IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Exitstrategien

Editorial

Eine lange „Tradition der Migration“ machte die Feministin Gloria Anzaldúa 1987 in ihrem Buch Borderlands aus, die durch das Ziehen einer neuen Grenze ausgelöst worden sei. Konkret gemeint war der Grenzverlauf zwischen Mexiko und den USA. Nach dem Krieg zwischen den beiden Ländern wurden 1848 weite Teile des mexikanischen Nordens den USA zugeschlagen. Aber Anzaldúa verallgemeinert diese Situation: Jede Grenze erzeugt Bevölkerungsgruppen, die auf der „falschen“ Seite leben und schafft unterschiedliche Lebensbedingungen, die zum Ortswechsel verleiten. Wenn auch auf Gewalt und Zwang beruhend, so bieten solche Grenzräume laut Anzaldúa doch auch Möglichkeiten. Strategische Möglichkeiten, die auch den Umgang mit (immer fremdund selbstzugeschriebener) Zugehörigkeit betreffen. Voraussetzung dafür war für die queere Poetin und Sozialwissenschaftlerin die Herausbildung eines „neuen mestizischen Bewusstseins“ („new mestiza consciousness“), das nicht mehr in den dualistischen Kategorien Hier und Dort, Wir und die Anderen verharrt. Warum aber Bewusstsein? „Nothing happens in the ‚real’ world“, schreibt Anzaldúa, „unless it first happens in the images of our heads.“ Sich etwas klar- und sich ein Bild machen, Kognition und Kreation, rücken hier recht eng zusammen und werden zur selbstbestimmten Grundlage sozialen Wandels gemacht. Deshalb rückt auch die Bildproduktion dies- und jenseits des eigenen Kopfes ins Interesse sozialwissenschaftlicher wie politisch-aktivistischer Ansätze.

Aber welche Bilder sind das und wie werden sie gemacht? In den Auseinandersetzungen um Migrationspolitiken standen sich in den letzten Jahren häufig zwei Erklärungsansätze und damit auch Sichtweisen gegenüber: einerseits die „Autonomie der Migration“, die Flucht zu einer Form selbstbestimmter Aktionen deklariert, um die Flüchtenden nicht länger als Objekte zu beschreiben. Und andererseits die Überwachungs-, Sicherheits- und Grenzdiskurse der staatspolitischen Arena und der akademischen Migrationsforschung, in denen die Refugees nur als passive Variablen im strukturellen Strategiespiel großer Politik aufscheinen. Beide Ansätze wurden und werden durch die neuen Refugee-Bewegungen der letzten zwei Jahre in Österreich, Deutschland, aber auch in Israel in besonderer Weise herausgefordert. Treten hier einerseits die entrechteten Refugees als selbstbewusste Subjekte auf, finden sie im strukturell xenophoben, dominanzgesellschaftlichen Diskurs anscheinend weniger denn je angemessene Repräsentationsformen.

Die Frage nach Exitstrategien stellt sich also nicht nur für die jeweiligen Menschen, die ihr Leben ändern und an einem anderen Ort fortsetzen wollen oder müssen. Sondern sie stellt sich auch auf der Metaebene der Beschreibung, der Bilder, sofern die Alternative von autonomen Strömen auf der einen und den dichten Grenzmauern und hypertechnisierten Sicherheitsagenturen, denen man ausgeliefert gegenüber steht, auf der anderen Seite als zu kurz greifend empfunden wird. Zumindest ist das der Ausgangs- und Ansatzpunkt dieser Ausgabe des Bildpunkt – immer auch für die Suche nach strategischen Möglichkeiten.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur