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Kapitalismus und Reproduktion

Mariarosa Dalla Costa

 

Die Sphäre der Reproduktion zeigt heute alle ursprünglichen Sünden der kapitalistischen Produktionsweise auf. Wir leben in einer planetarischen Wirtschaft, und kapitalistische Akkumulation bezieht ihr Lebenselixier für beständige Wertschöpfung noch immer aus entlohnter und nicht entlohnter Arbeit, während letztere vor allem aus jener Arbeit besteht, die für soziale Reproduktion benötigt wird (M. Dalla Costa, 1972).

Soziale Reproduktion ist heute mehr denn je von den Gesetzen der kapitalistischen Akkumulation durchsetzt und durchzogen: die fortschreitende Enteignung (von der ‚ursprünglichen‘ Landenteignung als Mittel der Produktion, die vom 16. bis 18. Jahrhundert in England stattfand, bis zur Enteignung aller individuellen und kollektiven Rechte, die – damals wie heute – Subsistenz sicherstellen); der kontinuierlichen Spaltung der Gesellschaft in konfliktuierende Hierarchien (in Klassen, Geschlechter, Rassisierungen (race) und Nationalitäten, die freie Lohnarbeiter_ innen gegen unfreie, nicht enlohnte Arbeiter_innen ausspielt, gegen lohnarbeitslose Arbeiter_innen und gegen Sklaven-Arbeiter_ innen); die konstante Produktion von Ungleichheit und Ungewissheit (die Frau als Reproduzentin steht einem noch unsichereren Schicksal gegenüber als jeder Lohnarbeiter und, wenn sie einer weiteren – aufgrund von Rassisierung oder Nationalität – diskriminierten Gruppe angehört, leidet sie unter noch größerer Diskriminierung); die kontinuierliche Produktion von Armut (die immer stärker wächst).

Kapitalistische Akkumulation verbreitet sich in der Welt, indem sie Arbeitskraft für Produktion und Reproduktion unter stratifizierten Verhältnissen abzieht, Verhältnisse, die in der Wiedereinführung der Sklaverei enden. Ebenso wie gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als blutige Gesetzgebungen gegen die Enteigneten (Marx, 1976, Band I, Kapitel 28) zu Massenhinrichtungen, Folter und Verbrennungen der Armen führten, so wird heute die überschüssige oder unzureichend disziplinierte Bevölkerung des Planeten durch Hunger- und Kältetod in Osteuropa, sowie durch Epidemien in Afrika, Lateinamerika und anderswo exterminiert; Tod durch formal erklärten Krieg, durch indirekt oder direkt autorisierten Genozid, durch Militär und Polizeirepression. Die andere Variante der Auslöschung ist die individuelle oder kollektive Entscheidung zum Suizid, weil es keine Möglichkeit zum Überleben gibt.

Während der Ära der ursprünglichen Akkumulation, als die freie Lohnarbeit in England entstand, war die Sklaverei noch legal (Marx, 1976, Band I, Kapitel 28). Vagabunden, die mit gewaltsamen und illegalen Landenteignungen durch die Feudalherren erst geschaffen wurden, wurden als Leute behandelt, die sich „freiwillig“ des Verbrechens des Vagabundierens schuldig machten. Und es wurde angeordnet, dass jede Person, die sich der Arbeit verweigerte, zum Sklaven der Person verurteilt würde, die sie als Faulenzer denunzierte (Marx, 1976, 897). Während die Abwertung der Armen zu Sklav_innen in England sich in relativ beschränktem Ausmaß bewegte, führte das Kapital nicht viel später die Sklaverei in weit größerem Umfang ein; Afrika wurde durch den Sklav_innenhandel in die Amerikas und die Karibik des Äquivalents der europäischen Bevölkerung jener Zeit entleert.

In der Phase ursprünglicher Akkumulation gab es darüber hinaus den größten geschlechtlichen Genozid in der Geschichte, die großen Hexenverfolgungen, die mit einer Abfolge weiterer direkt gegen Frauen gerichteter Maßnahmen fundamental dazu beitrugen, unfreie, nicht entlohnte weibliche Arbeiter_innen für die Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft zu erzeugen (Federici, 1988).

Ich habe hier nur einige der sozialen Makro-Operationen erwähnt, die es dem kapitalistischen System während der Phase der ursprünglichen Akkumulation ermöglichten „abzuheben“ („take off“). Aber ebenso wichtig war eine Reihe weiterer Operationen (Marx, 1976, Band I, Kapitel 26-33), die ich hier im Sinne der Kürze unerwähnt lasse, die aber auch heute Aspekte der kontinuierlichen Erneuerung (re-foundation) des Klassenverhältnisses, auf dem die kapitalistische Entwicklung beruht, in globalem Umfang illustrieren: die Durchführung der Stratifizierung von Arbeiter_innen in der Gesellschaft durch Spaltung und Gegeneinader-Ausspielen (counterposition) auf Basis der geschlechtlichen Arbeitsteilung.

All die hier dargelegten Überlegungen führen zu einer grundlegenden These: Kapitalistische Entwicklung war immer unhaltbar – aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Menschen. Alles, was man tun muss, um das nachzuvollziehen, ist eine Perspektive derjenigen einzunehmen, die durch sie umgebracht wurden und werden. Eine Vorbedingung der Geburt des Kapitalismus war es, einen Großteil der Menschheit zu opfern: Massenauslöschungen, die Produktion von Hunger und Armut, Sklaverei, Gewalt und Terror.

Die Reproduktion wird heute durch eine allgemeine Intensivierung der Arbeit abgepresst, durch eine Überdehnung des Arbeitstages, inmitten von Ressourcen-Kürzungen, durch die das Fehlen von Lohnarbeit ebenso eine Stress geladene Suche nach Arbeit und/ oder illegaler Beschäftigung wird, die sich zur Reproduktionsarbeit addiert. Ich habe hier nicht genug Raum, um eine ausführliche Beschreibung des komplexen Phänomens zu liefern, das zum drastischen Rückgang der Geburtenrate in den entwickelten Ländern geführt hat. Aber es sollte bedacht werden, dass die Weigerung von Frauen, als Maschinen für die Reproduktion von Arbeitskraft zu funktionieren, und stattdessen zu fordern, sich selbst und andere als soziale Individuen zu reproduzieren, ein zentrales Moment des Widerstands und Kampfes von Frauen darstellte (Dalla Costa, 1972). Der Widerspruch in der Stellung der Frauen – dass Frauen im Nachteil sind, wenn sie finanzielle Autonomie durch entlohnte Arbeit außerhalb des Haushalts suchen, da sie gleichzeitig für die Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft primär verantwortlich bleiben –, ist in all seiner Unhaltbarkeit explodiert: Frauen in den entwickelten Ländern bekommen weniger und weniger Kinder. Im Allgemeinen begehrt die Menschheit in den entwickelten Ländern ihre eigene Reproduktion immer weniger.

Aber die große Weigerung von Frauen in Ländern wie Italien verlangt ebenso nach einer Antwort auf die allgemeine Frage, die wir diskutieren: Sie verlangt nach einer neuen Art der Entwicklung, in der die menschliche Reproduktion nicht auf einem unhaltbaren Opfer von Frauen basiert, als Teil einer Konzeptualisierung und einer Struktur des Lebens, in dem es nichts anderes gibt als Arbeitszeit innerhalb einer unerträglichen geschlechtlichen Hierarchie. Der „Lohn“-Kampf, in seinen direkten und indirekten Aspekten, betrifft nicht nur die ‚entwickelten‘ und von ‚ländlichen’ Regionen unterschiedenen Gebiete, da es nur wenige Situationen gibt, in denen das Überleben ausschließlich auf Land beruht. Um eine Gemeinschaft zu erhalten, ist Lohnarbeit meistens mit typischen Ressourcen der Subsistenzwirtschaft verwoben, deren gesamte Rahmenbedingungen kontinuierlich unter Druck der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen großer Finanzagenturen wie dem IWF und der Weltbank stehen (Dalla Costa M., Dalla Costa G.F., eds. 1993). Heute wäre es deshalb ein fataler Fehler, das Lohnniveau und die Einkommensgarantien nicht zu verteidigen – in Geld, Gütern und Dienstleistungen –, auf das die arbeitende Menschheit ein Recht hat, da Wohlstand und Macht der kapitalistischen Gesellschaft auf fünf Jahrhunderten ihrer Arbeit aufbaut. Gleichzeitig müssen Zeit, Land, Wasser und Wälder zugänglich bleiben für diejenigen, deren Subsistenz von ihnen abhängt, und denen kapitalistische Enteignung nur ihre eigene Auslöschung anbietet. Während andere Sektoren der Menschheit andere Formen der Entwicklung suchen und fordern, wächst die Kraft der Forderungen in dem Ausmaß, in dem niemand die eigene Auslöschung oder die Auslöschung anderer akzeptiert.

Die Frage nach der menschlichen Reproduktion, die durch die Weigerung von Frauen zur Nachwuchszeugung gestellt wird, verwandelt sich nun in die Forderung nach einer anderen Art der Entwicklung und strebt gänzlich neuen Horizonten entgegen. Das Konzept der Wohlfahrt reicht dabei nicht aus. Die Forderung ist nun die nach Glück. Die Forderung ist, dass eine Form der Entwicklung erarbeitet wird, mit der die Befriedigung von Grundbedürfnissen eröffnet wird, aus deren Unterdrückung Kapitalismus geboren wurde und gewachsen ist. Eines dieser Bedürfnisse ist Zeit, im Gegensatz zu einem Leben, das nur aus Arbeit besteht, ein anderes ist das Bedürfnis nach körperlichem Leben/Sexualität (vor allem mit dem eigenen und den Körpern anderer Leute, mit dem Körper als Ganzes, nicht bloß jene Funktionen, die ihn produktiver machen) im Gegensatz zu einem Körper als bloßem Container für Arbeitskraft oder einer Maschine für die Reproduktion von Arbeitskraft. Ein weiteres Bedürfnis ist jedoch jenes nach Sozialität/ Kollektivität (nicht bloß mit anderen Menschen, sondern mit den verschiedenen Lebewesen, die heute nur nach arbeitsamen Reisen aus der Stadt heraus angetroffen werden können) im Gegensatz zu Separierung/Isolation von Individuen im Gesellschaftskörper und der lebenden Natur im Gesamten. Noch ein weiteres Bedürfnis ist jenes nach öffentlichem Raum (nicht bloß in öffentlichen Parks und Plätzen oder jenen wenigen weiteren Gebieten, in denen Kollektivität erlaubt ist) im Gegensatz zu Einhegung, Privatisierung und kontinuierlicher Beschränkung des verfügbaren Raumes. Dann gibt es noch das Begehren, eine Beziehung zur Gesamtheit der Erde als öffentlichem Raum wahrzunehmen, ebenso wie das Bedürfnis nach Spiel, Unbestimmtheit, Entdeckung, Erstaunen, Kontemplation, Emotion …

Selbstverständlich hat oben Stehendes keinesfalls den Anspruch, Grundbedürfnisse zu „definieren“, aber es verzeichnet einige Bedürfnisse, deren systematische Frustration durch diese Produktionsweise sicherlich nicht dem menschlichem Glück gedient hat. Aber ich glaube, dass man den Mut haben muss, Glück auf die politische Tagesordnung zu setzen. Das erfordert eine erneuerte Analyse der Vorstellung von Entwicklung, um wieder „im großen Stil“ zu denken und die Furcht zurückzuweisen, dass die Frage nach dem Glück als zu gewagt oder als etwas zu Subjektives erscheinen könnte.


Mariarosa Dalla Costa eröffnete zu Beginn der 1970er Jahre die Debatte über unbezahlte Hausarbeit als Arbeit, die alle Aspekte des Lebens einer Frau bedingt, und gründete im Juni 1971 Lotta feminista in Padua. Lotta feminista wurde dann ein Zweig des Wages for Housework Netzwerkes. Am 19. Mai 2014 wurde das Archiv zu dieser Bewegung, das Archivio di Lotta Femminista per il salario al lavoro domestico, das Dalla Costa der Staatsbücherei überlassen hat, im Rathaus von Padua der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Dies ist eine stark gekürzte Version eines Vortrages, den Dalla Costa 1994 in Tokyo bei einem Seminar mit dem Titel Women’s Unpaid Labour and the World System hielt. Übersetzung aus dem englischen, 2004 auf www.thecommoner.org veröffentlichten Text von Sophie Schasiepen.


Literatur


M. Dalla Costa, S. James: The Power of Women and the Subversion of the Community. Falling Wall Press, London 1972.

M. Dalla Costa, G.F. Dalla Costa (eds.): Donne e politiche del debito. Condizione e lavoro femminile nella crisi del debito internazionale. Franco Angeli (English edition in preparation with Zed Books), Milan 1993.

S. Federici: The Great Witch-Hunt. in The Maine Scholar, Vol. 1, No. 1, 1988.

K. Marx: Capital. A Critique of Political Economy, Vol. 1. Penguin, London 1976.