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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Drei künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

gehen: 1. sich in aufrechter Haltung auf den Füßen schrittweise fortbewegen 2. eine bestimmte Strecke gehend (siehe 1) zurücklegen. mittelhochdeutsch, althochdeutsch g n, g n, ursprünglich = verlassen, fortgehen; leer sein, klaffen, verwandt mit gähnen. Die Bildstrecke dieser Ausgabe zeigt Fotos von Sonia Garziz, die sie während des March for Freedom von Strasbourg nach Brüssel aufgenommen hat. Sie ist Graphikdesignerin, wuchs in Tunesien auf und lebt zurzeit in Wien. Der Marsch war einer von vielen Protestformen gegen das repressive europäische Migrationsregime und fand von Mai bis Juni 2014 statt. Zu Fuß überquerten jene die Grenze, die über Fingerabdrücke (in der Eurodac Datenbank), Gebietsbeschränkung, Einsperrung in Lagern und Illegalisierung an der Bewegung gehindert werden sollen. Während viele Waren und Menschen sich in Europa frei bewegen können, existieren jene restriktiven Beschränkungen und Grenzen weiter. Im Gegensatz zur Fortbewegung per Flugzeug oder Zug ist es zu Fuß eher möglich, Kontrollen auszuweichen, zu laufen oder sich zu verstecken.

Das Poster wurde von Verena Melgarejo Weinandt und Marissa Lôbo für eine neue Arbeit mit dem Titel Dressed for Conquering genutzt. Die beiden Künstler_innen und ihre alter egos Super Puta und Bolita Berlinesa nehmen darin die Skulptur Not Dressed for Conquering. Haute Couture 04. Transport von Ines Doujak und die jüngsten Diskurse um dieselbe zum Anlass, eine Kritik an kolonialen Strukturen im (politisch engagierten) Kunstfeld zu formulieren.

Auf der Rückseite ist ein Still von Lisbeth Kovacics Film minor border (AT 2015, 25 min) zu sehen, der mit dem diesjähri- gen Diagonale-Preis für Kurzdokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Kovacic dokumentiert die Demontage eines Grenzübergangs zwischen Österreich und Ungarn, zeigt verwahrloste Schranken- und Zollanlagen. Dazu montiert sie Interviews mit Bewohner_innen der Grenzregion und Transitmigrant_innen zu einem inszenierten Gedankenaustausch über die vermeintliche Bewegungsfreiheit in Zeiten von Schengen. Darüber, ob Demarkationslinien nach Abriss ihrer architektonischen Manifestationen fortbestehen und warum viele Drittstaatsangehörige die EU weiterhin als Festung erleben – eine, die sich vielleicht eher an ihre Körper heftet, als sich selbst zu materialisieren. Um diese eingeschriebenen Grenzen zu durchbrechen, braucht es oftmals die Verweigerung (weiterer) Reisen und das Bestehen auf dem Recht zu Bleiben. So stellt Kovacics Arbeit zugleich eine Erkundung von Transnationalisierungsprozessen und bisher unerfüllt gebliebenen Forderungen nach einer transnationalistischen Organisierung von Gesellschaft dar.