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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Vorstellungswelten

Editorial

Für ein paar Tage Anfang September sah es so aus, als habe die Festung Europa ernsthafte Risse erhalten: Mit Entschlossenheit und Verzweifelung, Euphorie und letzter Kraft haben flüchtende Menschen die Schengener und Dubliner Regularien außer Kraft gesetzt, gestützt von einer ungeahnten Soli- darität der ansässigen Bevölkerung (deren große Mehrheit gegen diese Gesetzgebungen immerhin jahrelang nichts einzuwenden hatte). Die Bilder von Krieg und Verwüstung in Syrien, die Bilder von knüppelnden Polizisten in Ungarn, aber auch die Bilder von bergeweise Sachspenden an West- und Hauptbahnhof in Wien schienen lang gehegte Vorstellungen von Flüchtlingen als NutznießerInnen von Sozialsystemen auszuhebeln. „Widerstand tut Not“ titelte sogar die sonst nicht gerade des Aktivismus verdächtige Kunstzeitung, und fordert angesichts der Krise der Flüchtlingspolitik „die Kunst“ zum politischen Eingreifen auf. Anfang Oktober sah alles schon wieder anders aus. Die Wahlerfolge der FPÖ manifestierten tief sitzende Ressentiments. Andere Bilder – auch sprachliche von Fluten, Strömen etc. – besetzten Ideen, Vorstellungen und körperliche Empfindungen erneut. Für diesen Zusammenhang von Gesehenem und Erfahrenem, von dem, was in die eigenen Vorstellungsvermögen aufgenommen, aber nicht unbedingt reflektiert wird, existiert in der lateinamerikanischen Sozialtheorie der Begriff der Imaginarios. Vor zehn Jahren begann der Bildpunkt mit einer neuen Re- daktion, mit relativer Autonomie“ von der tragenden Institution IG Bildende Kunst und mit einem eigenem Bildkonzept als ein neues Zeitschriftenprojekt. Wir starteten mit dem programmatischen Thema Bildpolitiken und setzen heute an den Debatten von damals wieder an. Dabei blicken wir auf 36 Ausgaben an den Schnittstellen zwischen Theorie, Kunstproduktion und politischem Aktivismus zurück, auf die wir eini- germaßen stolz sind. Wir haben stets sowohl hinsichtlich der AutorInnen als auch der eingeladenen KünstlerInnen eine Mischung aus jungen, nicht etablierten Leuten und prominente- ren, arrivierten Positionen angestrebt und meist auch verwirklicht. Es gibt unter AutorInnen wie KünstlerInnen bei uns keinen Überhang an alten, weißen, mitteleuropäischen Männern und wir haben über die Jahre eine ganze Reihe von Texten lateinamerikanischer und anderer KulturtheoretikerInnen für den Bildpunkt übersetzt. Das Format der Schwerpunktausgabe, die einem Thema alle Texte – mit Ausnahme des aktuellen, kulturpolitischen Innenteils – und künstlerischen Arbeiten widmet, hat auch zu einer großen Vielfalt an AutorInnenpositionen beigetragen. Mit Imaginarios (Bildpolitiken II) wollen wir die Grundlagen weiterentwickeln, auf denen auch diese Zeitschrift aufgebaut ist: Bilder sind mächtig, sie prägen Vorstellungswelten und verändern sie. Aber sie tun dies nie allein und losgelöst von ihren Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Unter diesen Bedingungen sind sie nicht nur Überbringer von Botschaften, sondern produzieren selbst Diskurse. Wir danken den vielen Vorstandsmitgliedern der IG Bildende Kunst, die unsere Art der Zeitschriftenproduktion über die Jahre getragen haben. Und wir freuen uns auf weitere Jahre intensiver Auseinandersetzung und kämpferischer Debatten, nicht zuletzt auch im Sinne der Vertiefung der eingangs genannten Risse.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur