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Positionierung, nicht Essenz.

Editorial

Identität, hatte Stuart Hall einst geschrieben, sei nicht ein Wesen, sondern eine Positionierung. In den sozialen Raum gestellt, durch Klassifikationen wie Klasse, Ethnizität und Geschlecht an bestimmte Plätze verwiesen, heißt Positionierung für individuelle und kollektive AkteurInnen aber immer auch, sich in Stellung zu bringen – möglicherweise gegen den vorgefundenen Platz. Wann Widerstand und unter welchen Bedingungen stattdessen Konformität entsteht, war eine der Schlüsselfragen in den Schriften des jamaikanisch-britischen Kulturtheoretikers. Stuart Halls Werk umfasst neben solchen politischen, an Antonio Gramsci angelehnten Fragestellungen auch Medientheorie, Debatten zum Multikulturalismus, Repräsentationskritik und marxistische Staatstheorie. Und es gehört zu den bedeutendsten für die Entwicklung der Cultural Studies überhaupt. Die besondere Verbindung von kulturtheoretischen, politisch-analytischen und aktivistisch-strategischen Fragen bei Hall scheint uns den Versuch wert, erstmals eine monografische Ausgabe des Bildpunkt zu wagen und die Anknüpfungspunkte an sein theoretisches Schaffen auszuloten.

Als Stuart Hall im Februar dieses Jahres 82jährig starb, postete die New Yorker Autorin und Konzeptkünstlerin Coco Fusco auf facebook: „Es bricht mir das Herz.“ Sie und ihre Generation hätten eine intellektuelle Vaterfigur verloren. Und um dies zu unterstreichen, hieß es weiter: „Alles, was ich jemals an Gutem geschrieben habe, ist das Ergebnis dessen, was ich von ihm gelernt habe.“

Stuart Hall war nicht nur der „Pate des Multikulturalismus“, wie der Guardian ihn im Nachruf betitelte. Als Soziologe und Kulturwissenschaftler hat Hall vor allem auch die Debatten um die antiautoritäre Erneuerung des Marxismus seit den 1950er Jahren stark beeinflusst. Er war ab 1960 der erste Herausgeber der einflussreichen New Left Review. Die Zeitschrift war als Reaktion auf die Krise der Kommunistischen Parteien nach 1956 gegründet worden und gilt bis heute als zentrales Organ der Neuen Linken. Von 1968 bis 1979 leitete er das mittlerweile legendäre Center for Contemporary Cultural Studies in Birmingham. Hier sorgte er für eine bis dato kaum existente Vermittlung von ökonomischen und kulturellen Forschungsfragen. Dass diese immer auch an linker politischer Praxis orientiert war, erklärt schließlich, warum auch kulturschaffende Aktvistinnen und Aktivisten wie Fusco bis heute im Bann von Halls eingängigen Texte stehen.

Hall war zudem ein wichtiger Kritiker neoliberaler Politik, auch und gerade in ihren sozialdemokratischen Varianten. So hat er die wirtschaftspolitische Ausrichtung von New Labour wegen der Privatisierung öffentlicher Güter und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ebenso scharf kritisiert wie die sozialpolitische Orientierung an Eigenverantwortung und Wettbewerbsfähigkeit. Neoliberale Politik war in Halls Verständnis immer auch Ordnungspolitik, ein „autoritärer Liberalismus“. Aber auch hinsichtlich dieser Vorherrschaft in den Denkweisen und Praxisformen war Hall weder Essentialist noch besonders pessimistisch: „Hegemonie ist ein Prozess, kein Zustand. Kein Sieg ist jemals endgültig.“


Jens Kastner, koordinierender Redakteur