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„... kein automatischer und natürlicher Prozess ...“

Kreativitätsroutinen im Gespräch mit Susanne Heeg und Birgit Huber

Bildpunkt: Birgit Huber, in Ihrem Buch Arbeiten in der Kreativindustrie (Frankfurt a. M./ New York 2012) untersuchen Sie die „Entgrenzung von Arbeits- und Lebenswelt“. Ist diese Auflösung der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wirklich ein Phänomen, das, wie etwa Richard Florida in seinem Buch über die „kreative Klasse“ meint, mittlerweile mehr als ein Drittel der Gesellschaft oder gar den gesamten sozialen Raum betrifft? Oder dreht es sich letztlich nicht doch bloß um wenige Milieus aus den Bereichen Kunstproduktion und Werbebranche?

B.H.:
Entgrenztes Arbeiten ist als Norm zum Normalfall geworden. Muster der Zeitgestaltung und der geografischen und sozialen Raumgestaltungen, wie sie bei freiberuflich tätigen Allein - selbständigen beobachtet werden können – die ja häufig in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig sind –, sind zum hegemonialen Leitbild geworden, auch in Branchen und Betrieben, die fordistisch- tayloristisch organisiert sind. Dieses Phänomen entspricht demjenigen, dass über Jahrzehnte hinweg der fordistische Industriearbeiter und seine Zeit- und Raumgestaltung das Leitbild von Arbeit darstellte zu einer Zeit, als die Mehrzahl der Bevölkerung noch im agrarischen Sektor tätig war.

Bildpunkt:
Ist „Kreativindustrie“ ein Bereich der ökonomischen Sphäre neben anderen, etwa der Autoindustrie? Oder sollte man dem Begriff auch modellhaften, sozialdiagnostischen Charakter zuschreiben wie etwa der „Kulturindustrie“?

B.H.:
Unter der Bezeichnung Kultur- und Kreativwirtschaft/ Kreativindustrie werden verschiedene Wirtschaftsbranchen zusammengefasst, bei denen der kreative Einfall im Zentrum der Wertschöpfung steht. Das Feld und der Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft haben modellhaften und sozialdiagnostischen Charakter. So gilt dieser Wirtschaftsbereich als Vorreiter arbeitsweltlicher Entwicklungen, da dort allgemeine Trends von Erwerbstätigkeit sichtbar werden. Mit dem Begriff werden zwei zuvor meist getrennte Sphären zusammengedacht: das Schöpferische, Kunst, Kultur auf der einen sowie das Rationale, das Marktorientierte, die Wirtschaft auf der anderen Seite.

Bildpunkt:
Susanne Heeg, sie zitieren gleich zu Beginn Ihres Buches Von Stadtplanung und Immobilienwirtschaft (Bielefeld 2008) Richard Florida mit seiner These, dass junge, motivierte, gut ausgebildete Arbeitskräfte – die „kreative Klasse“ – durch bestimmte städtische Umgebungen angezogen würden. Eigentlich geht es in Ihrem Buch aber um die Aufwertung urbanen Raumes durch Immobilienprojekte. Wie hängen diese Entwicklungen zusammen?

S.H.:
Bei der Legitimierung von Immobilienprojekten wird häufig darauf verwiesen, dass eine vielfältige Baustruktur hilft, die kreative Klasse anzuziehen. In dem von mir untersuchten städtebaulichen Großvorhaben erwies sich diese Argumentation der Projektentwickler_ innen und Stadtplaner_innen als nicht zutreffend. Durch die Bauprojekte im hochwertigen konsumtiven Bereich wurde die Kunstszene, die sich zuvor in den alten Lagerhallen niedergelassen hatte, vertrieben. Die South Boston Waterfront stellt für diese Entwicklungen keine Ausnahme dar.

Bildpunkt:
Dass künstlerische Lebensstile zum imperativen Modell für alle geworden sind, wird ja inzwischen von ganz verschiedenen Seiten aus behauptet. Die Vorteile der damit assoziierten flexiblen und mobilen Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber dem fordistischen Fabrikalltag liegen zwar auf der Hand. Sieht man sich die gepriesenen Lebensstile aber genauer an, fällt auch gleich ins Auge, dass sie extreme Nachteile mit sich bringen: miserable Einkommen, große Ungleichheit, extreme Unsicherheit. Wie ist es zu erklären, dass ein Modell, das mit solch immenser Prekarität einhergeht, dennoch so große Akzeptanz findet?

S.H.:
Ist die Akzeptanz tatsächlich so groß? Es gibt keine mir bekannten kreativ Tätigen – egal ob Videokünstler_innen, Journalist_ innen, Wissenschaftler_innen etc. –, die die finanzielle Prekarität für gut befinden. Es ist allerdings auch weniger interessant, ob diese Prekarität akzeptiert wird als vielmehr, dass diese Lebens- und Arbeitsverhältnisse gegenwärtig als notwendig und sogar als normal erachtet werden, um Wirtschaftswachstum zu generieren.

B.H.:
Studien, die auf Interviews mit Alleindienstleister_ innen im Feld der Kultur- und Kreativwirtschaft basieren, aber z.B. auch die von mir durchgeführte Ethnografie ergeben, dass für die meisten von ihnen subjektiv die Vorzüge einer relativ großen zeitlichen, räumlichen und arbeitsinhaltlichen Selbstbestimmung gegenüber der als nachteilig empfundenen materiellen Unsicherheit überwiegen. Das gleichwohl immer gegebene Risiko von Selbstausbeutung ist den meisten Alleindienstleister_innen durchaus bewusst. Das berufliche Handeln ist primär wertrational orientiert – sei es an berufsethischen Werten, an der Schaffung qualitativ hochstehender Gebrauchswerte für die Kund_innen oder am Selbstwert der individuellen Selbstverwirklichung im „Traumberuf“. Hinsichtlich dieses dritten Aspekts spricht der Kultursoziologe Hannes Krämer von einem „post-rationalistischen Arbeitsethos“, mit dem man es hier zu tun habe.

Bildpunkt: Die Ausweitung des Kreativitätsimperativs geht auch mit Veränderungen im urbanen Raum einher. In den Gentrifizierungsprozessen der letzten Jahre und Jahrzehnte waren es oft jene, als „kreativ“ beschriebenen Leute, die Gegenden und Stadtteile erschlossen und damit aufgewertet haben, die dann später von Investoren entdeckt und luxussaniert wurden. So zumindest die gängige Erzählung. Aber sind Künstler_innen tatsächlich die Motoren städtischen, gar gesellschaftlichen Wandels? Oder muss nicht auch nach anderen Akteur_innen, Interessenlagen und Durchsetzungsmöglichkeiten geforscht werden?

S.H.:
Auf alle Fälle! Gentrification ist kein automatischer oder natürlicher Prozess. Vielmehr offerieren viele Städte in peripheren Stadtteilen günstige Werkräume, um sie durch Künstler_innen aufzuwerten. Wenn es gelingt, Künstler_innen anzusiedeln und Aufmerksamkeit für das Viertel zu schaffen, werden auch Projektentwickler_ innen aufmerksam und tätig, um die im Viertel bestehenden Verwertungslücken zu schließen.

B.H.:
Besonders spannend finde ich die Akteur_innen und Lebensbedingungen, die dazu beitragen könnten, dass von „Kreativen“ erschlossene, einst marginale Stadtteile weniger reibungslos gentrifiziert werden. Sehr gut lassen sich dazu Überlegungen anstellen anhand des Berliner Bezirks Nord-Neukölln. Vor etwa sechs Jahren begannen sich hier künstlerische Experimente anzusiedeln, da leerstehende Ladengeschäfte ohne Bezahlung genutzt werden konnten. Seit drei Jahren versuchen Akteur_innen wie z.B. das Planungsbüro für kooperative Stadtenwicklung massiv, Netzwerke zwischen Immobilieneigentümer_ innen und Nutzungsinteressenten zu knüpfen. In Tageszeitungen wie der taz resümieren junge freiberufliche Journalist_ innen bang über ihren eigenen Beitrag zur Gentrification im Bezirk. In Nord-Neukölln haben 53% der Bürger_innen Migrationshintergrund. Der Ruf des Bezirks in der Öffentlichkeit ist nach wie vor schlecht. Was mich interessiert: Könnten solche Faktoren dazu beizutragen, dass Experimente, sei es hinsichtlich des Lebensstils oder im künstlerischen Bereich, die finanziell nichts einbringen, länger möglich bleiben? Und welche Rolle spielen Anti-Getrifizierungsaktivist_innen?


Susanne Heeg ist Professorin für Geographie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Stadtökonomie und Stadtplanung.

Birgit Huber ist Europäische Ethnologin und Dozentin. Sie ist im Bereich Forschung, Lehre und Ausstellungskonzeption tätig und lebt in Vorarlberg.

Das Gespräch wurde im August 2014 von Jens Kastner und Sophie Schasiepen per E-Mail geführt.