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ArtLeaks – zwischen transnationalistischer Organisationsform und Handeln im lokalen Kontext

Janine Eisenächer

Die im Jahr 2011 von unter anderem Corina L. Apostol, Vladan Jeremić, David Riff und Dmitry Vilensky gegründete Grassroots-Initiative und -Plattform ArtLeaks[1] widmet sich der Aufdeckung und Veröffentlichung von Fällen der Zensur, von prekären Arbeitsbedingungen und Ausbeutungsstrukturen im globalen zeitgenössischen Kunstkontext, einschließlich der intransparenten staatlichen und privatwirtschaftlichen Förderpolitiken. Sie setzt sich damit für bessere materielle Arbeitsbedingungen von Kunstarbeiter_innen ein und bekämpft den Missbrauch ihrer Arbeitsrechte. In Anlehnung an die Solidarisierung von Künstler_innen mit den historischen, internationalen Arbeiter_innenbewegungen[2] versteht sich ArtLeaks als eine soziale und politische Initiative, die deutlich artikuliert, dass es sich bei den jeweiligen „leaks“ nicht um Einzel- oder Sonderfälle handelt, sondern um ein globales System „allgemeiner Bedingungen von Ungleichheit, Prekarität und Unterdrückung“ [3] und um Realitäten, die im globalisierten Kunstkontext und -betrieb gängig sind und größtenteils stillschweigend akzeptiert sowie nicht thematisiert werden.

Die Begründer_innen von ArtLeaks bezeichnen die Initiative und Plattform nicht explizit als transnationalistisch und sprechen eher von der internationalen Zusammensetzung der Kerngruppe. Dennoch kann ihre Organisationsform als transnational verstanden werden, in dem Sinn, dass es sich bei ArtLeaks um nichtstaatliche Akteur_innen handelt, die mit Akteur_innen in anderen Ländern, über die Grenzen von Nationen hinweg agieren. Gemeinschaftlich und selbstorganisiert, entspricht ArtLeaks einem Zusammenschluss von Künstler_innen, Kurator_ innen, Kulturproduzent_innen, Aktivist_innen, Kunsthistoriker_ innen, Kritiker_innen und Theoretiker_innen mit verschiedenen Nationalitäten und, wie im Kunstkontext üblich, mit verschiedenen Lebens- und Arbeitsorten – hauptsächlich Belgrad, London, Moskau und New York. Die Initiative und Plattform, die jedem_r Interessierten offen steht, agiert gleichzeitig an und von mehreren Orten und Kontexten aus, und sie vernetzt sich fortlaufend mit ähnlichen Initiativen und mit Kunstarbeiter_innen weltweit. Trotz dieser transnationalen Organisationsform von ArtLeaks, die zu einem gewissen Grad auch ihre Arbeitsweise umfasst – das Veröffentlichen der „leaks“ auf der ArtLeaks-Website; das Veranstalten von Art Workers’ Assemblies in verschiedenen Städten und Ländern zum Austausch und zur Vernetzung der jeweils lokalen Kunst- und Kulturarbeiter_innen; die Produktion und Veröffentlichung der ArtLeaks Gazette, die über verschiedene Fälle und Strategien berichtet und in der letzten Ausgabe Kunstarbeiter_ innen in allen Ländern dazu aufrief, ihre eigenen regionalen ArtLeaks-Gruppen zu gründen und Berichte in ihrer Muttersprache zu veröffentlichen –, liegt der Fokus der Arbeit der Initiative auf der jeweiligen Situation und dem lokalen Kontext, in dem es zu einer Missachtung der Arbeitsrechte von Kunstarbeiter_innen kommt. Selbst wenn sich von einer Spaltung in eine „transnationale kapitalistische Klasse“ und eine „transnationale prekäre Klasse“[4] sprechen ließe und Art- Leaks letztere unterstützen würde, so wäre es ein Fehler, die Initiative und Plattform als transnationalistisch motiviertes Projekt zu beschreiben: „In erster Linie setzt sich ArtLeaks mit den Arbeitsbedingungen von Künstler_innen auseinander, und diese sind weder an deren Nationalität gebunden, noch sind sie exklusiv transnational oder international. Um mit den jeweiligen Realitäten umgehen zu können, ist es wichtig, den lokalen Kontext und die Produktionsbedingungen zu verstehen.“ [5] Die transnationale Dimension bei ArtLeaks ergibt sich vielmehr aus der Situation, dass prekäre Arbeitsbedingungen im zeitgenössischen Kunstkontext und der Missbrauch der Arbeitsrechte von Kunstarbeiter_innen transnationale Probleme eines globalisierten Kunstbetriebes sind und dass die Begründer_ innen von ArtLeaks, die diesen Problemen gemeinsam entgegentreten wollen, in verschiedenen Ländern leben und arbeiten. Die Infrastruktur und Organisationsform von ArtLeaks entwickelt sich im Verlauf ihrer Arbeit weiter, und die Mitglieder werden sich innerhalb der nächsten Jahre sicher mit Fragen zu ihrer eigenen Institutionalisierung auseinandersetzen. Im Moment ist ArtLeaks, in den Worten Apostols und Jeremićs, „ein Organisationskonzept und -modell“, ein „wichtiges Werkzeug zum Aufbau von Druck auf die korrupten Organisationen oder Strukturen, die sich gegen die Kunstarbeiter_ innen richten […].“[6] Das transnationalistische Potential von ArtLeaks liegt zunächst in der Politisierung von immer mehr Kunst arbei ter_innen in verschiedenen Ländern, in der Motivation derselben, weitere ArtLeaks-ähnliche Initiativen zu gründen,[7] und in der Bündelung all dieser Zusammenhänge.


Janine Eisenächer ist freischaffende Performancekünstlerin, Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist u.a. im Vorstand und in der Programmgruppe des Berliner Kunstvereins und Projektraums Flutgraben e.V. tätig, wo ArtLeaks bereits mehrfach zu Gast waren. www.flutgraben.org; www.inverse-institution.org

[1] Mehr Informationen unter art-leaks.org.

[2] Hierzu genauer Corina L. Apostol, Art Workers between Precarity and Resistance: A Genealogy, in: Erik Krikortz /Airi Triisberg /Minna Henriksson (Hg.), Art Workers. Material Conditions and Labour Struggles in Contemporary Art Practice. Berlin u.a., 2015, S. 103–117.

[3] Vgl. Corina L. Apostol / Dmitry Vilensky, ArtLeaks: From Intervention to Infrastructure, www.eurozine.com/articles/2015-02-25-apostol-en.html (letzter Zugriff: 18. 5. 2015).

[4] Corina L. Apostol und Vladan Jeremic im Email-Interview mit der Autorin, auf Deutsch übersetzt, 16. 5. 2015.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Zum Beispiel haben sich Call Against Zero Wage in der Tschechischen Republik oder das Ragpickers Collective in London nach Art Workers’ Assemblies von ArtLeaks gegründet. Vgl. Corina L. Apostol / Dmitry Vilensky, ArtLeaks: From Intervention to Infrastructure, a.a.O.



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