Kulturwissenschaft als Politik oder: Auf der Wetten dass-Couch mit Stuart Hall

Keine Angst, jetzt kommt kein Witz: Was passiert, wenn Conchita Wurst neben Andreas Gabalier auf der Wetten dass-Couch sitzt? Ginge es nach Stuart Hall müsste die Antwort lauten: Es entsteht ein potenzieller Gegenstand ernsthafter marxistischer Untersuchungen. Die Neuerfindung der Kulturwissenschaften als Cultural Studies, zu der Hall als Direktor des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) an der Universität Birmingham zwischen 1968 und 1979 entscheidende Impulse gab, zielte genau darauf ab. Nicht nur sollte die Unterscheidung zwischen Hoch- und Volkskultur untergraben werden, es galt auch dem Doppelcharakter jeder kulturellen Praxis Rechnung zu tragen: „dass sie einerseits zutiefst subjektiv und persönlich ist und zugleich eine Struktur, die man lebt“.[1]

Conchita und Gabalier, Drag und Lederhosen, Eurovisions-Schlager und Volks-Rock’n’Roll sind so besehen nicht bloß Kulturindustrie, verschiedene Varianten desselben Gerichts, formelhafte Warenformen. Das sind sie auch – aber sie sind weit mehr als das, in zumindest zweifacher Hinsicht. Einerseits wird in der Popularkultur, die von Figuren wie den beiden performt wird, ein Angebot in Sachen Lebensweise gemacht. Insofern ist es auf perfide Weise passend, dass Gabalier kurz nach seinem Wetten dass-Auftritt von Außenminister Sebastian Kurz zum „Integrationsbotschafter“ ernannt wurde. Sein neotraditionalistisches Kulturprojekt, das Tracht und Patriarchat als jugendliche Hüttengaudi inszeniert, ist tatsächlich ein Integrationsangebot im umfassenden Sinn. Nicht nur für jene „Neo-Österreicher“ (_innen?) die Kurz vor Augen hat, sondern für alle hier in Österreich Lebenden. Das nationalstolze „Wir“, unverkrampft, gesund und kernig, ist eine Variante des österreichischen Identitätsangebots, eine kulturelle Form, um die Unwägbarkeiten des neoliberalen Kapitalismus zu leben, die Halt gibt, inmitten von Unsicherheiten, Verlustängsten, verletztem Stolz und erschöpfter Wut. Kultur – als populare, gelebte, die Massen ergreifende und von ihnen ergriffene Praxis – ist Teil von Herrschaftsverhältnissen, ist Teil von: Hegemonie. Diesen Begriff entnahm Hall seinem Lieblingstheoretiker, dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci. Hegemonie heißt, dass die Massen nicht bloß unter der Knute der Herrschenden stehen, sondern auch in einen breiten Konsens eingebunden werden. Hall untersuchte diese Dynamik erstmals eingehend Ende der 1970er Jahre, als im von Krisen gebeutelten England zunehmend reaktionäre Haltungen zu Sexualität, Jugendkulturen und Kriminalität breite Zustimmung fanden. In Zeiten der Krise, so Hall in seiner – im Kollektiv mit vier Kollegen am CCCS verfassten – Studie zur „moral panic”, die Konservative rund um das Thema der Jugendkriminalität erschaffen hatten, werden solche identitären Angebote zum Konsens neu verhandelt.[2] In seinem Fall war es eine bestimmte Form von Englishness, die kulturell produziert wurde und sich um zentrale ideologische Elemente formierte: Disziplin und Respekt, Familie und Tradition, Fünf-Uhr-Tee und Whiteness. In unserem ist es ein „Österreichischsein“, das aber keineswegs von Gabalier alleine verkörpert wird. Conchita Wurst steht scheinbar antagonistisch zum neovölkischen Projekt: glamouröse Artifizialität statt kernöliger Authentizität, queere Ambivalenz statt Heteronorm, Frau mit Bart statt westalpin-maskulin. Wurst trägt ein anderes Integrationsprojekt, das sich an das liberale Bürgertum wendet, an urbane Schichten, an jene die sich gerne in Ulrich Becks Bild der reflexiven Moderne gespiegelt sehen. Aber auch hier wird um Hegemonie gerungen: Für einen neoliberalen Kapitalismus, der sich an Diversität labt, sich durch Differenz erneuert und Vielfalt nicht nur toleriert, sondern sogar fördert, so lange sie sich in eine Pluralisierung der Kaufentscheidungen und die Selbstoptimierung am Arbeitsmarkt übersetzen lässt. Wenn du so hart an dir arbeitest wie Conchita, dann kannst du selbst als schwuler Mann in Frauenkleidern Erfolg haben. Stuart Halls Intervention in einen Marxismus, der Fragen der Überbauten gerne als Nebensache abtat, zielte darauf ab die „konstitutive Rolle, die soziale und kulturelle Beziehungen in jedem ökonomischen System spielen“ deutlich zu machen.[3] Wenig symbolisiert dies eindrucksvoller als Conchita Wurst, die als neues Testimonial der größten Bank Österreichs von Plakaten strahlt, während uns auf der anderen Straßenseite Andreas Gabalier Stolz auf Österreichs Alpenlandschaften abverlangt.

Aufmerksamkeit für die Politik des Kulturellen ist für Hall aber noch aus einem zweiten, nicht weniger wichtigen Grund essentiell. Nicht nur weil sie Teil von Herrschaft ist, sondern auch als Ressource der Befreiung. Im ersten Editorial der von ihm und seinen MitstreiterInnen der Neuen Linken 1960 gegründeten New Left Review schrieb er: „Wenn wir in NLR Kinofilme oder Jugendkulturen diskutieren, dann nicht um zu zeigen, dass wir der Mode entsprechend mit dem Zeitgeist mithalten können. Diese Diskussionen sind direkt relevant für die kreativen Formen, in denen Menschen, die im Kapitalismus leben müssen, Widerstand leisten – die wachsenden Ausdrücke sozialer Unzufriedenheit, die Entwürfe tief verankerter Bedürfnisse“.[4] Das war mehr oder weniger augenscheinlich in den devianten Jugendkulturen der 1960er und 70er Jahre, im Rastafarianism oder im von Hall verehrten Jazz des Miles Davis. Cultural Studies, ernsthaft betrieben, müssen aber auch und gerade da genau hinschauen und hören, wo der Fun zum Stahlbad wird. Noch im Morast warenförmiger Popkultur findet sich Unabgegoltenes. Dazu gehören „Gefühle und Erfahrungen […], die in der herrschenden, der hohen Kultur keinen Ausdruck finden und ohne die man eigentlich nicht verstehen kann, wie gewöhnliche Leute denken und fühlen“.[5] Hier laufen Denklinien zusammen, die Halls Projekt einer Politik des Kulturellen markieren: Das Insistieren Gramscis, die Schund- und Groschenromane ernst zu nehmen, um zu verstehen wie der Alltagsverstand der Beherrschten (der „Subalternen“) zugleich in Hegemonieprojekte von oben eingemeindet ist und Elemente der Emanzipation enthält; die fast liebevolle Aufwertung proletarischer Alltagskultur seines Vorgängers als Direktor des CCCS, Richard Hoggart; und das diasporische Wissen um die Verstrickung jener Alltagskultur in die Strukturen von Imperialismus und Rassismus, die ihm jede Romantisierung vergangener Scheinidyllen verbat. Hall bringt uns also in die unangenehme Situation zu fragen, was denn etwa in den kulturellen Produkten Conchita Wurst und, ja, auch Andreas Gabalier an Erfahrungen und Sehnsüchten artikuliert wird, die unser Streben nach Emanzipation berücksichtigen muss. Seine Perspektive positioniert Kultur im Projekt eines Marxismus „ohne Garantien“. „Kulturwissenschaft“ war ihm und sollte uns sein: „die Fortsetzung der Politik an anderer Stelle“.[6]


Benjamin Opratko ist DOC-Stipendiat der ÖAW am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sein Buch Hegemonie. Politische Theorie nach Antonio Gramsci (Münster, Westfälisches Dampfboot) ist 2014 in überarbeiteter zweiter Auflage erschienen.


[1] Stuart Hall: Die Formierung eines Diaspora-Intellektuellen. In: Ders.: Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt. Ausgewählte Schriften 3, Hamburg 2000 [1992], 8–33, hier: 13.

[2] Stuart Hall et al.: Policing the Crisis. Mugging, the State and Order, London 1978.

[3] Stuart Hall: Die Bedeutung der „Neuen Zeiten”. In: Ders.: Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt. Ausgewählte Schriften 3, Hamburg 2000 [1989], 78–97, hier: 81.

[4] Stuart Hall: Introducing NLR. In: New Left Review I/1, 1–3, hier: 2.

[5] Stuart Hall: „Jeder muss ein bisschen aussehen wie ein Amerikaner“. Über die Bedeutung des Kulturellen für das Verstehen der Gesellschaft. In: Ders.: Populismus, Globalisierung, Hegemonie. Ausgewählte Schriften 5, Hamburg 2014 [2007], 198–208, hier: 207.

[6] Ebd.: 205.