IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Re:Produktion im Buch

Jens Kastner

Schon Marx habe nachgewiesen, schreibt Louis Althusser, dass „keine Produktion möglich ist, ohne dass die Reproduktion der materiellen Produktionsbedingungen gewährleistet wird.“ Und nicht nur die Produktionsmittel, auch die Produktivkräfte müssten reproduziert werden. Letzteres geschieht u.a. in und mittels „ihrer subjektivierenden Unterwerfung unter die herrschende Ideologie“. Der französische Philosoph und strukturalistische Marxist widmete einen Großteil seiner Arbeit der Frage, wie sich die kapitalistische Gesellschaft stets wieder herstellt. Insofern ist es nur konsequent, dass zentrale Texte Althussers nun unter dem Titel Über die Reproduktion versammelt sind. Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft, darauf weist aber der Herausgeber Frieder Otto Wolf in einem wirklich lesenswerten Nachwort hin, bringen auch „den Klassenkampf“ hervor. Angesichts von Marxens theoretischer Differenziertheit sei es überraschend, schreibt Silvia Federici, dass er – wie später im Übrigen auch Althusser – die Reproduktionsarbeit, „die traditionellerweise von Frauen geleistet worden ist, ignoriert hat.“ Mit dieser Feststellung begannen marxistische Feministinnen in den 1970er Jahren, ihre Kämpfe auch gegen die systematische Blindheit der Genossen. Eine der wichtigsten Stichwortgeberinnen dieser kämpferischen Debatten war Federici, deren Texte in den letzten Jahren endlich auch auf Deutsch erscheinen. Der in der Reihe Kitchen Politics herausgegebene Band spannt einen Bogen von der „unvollendeten feministischen Revolution“ bis zur gegenwärtigen Debatte um die commons. Silke Chorus verknüpft die Althusser’sche Rede von der Produktionsweise mit einem feministischen Verständnis sozialer Reproduktion. In dieser Verbindung eröffnen sich neue Perspektiven auf „sozio-ökonomische Transformationsprozesse“. Sie untersucht detailliert die Differenzen zwischen den verschiedenen (ethnisierten und sozial geschichteten) Care-Arbeiter_innen und beschreibt sie schließlich doch auch als „eine neue Klasse“. Das Buch ist ein theorieschweres und unumgängliches Argument für die Integration von Care in die allgemeine Ökonomietheorie. Der Band von Apitzsch/Schmidbaur verknüpft erstmals systematisch die Bereiche Care und Migration. Diese angesichts der gegenwärtigen globalen Arbeitsteilung so nahe liegende Perspektive wird an verschiedenen Beispielen und mit unterschiedlichen theoretischen Implikationen durchgespielt. Inhaltlich am eindringlichsten finden sich hier profitierende Frauen aus den westlichen Oberschichten, aber vor allem gestutzte Sozialsysteme, ausgebeutete Migrantinnen, zurückgelassene Kinder und auf der Gewinnerseite stehen die Nationalstaaten (wegen der Geldüberweisungen) sowie die „kommerziellen Vermittlungsagenturen“ (Lutz/ Palenga-Möllenbeck). Über die Verkaufsfrage ließe sich im Prinzip auch der Bogen zur Kunst und ihren Reproduktionsthemen spannen. Mit Detailstudien zu Gipsabgüssen im Quattrocento, Münzen, Rembrandt-Graphiken oder auch der Pressefotografie in der DDR versucht das von Jörg Probst herausgegebene Buch hinsichtlich der Geschichte der Reproduktion zwar das Reduzieren auf Abbild und Kopie hinter sich zu lassen.
Vom Kunstmarkt oder den politischen Implikationen der Reproduktion handelt die Textsammlung aber kaum. Eher geht es darum, gegen die Verfallsperspektive nach Walter Benjamin, in der das Reproduzieren der Kunst nichts Gutes tut, dafür eine „Ikonologie mit den ihr eigenen Problematiken und Phänomenen“ einzuklagen.


Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lehrt an der Akademie der Bildenden Künste Wien.


Louis Althusser: Über die Reproduktion. Ideologie und ideologische Staatsapparate, 2. Halbband. Hgg. v. Frieder Otto Wolf. VSA, Hamburg 2012.

Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur (Hg.): Care und Migration. Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2010.

Silke Chorus: Care-Ökonomie im Postfordismus. Perspektiven einer integralen Ökonomie-Theorie. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2013.

Silvia Federici: Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Reihe Kitchen Politics – Queerfeministische Interventionen. Edition assemblage, Münster 2012.

Jörg Probst (Hg.): Reproduktion. Techniken und Ideen von der Antike bis heute. Eine Einführung. Reimer Verlag, Berlin 2011.