etwa wenn im Prekariat eine „neue explosive Klasse“ (Guy Standing) gesehen wird. Der Bildpunkt stellt also die Klassenfrage und selbstverständlich diejenige danach, was das alles mit Kunst zu tun hat.

Schwerpunkte in Planung

Die folgenden Themen stehen in der Bildpunkt-Redaktion auf der Agenda und werden voraussichtlich in den nächsten Heften umgesetzt. Die endgültige Festlegung erfolgt in den Redaktionssitzungen. 

Gemeinsamkeiten

Die Zeit der Differenzpolitiken scheint passé. Spätestens seit den 99 Prozent der Occupy-Bewegung, gerät das Gemeinsame wieder in aller Munde: Von Antonio Negri und Michael Hardt über Judith Butler bis zu Guy Standing und Silvia Federici, beziehen sich radikale linke Theoretiker_innen positiv auf Commons. Aber gibt es sie wirklich und wenn ja, wie sind sie zu finden? Was ist aus den guten alten Antagonismen geworden und welche Rolle spielen noch Intersektionen und Klassenspaltung? Ist das Gemeinsame ein guter Ausgangspunkt für kulturelle Kämpfe oder sollten sie nicht doch an den sozial konstruierten Unterschieden beginnen? Die Debatte um Commons betrifft schließlich fast alles und weit mehr als nichts: Freihandelsverträge und Urheber_innenrecht, Grundeinkommen und den öffentlichen Raum. Hier eine kulturtheoretische Perspektive anzulegen, die von aktivistischen und künstlerischen Praktiken ausgeht – und auch an das Jahresthema der Galerie IG BILDENDE KUNST „gemeinsam handeln“ anschließt –, ist die gemeinsame Sache dieser Bildpunkt-Ausgabe.

Spatium libre

Ohne den Zwischenraum zwischen zwei Buchstaben (Spatium) wäre kein Wort lesbar. Das unbedeutend erscheinende Dazwischen erweist sich als notwendige Bedingung für die Entstehung von Sinn und Bedeutung. Aber nicht wegen dieser Notwendigkeit wurde das Dazwischen in den postcolonial studies schon vor Jahren gefeiert, sondern als Raum für alternative Möglichkeiten. Das Spatium ist auch Verbindung und Grenze, Übergang und Kontaktzone, sicher ein Fall fürs „border thinking“ (Gloria Anzaldúa). Aber muss die Feier angesichts der tödlichen Entwicklungen im gegenwärtigen Grenzregime vielleicht doch abgesagt werden? Zwischen Aktivismus, Kunst und den Disziplinen sowie queer und quer zu ihnen, lotet dieser Bildpunkt die Potenziale der Zwischenräume neu aus.

 

Zur ästhetischen Ökonomie der Schulden

Für Maurizio Lazzarato ist die „Fabrikation der Schulden“ das „strategische Zentrum neoliberaler Politik“. Gerade die semantische Nähe der Schulden zur Schuld gräbt die Wirtschafts- demnach besonders gut in die Subjektivierungsweisen hinein. Die Philosophin Nathalie Sarthou-Lajus hingegen erkennt in der Verknüpfung von Schulden und Schuld gerade die Potenziale der „Utopie einer schuldenfreien Gesellschaft“. Auch Stefano Harney und Fred Moten sehen es in Die Undercommons eher optimistisch: „Schulden sind sozial, und Kredit ist asozial.“ Das wird in der Schuldnerberatung sicherlich anders beurteilt. So oder so sind Schulden offenbar nicht bloß Teil der Warenökonomie. Sie basieren auf bestimmten Konzepten von Zeit und Praxis, in die sie selbst intervenieren. Solche Eingriffe in Denk- und Wahrnehmungsweisen und die Zirkulation von Vor- und Darstellungen lassen sich als ästhetische Ökonomie beschreiben.  Spätestens hier kommt die Kunst ins Spiel: Nicht nur als Feld hoch verschuldeter Akteur*innen, sondern als besonderer Austragungsort der Kämpfe ums Ästhetische.

Kultureller Populismus

Mit Populismus ist in der Kunst kein Turner Preis zu holen. Denn je mehr Autonomie ein soziales Feld (wie das der Kunst) aufweist, desto unwichtiger ist der Bezug aufs Volk. Braucht die Politik das Volk als zentrale Legitimationsinstanz, ist die Ausrichtung am populären oder popularen Geschmack für künstlerische Praktiken nicht gerade ein Gütesiegel. Zu elitär darf es allerdings auch nicht werden, sonst überlässt man den Volksmund ganz der Repräsentation durch rechte Demagogie. Die Auseinandersetzung um die Chancen und Möglichkeiten eines kritischen und linken Populismen macht also vor dem kulturellen Feld nicht halt. Handelt es sich beim Linkspopulismus um einen Widerspruch in sich, weil linke Politik, wie der Journalist Christian Semler einst mahnte, vom Anspruch auf Selbstverantwortung ausgehen muss, nicht auf rationale Begründung verzichten kann „und nicht auf Führerfiguren reduzierbar ist.“ Oder tut ein linker Populismus längst Not, damit der „gerechte Zorn der Leute auf die gegenwärtigen ungerechten Verhältnisse“ einen nicht-rechten Ausdruck finden kann, wie der Politikwissenschaftler Benjamin Opratko meint? Und lassen sich etwa feministische Forderung von links popularisieren, wo doch der Antifeminismus fester Bestandteil des Rechtspopulismus ist? Der Bildpunkt sucht einfache Lösungen zwischen Aktivismus, Kunst und Theorie. Mit Fremdworten und Nebensätzen.

Aus dem utopischen Halbdunkel

„Die Probleme der Organisation“, schrieb Georg Lukács 1922, „gehören zu den Fragen, die theoretisch am allerwenigsten durchgearbeitet sind.“ Ging es hier noch eindeutig um das Proletariat und die Partei, stellen sich Organisierungsfragen heute zugleich allgemeiner und spezifischer. Zudem sind Subjekt und Objekt unbestimmt: Wer braucht überhaupt Organisation – die Zivilgesellschaft oder die postsozialdemokratische Linke, das alternative Milieu, das Prekariat oder die Subalternen? Und welche – Netzwerk, Mosaik, Schwarm, oder doch Partei? Auch stellen sich Fragen der Organisierung im Kunstfeld strukturell anders als im politischen Feld. Während mit dem Aufbruch der langen Reihe linker Organisierungsversuche ein weiterer hinzugefügt wurde, hat auch die Geschichte des künstlerischen Feld einige Zusammenrottungen um Programme, Mitglieder und Statuten zu bieten. Vor dem Hintergrund dieser historischen Differenzen und gegenwärtiger Entwicklungen stellt der Bildpunkt die Organisationsfrage(n), um sie nicht länger im „utopischen Halbdunkel“ zu belassen, wo Lukács sie noch sah.  

art on my mind

Eine neue Phase in der Auseinandersetzung um Kunst und Ideologiekritik: Nachdem die Kunst in der materialistischen Kritik häufig als eine Sphäre der Ideologie gebrandmarkt wurde, die über die reale Beschaffenheit der sozialen Welt Lügen verbreitet, wurde sie später als Raum erkannt, in dem gerade der Gegensatz zwischen wahrem und falschem Bewusstsein als unhaltbar beschrieben wird. Da mittlerweile überhaupt fraglich ist, ob am Begriff der Ideologie noch festzuhalten ist – und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen –, tritt auch sein Verhältnis zur Kunstproduktion und -rezeption in eine neue Phase.

 

Bildpunkt (Foto: Jens Kastner, 2015)
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