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Transnationalismus auch in Landesflagge?
Zum verwirrenden Zugleich von Nationalismus und Transnationalismus in Lateinamerika

David Mayer

„Patria o muerte!“ (Vaterland oder Tod!) – auch wenn es nicht immer eine derart martialische Erhöhung des Nationalen wie in diesem Slogan der Kubanischen Revolution war, radikale und emanzipatorische Politik ist in Lateinamerika immer wieder mit einer positiven Bezugnahme auf die Nation verbunden gewesen. Während nationalpopulistische Bewegungen – prototypisch der Cardenismus in Mexiko ab den 1930er Jahren, oder der Peronismus in Argentinien ab den 1940er Jahren – gar als genuin lateinamerikanische Innovationen des Politischen gelten, haben selbst sozialrevolutionäre Strömungen häufig auf den Zielhorizont „nationale Befreiung“ geblickt. Auch in politisch bewegten künstlerischen Interventionen wurde diese Orientierung gerne emphatisch mitgetragen, man denke nur an die Wandmalereien des muralismo in Mexiko, geschaffen ab den 1920er Jahren von Diego Rivera und anderen, die nationale Meisterzählungen und soziale Emanzipationsbotschaften eng miteinander verknüpften. Wie groß die Kluft zwischen europäischen und lateinamerikanischen Befindlichkeiten in Bezug auf diese Frage ist, hat zuletzt der Theoretiker Ernesto Laclau in seinen späten Lebensjahren deutlich gemacht: Während sein Werk seit den 1980er Jahren im Norden dazu beigetragen hatte, dass „Klasse“ als eine zentrale, unhintergehbare Kategorie der Linken verworfen wurde, mussten seine AnhängerInnen mit schamhaftem Befremden zur Kenntnis nehmen, dass er in den 2000er Jahren die neonationalpopulistischen Regierungen von Néstor Kirchner und Cristina Fernández in Argentinien und die nationalistische Ausrichtung der Bolivarischen Revolution in Venezuela offen unterstützte.

Sollen Ansätze wie diese in einem europäischen Kontext – wo solch ein Amalgam aus dem Fortschrittlich-Emanzipatorischen und Nationalistischen jenseits des Denkbaren liegt und die guten „Räume“ (geographisch und symbolisch) nur noch transnationale zu sein haben – als unübersetzbare Fremdheit exotisiert werden? Oder soll man in der Debatte um Verständnis ringen? Immerhin ist Lateinamerika jene Region des Globalen Südens, die am frühesten ins Postkoloniale aufbrechen konnte und in der auch am frühesten klar wurde, dass die Versprechen der Dekolonisierung (echte Unabhängigkeit, Demokratie, Wohlstand und Gleichheit) nicht gehalten wurden und die Unterordnung durch wechselnde Mächte des Nordens bestehen blieb.

Es hilft der zweite Blick. Er macht deutlich, dass verschiedene kritische Strömungen immer wieder den virulenten Nationalismus in Lateinamerika beißender Kritik ausgesetzt haben. Zu nennen wären hier z. B. anarchistische Bewegungen im Rio de la Plata-Raum oder im großkaribischen Becken um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die, wie Forschungen gezeigt haben, auf gleichermaßen informalen wie wirkmächtigen transkontinentalen Netzwerken beruhten, die oft von MigrantInnen europäischer Herkunft geknüpft worden waren; oder dissidente KommunistInnen unterschiedlicher Couleur, die den Versuch der offiziellen kommunistischen Parteien kritisierten, sich als die jeweils besten Patrioten darzustellen; oder in jüngerer Zeit der Neo-Zapatismus in Mexiko, der nicht nur die Kategorie „Nation“ hinterfragte, sondern auch die damit einhergehende Staatsorientierung in der politischen Praxis hinter sich zu lassen versuchte.

Gleichermaßen bedeutsam scheinen jene Momente, in denen sich „nationale Befreiung“ mit einem markanten Internationalismus verband. In diesen Momenten – historisch vor allem in den 1920er und 1960er Jahren, aber auch in der Wiederbelebung linker Projekte in der jüngeren Gegenwart – ist die Kritik an imperialer Durchdringung und der Abhängigkeit des eigenen Landes stets mit einer kontinentalen Perspektive verknüpft worden. Diese Perspektiven könnte man als „emanzipatorischen Lateinamerikanismus“ bezeichnen. In den 1920er Jahren manifestierte sich dies in den aufkommenden anti-imperialistischen Bewegungen, in den 1960er Jahren in intellektuellen Debatten (Stichwort Dependenztheorie), konkreten Vernetzungen sozialer Bewegungen, vor allem aber in der kontinentalen (und globalen) Wirkmacht der Kubanischen Revolution, die wie kaum eine andere nationalistische Bewegung im 20. Jahrhundert eine über das Nationale hinausgehende Wirkung entfaltete. Dabei wurden jeweils konkrete publizistische publizistische, intellektuelle und organisatorische Verbindungen aufgebaut. Dieser kontinentale Horizont war dabei so bedeutsam, dass z. B. während der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976–1983) all jene Literatur als verdächtig galt, die den bloßen Begriff „Lateinamerika“ auch nur erwähnte. Es ist dies ein Kontinentalismus, in welchem soziale Emanzipation einen wichtigen Platz hat und der sich darin deutlich von jenem Europa-Patriotismus unterscheidet, den liberale Eliten und Medien gerne als positive Überwindung alter (auch linker) Nationalismen anpreisen.

Lateinamerika mit seinem verwirrenden Zugleich von Nationalismus und Transnationalismus wirft somit die irritierende Frage auf, ob der positive Bezug auf die Nation wieder bzw. noch immer mehr eine Frage des Kontextes als des Prinzips ist und ob anregungsreiche transnationalistische Praxis manchmal in Kleidern auftreten kann, in die, neben anderen Farben, die jeweiligen Nationalflaggen eingenäht sind.


David Mayer ist Historiker und Executive Editor der International Review of Social History, er lebt in Amsterdam und Wien.