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Kreativitätsroutinen

Editorial

„Kreativität ist schön“ heißt es auf grünen, blauen und orangenen Schnipseln im Schaufenster des PensionistInnen-Verbandes der SPÖ in Rudolfsheim-Fünfhaus. Darunter wird zum allwöchentlichen Treff eingeladen, auf dem Programm stehen „Seidenmalerei, Keramikmalerei, Serviettentechnik, Acrylmalerei …“. Hier, im 15. Wiener Gemeindebezirk, einem der ärmsten der Stadt, siedeln sich in unmittelbarer Nachbarschaft der roten SeniorInnen seit wenigen Jahren auch jene Leute an, die ebenfalls und vor allem anderen als eines gelten: als kreativ. Nur dass sie deutlich jünger sind und ziemlich andere Sachen machen: zum Beispiel Umhängetaschen („urban tools“) oder die Espresso-Maschine bedienen, schicke Fahrräder zusammenbauen und hippe Kleidung verkaufen in ein und demselben Laden. Galerien und Leerstand gibt es natürlich auch da, wo früher der Einzelhandel blühte (Kurzwaren, Bettdecken, Handschuhe). In einem dieser Läden, nicht weit vom kreativen Kunsthandwerk entfernt, fanden in diesem Frühjahr einige Workshops statt, die für die Verbindung von Kreativität und Unternehmertum warben.

Kreativität, schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz, zeichne sich durch zweierlei aus: Zum einen steht sie für die Fähigkeit, „dynamisch Neues hervorzubringen“. Und zum anderen darf dieses Neue nicht einfach nur neu sein, sondern muss auch noch für sinnliche und affektive Erregung sorgen. Zwei Kriterien, denen die Angebote des PensionistInnen-Verbandes vielleicht nicht in jeder Hinsicht gerecht werden. Einem dritten schon eher, denn hinzugefügt werden müsste noch: Kreativität galt lange Zeit als Ausnahmephänomen. Zwar wurde ihr Potenzial seit der Aufklärung als anthropologisch konstant bis allgegenwärtig eingestuft, nur am Ausleben haperte es angeblich. Schuld daran waren entfremdete Arbeit, der bevormundende Staat, die moderne Rationalität u.a. Die Verwirklichung blieb also dem Außergewöhnlichen vorbehalten, etwa der Frei- oder Pensionszeit und den KünstlerInnen. Das hat sich grundsätzlich geändert.

Der Titel Kreativitäsroutinen soll der Beobachtung Ausdruck verleihen, dass Kreativität und alltägliche Abläufe sich nicht (mehr) abwechseln und/ oder gar entgegenstehen, sondern miteinander verknüpft sind: im individuellen Erleben vieler wie auch – und allemal – als gesellschaftliche Anforderung. Während die alte Kulturindustrie noch die Persönlichkeit frei „von Achselschweiß und Emotionen“ (Horkheimer/ Adorno) forderte, sind genau die in Zeiten der Creative Industries gefragt. Sich als ganze Person inklusive Affekt und Körperflüssigkeit einzubringen, ist einer der Imperative, die die Entgrenzung der Arbeit mit sich gebracht hat. Und dabei hat das Management bekanntlich lebensstilmäßig von der Kunst gelernt. Aus dem Kunstfeld wurden diese Tendenzen auch erstmals kritisiert: Marion von Osten konzipierte bereits 2002 die Ausstellung Be Creative! – Der kreative Imperativ in Zürich.

Kreativität ist also nicht nur schön. Jedenfalls für die Verknüpfung von künstlerischen Skills und unternehmerischem Denken zu werben, wie von den „Kreativen“ im 15. Bezirk getan, ist im gegenwärtigen, postfordistischen Arbeitsregime ein Einrennen offener Türen. Das wollen wir selbstverständlich nicht. Können wir mit der Kreativität trotzdem noch etwas Emanzipatorisches anfangen? Um diese Frage dreht sich diese Ausgabe.


Jens Kastner, koordinierende Redakteur