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„... als Hoffnung und Motivation zur Aktivierung ...“

Demokratie im Präsens im Gespräch

Mit Mariel Rodríguez und Can Gülcü

Bildpunkt: Can, Du bist Teil der künstlerischen und organisatorischen Leitung der WienWoche. Im Jahr 2013 war das Festival dem Thema demokrazija-ja-ja … gewidmet. Dazu hieß es paradigmatisch, die WienWoche zeige „blinde Flecken in Demokratiedebatte auf“. Welche waren bzw. sind das?
C.G.:
Mit blinden Flecken ist verschiedenes gemeint: Zum einen alle Formen des Organisierens und Forderns, in denen das politische Agieren nicht nur in repräsentativer Form stattfindet. Sprich, außerhalb der institutionellen Rahmungen der demokratischen Ordnung oder um diese herum. Zum anderen geht es um die Verfasstheit dieser Rahmungen selbst, wie weit in ihnen Mitsprache- und Mitbestimmung bzw. Selbstbestimmung möglich ist. Im Idealfall ergeben sich aus der Arbeit an diesen beiden Feldern gemeinsame Handlungsmöglichkeiten, in denen Sichtbarkeit von Forderungen und auch kleine und große Veränderungen möglich werden.

Bildpunkt:
Mariel, Du hast Deine künstlerische und theoretische Abschlussarbeit dem Thema Narcopolitics: Past and present violent subjectivities in Mexico gewidmet. Zur Zeit bist Du sehr aktiv im Rahmen der Bewegung, die die Aufklärung der mutmaßlichen Morde an 43 Studenten in Ayotzinapa, Mexiko, fordert. Welche Rolle spielt ganz allgemein Demokratie in Deiner Arbeit? Dient sie nach wie vor als Forderung und als politischer Horizont, oder siehst Du sie – insbesondere angesichts der politischen Erfahrungen in Mexiko – eher als Ideologie, die es zu bekämpfen gilt?
M.R.:
Aus meiner Sicht ist Demokratie der große „leere Signifikant“ der aktuellen Politik(en), und gerade deshalb ist es so dringlich, das Konzept im Sinne seiner etymologischen Bedeutung von „Regierung der Bevölkerung“ wieder in Wert zu setzen. Im Falle Mexikos hat es seit den Anfängen der Republik ein konfliktives Verhältnis mit der Demokratie gegeben. Was existiert hat, war eher eine Parteiokratie oder eine Kakistokratrie, eine „Regierung der Schlimmsten“. Aber eine Demokratie als solche gibt es nicht. Was es gibt sind Kämpfe, um sie zu erreichen und die Krise, die die Kämpfe beschleunigt. Die angesprochene Inwertsetzung besteht im Beharren auf der Idee der Bevölkerung, die sich selbst regiert, und die dafür soziale Telhabe benötigt. Eine solche Form der politischen Vereinbarung würde sich vom repräsentativen Modell unterscheiden und den Weg bereiten für so etwas wie eine demokratische Existenz, die etwas anderes ist als einfach unter einem demokratischen System zu leben. In meiner Arbeit ist Demokratie ein individueller politischer Horizont der sozialen Aktivierung von unten zum Zwecke der Emanzipation und Ermächtigung, die sich dann in spezifischen Kontexten ausgestalten müssen.

Bildpunkt: Die Finanzkrise von 2008 hat einerseits zu staatspolitischen Maßnahmen geführt, der Austeritätspolitik, die die bestehende Demokratie eher abbauen. Andererseits hat es aber spätestens seit der Arabellion und den Occupy- und Empörten- Bewegungen um 2011 auch weltweit Proteste gegeben, die für Radikalisierungen demokratischer Modelle stehen. Wie stellt sich diese Spannung für Euch dar?
M.R.:
Mir scheint, dass diese verschiedenen Protestbewegungen deutlich die Dringlichkeit aufzeigen, die Räume zurückzufordern, die der Öffentlichkeit durch die Austeritätspolitiken der Europäischen Union geraubt wurden. Diese Maßnahmen haben sehr viele Leute empfindlich getroffen, haben aber vor allem auch die Kluft zwischen BürgerInnen und den politischen RepräsentantInnen weiter vertieft. Unter diesen sogenannten demokratischen Formen ist das Vertrauen zerstört worden, die Unzufriedenheit extrem gewachsen und die „Repräsentativität“ hat sich als trügerisch erwiesen. Die Dringlichkeit stellt sich als historische Frage, die je nach sozialem und politischem Kontext verschiedene Formen annehmen wird und die, indem sie mancherorts aufkommt, als Hoffnung und Motivation zur Aktivierung in anderen Kontexten wirkt.
C.G.:
Die weltweiten Bewegungen sind aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen entstanden, stellen vielfältige Forderungen und formieren sich auch unterschiedlich. Auch wenn es viele Überschneidungen zwischen den medialen Bildern und politischen Parolen geben mag und auch Bezugnahmen aufeinander stattfinden, besteht dabei mehr nur als eine Spannung zwischen wirtschaftlicher Krise und Demokratie. So würde ich nicht so weit gehen zu sagen, dass alle großen Proteste der letzten Jahre für Radikalisierungen demokratischer Modelle stehen. Vielmehr erheben einen solchen Anspruch kleinere, aber umso länger andauernde Organisierungen, die es oft nicht in unser Wahrnehmungsfeld schaffen, und versuchen zum Teil erfolgreich, diese in die Massenproteste hineinzutragen.

Bildpunkt:
Ihr seid beide auch im künstlerischen Feld tätig, einem gesellschaftlichen Bereich, der nicht gerade für seine demokratische Kultur bekannt ist: Abgesehen davon, dass der Zugang zum Feld sehr voraussetzungsreich ist, sind darin die Institutionen meist hierarchisch strukturiert, Entscheidungen von An- und Verkauf von Werken oder auch Ausstellungsbeteiligungen häufig intransparent und vor allem sind die Legitimationsund Anerkennungsweisen strikt individualistisch ausgerichtet. Wo im Kunstsystem würde Eure Kritik am ehesten ansetzen, wo seht ihr demokratisches Potenzial?
C.G.:
Das sind jetzt sehr viele zum Teil ganz unterschiedliche Punkte auf einmal, über die jeweils länger diskutiert werden sollte und die für sich stehend nicht zwangsmäßig immer ein Problem darstellen müssen. Grundsätzlich würde ich sagen, dass sich das Kunstfeld und dessen „Kultur“ – oder besser dessen Politik – bei allen speziellen Voraussetzungen nicht groß vom Rest der Gesellschaft unterscheiden. Das eigentliche Problem innerhalb der gegebenen gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnisse ist der erschwerte oder gänzlich fehlende Zugang aller zu jeglichen Ressourcen, sei es Ausstellungsfläche oder Trinkwasser. Das Justieren einzelner Handlungsweisen im Hinblick auf die Gesellschaft von heute und deren Bedürfnisse innerhalb der bestehenden „Systeme“ ist zwar notwendig und macht das Ganze vielleicht auch etwas demokratischer, gerechter, kollektiver. Aber im Grunde wird kein „System“, deren „Auftrag“ nicht Demokratie, Gerechtigkeit oder Kollektivität heißt, dadurch tatsächlich kollektiv, gerecht oder demokratisch.
M.R.: Ich denke auch, dass es sehr schwierig ist, von Kunst im Allgemeinen zu sprechen, denn es existiert eine immense Vielfalt von Vorschlägen und Formen, sie zu verstehen und zu praktizieren. Auch wenn es nach wie vor rein formale künstlerische Herangehensweisen gibt, haben auch diese oft politischen, anklagenden, widerständigen Charakter oder begünstigen kollektive Arbeit oder stellen Kontakte zwischen Leuten her. Im Hinblick auf die Repräsentation scheint mir die Kunst nach wie vor ein Mittel gegen das Spektakel (im Verständnis der SituationistInnen) zu sein. Die Kunst öffnet Räume zur Infragestellung von Repräsentationen, die von überall ausgehend unsere individuellen und kollektiven Vorstellungswelten zu kolonisieren versuchen. In dieser Hinsicht interessiert mich prinzipiell jene auf Überlegungen gründende Kunst, die (idealerweise) nicht an kommerziellen Zwecken orientiert sind und die deshalb Diskurse erlauben, die Möglichkeiten zur Erzeugung von nicht marktförmig reglementierten Identitäten schaffen, und die positive Dialoge der Ermächtigung, der Anerkennung und der Herstellung sozialer Verbindungen fördern.

Bildpunkt: Welche Strategien verfolgt ihr in eurer eigenen künstlerischen, aktivistischen und sozialen Praxis, um dieses demokratische Potenzial im künstlerischen Feld frei- bzw. durchzusetzen?
M.R.:
Kollektive Arbeit, die Verknüpfung mit der Partizipation am öffentlichen sozialen Leben, die Selbstkritik, die Förderung und das Fordern gerechter Arbeitsbedingungen, die Infragestellung der neoliberalen Forderungen nach Selbstausbeutung und Ultraproduktivität. Die Wertschätzung gegenüber und Sorge für meine persönlichen Beziehungen. Achtsamkeit mir selbst gegenüber.
C.G.: Wie gesagt, im Rahmen der uns beispielsweise bei Wien- Woche zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ist weniger ein „Durchsetzen“ möglich, sondern eher das Aufzeigen und Ausprobieren anderer Wege. Unsere Ausschreibungen haben relativ klare Kriterien und unsere Beiratssitzungen sind öffentlich (in denen, wie woanders, unter vielen wenige ausgesucht werden), wir arbeiten vordergründig mit Personen und Gruppen zusammen, die ich als kritisch-emanzipatorische Kulturarbeiter_innen und Aktivist_innen bezeichnen würde (also alles andere als nicht voraussetzungsreich), versuchen durch Kulturarbeit ansonsten oft marginalisierte Positionen sichtbar und wirksam zu machen und setzen uns für eine andere gesellschaftliche Normalität als jene in Mainstream- Diskursen propagierte ein (was meist nicht Veränderung der Diskurse oder gar der Politik bedeutet, sondern oft eine symbolische Interventionen in sie ist). Nun haben aber die meisten Menschen relativ wenig davon, dass ein Kulturprojekt unter vielen etwas anders funktioniert als die meisten anderen. Die Strategie wäre also, kurz gesagt, die gemeinsame, stete Arbeit an der Veränderung, im Kleinen wie im großen, im Kulturfeld wie in allen anderen Bereichen des Lebens.


Mariel Rodríguez ist 1982 in Mexiko Stadt geboren, Künstlerin und Aktivistin, lebt und arbeitet in Wien, wo sie zur Zeit ihr Doktorat an der Akademie der bildenden Künste macht.

Can Gülcü Teil des Leitungsteam von WienWoche (www.wienwoche. org). Er lehrt an der Karl-Franzens-Universität Graz, hat an der Akademie der bildenden Künste Wien gelehrt und war Teil des Leitungsteams der Shedhalle Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragestellungen bezüglich gesellschaftlicher, politischer und sozialer Machtverhältnisse.

Das Gespräch wurde im April 2015 von Jens Kastner und Sophie Schasiepen per E-Mail geführt. Übersetzung der Antworten von Mariel Rodríguez aus dem Spanischen von Jens Kastner.