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Transnationalismus

Editorial

Die Seitenzahlen sind noch handgeschrieben, die Blätter kopiert, das Inhaltsverzeichnis (mit Schreibmaschine) getippt und dennoch ist es ein Buch: Der Reader Transnationalismus. Zur Kritik des modernen Nationalstaatensystems wurde 1985 vom anarcho-pazifistischen Graswurzelforum Heidelberg herausgegeben. Darin zeigt etwa der (damals noch nicht ganz so renommierte) Friedensforscher Nigel Young die Versäumnisse des linken Internationalismus auf, nämlich u.a. die Idee des Nationalstaates nicht hinterfragt zu haben. Das wird von anderen Texten auch schon im Hinblick auf die Nation als koloniales Konstrukt diskutiert. Bevor der Begriff Transnationalismus fest in die Hand der akademischen Migrationsforschung geriet, war die Vorsilbe „trans“ also normativ und nicht bloß deskriptiv gemeint: Es wurden nicht nur Realitäten jenseits nationaler Ordnungsmuster beschrieben, sondern es wurde auch der Anspruch erhoben, nationale Staatlichkeit abzuschaffen. (So viel auch zum Unterschied zwischen „transnational“ und „transnationalistisch“) (Anmerkungen zur Bewegungsgeschichte 1).

Unter dem Motto Etwas Besseres als die Nation machten 1992 rund 250 MusikerInnen, Intellektuelle und Antifa-AktivistInnen mobil, um den zunehmenden Einfluss neofaschistischer Gruppen im öffentlichen Raum zurückzudrängen. Mit Info- Veranstaltungen und Konzerten wurde um kulturelle Hegemonie „nach der völkischen Fusion von BRD und DDR“ gerungen. Dieses Zitat stammt aus dem Buch, das zwei Jahre später zu der Kampagne im Berliner ID Verlag erschien und dem diese Bildpunkt-Ausgabe den Titel entliehen hat. In der Einleitung des Sammelbandes steht auch der schöne Satz: „Mit die- ser Welt gibt es keine Verständigung; wir gehören ihr nur in dem Maße an, in dem wir uns gegen sie auflehnen“ (Andreas Fanizadeh). (Anmerkungen zur Bewegungsgeschichte 2).

Die mexikanische KünstlerInnengruppe Colectivo 3 lud 1981 KünstlerInnen aus aller Welt dazu ein, einen Beitrag zu einem kollektiven Gedicht zum Thema Revolution zu verfassen (Poema Colectivo, Revolución). KünstlerInnen aus 45 Ländern beteiligten sich mit Bildern, Texten und Collagen an der Aktion und schickten ihre Zettel an die InitiatorInnen zurück – mit der Post. Eine einmalige Manifestation transnationaler Mail Art (Arte Correo) war entstanden. Vielleicht kann diese Aktion sogar als transnationalistisch gelten, weil die Beteiligten sich nicht nur – wie der Soziologe Ludger Pries das Transnationale charakterisiert – in „Beziehungsgeflechten“ jenseits des Nationalstaates befanden, die „sozialen Halt und neue gesellschaftliche Orientierung“ geben. Sondern sie zielten auch darauf, nationalstaatliche Ordnungsstrukturen zu untergraben: zumindest mal die staatliche Zensur und die etwas weniger offensichtliche Kontrolle durch das (oftmals noch staatlich organisierte) Ausstellungswesen. (Anmerkungen zur Bewegungsgeschichte 3).

Ob es im selbstverständlich als transnational (wenn auch westlich dominiert) wahrgenommenen Kunstfeld der Gegenwart einen Transnationalismus gibt und wie er aussehen könnte, das jedenfalls ist Thema der vorliegenden Ausgabe des Bildpunkt.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur