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Im Auftrag von … Kunstvermittlung – ein Beruf? Oder: Wie viel Berufung können sich VermittlerInnen leisten?

Renate Höllwart

Um die Situation der KunstvermittlerInnen zu erfassen, lohnt sich ein Blick auf Arbeitsökonomien aus verschiedenen Perspektiven. Kunstvermittlung ist eine Tätigkeit an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaften und Bildung und findet in Institutionen ebenso wie in der autonomen Projektarbeit statt. Dadurch ergibt sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die Praxis, die oft AkteurInnen mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Ausbildungen in Teams zusammenführt, in denen disziplinäre Grenzen flexibel werden: VermittlerInnen, KunsthistorikerInnen, KulturwissenschafterInnen, KuratorInnen, LehrerInnen, AktivistInnen und auch KünstlerInnen. Die Fragen was will Kunstvermittlung?, wer macht Vermittlungsarbeit?, und vor allem in wessen Auftrag? stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit der Frage nach den ökonomischen, oft prekären Rahmenbedingungen für Vermittlung. Demgegenüber steht die steigende Präsenz von Vermittlung in Kunst- und Kulturinstitutionen, künstlerischen Projekten, Festivals und Ausbildungen. Nicht zuletzt hat diese durch den erstmals 2012 vergebenen Kunstpreis für Kunst- und Kulturvermittlung eine öffentliche Aufwertung erhalten. Wie hat sich diese Steigerung an Aufmerksamkeit strukturell verankert?

Es gibt viel zu tun …
Blickt man ein paar Jahrzehnte in der Vermittlungslandschaft in Österreich zurück, so wird deutlich, dass diese seit den 1990er Jahren von der Arbeit an einem Berufsbild geprägt ist, das sich mittlerweile zunehmend etabliert hat. Interessensverbände wie z.B. der Österreichische Verband der KulturvermittlerInnen im Museums- und Ausstellungswesen (dieser veröffentlicht auch eine Empfehlung für Honorarsätze[1]) und AkteurInnen aus dem Feld haben eine noch andauernde Diskussion über die Professionalisierung und die damit einhergehende Aufwertung ihrer Arbeit initiiert. Es lässt sich heute kaum mehr eine Institution ohne Vermittlung denken – Kunstvermittlung ist ein institutioneller Imperativ geworden. Spannend und unterhaltsam soll sie sein, experimentell und begeisternd, bereichernd und vielfältig – so werben Institutionen für ihre Angebote. Sieht man sich nun die Programme und Programmatiken der Kunstinstitutionen genauer an, so lässt sich erkennen, dass sich auf der Suche nach immer neuen Publikumsgruppen ein Kanon an Vermittlungsformaten etabliert hat. In der permanenten Aufforderung, im Auftrag der Institution – und der damit verzahnten Förderlandschaft für Museen unter dem Schwerpunkt „Kunst macht Schule“– „kunstferne“, neue Publikumsschichten an Kunst heranzuführen, hat sich ein breites Tätigkeitsfeld für VermittlerInnen erschlossen. Viele Institutionen, vor allem Bundesmuseen, haben in den letzten Jahren Fixanstellungen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, für ihre Vermittlungsteams verankert. Gleichzeitig bleibt das Tätigkeitsfeld der VermittlerInnen – egal ob es sich um freundliche Führungen oder um die Erarbeitung von Angeboten für unterschiedliche soziale Bedürfnisse und Altersstufen handelt – einer geschlechtsspezifischen Zuschreibung von „care and share“ verhaftet und die damit einhergehende Feminisierung des Bereiches bestehen. Und wirft man über die breite Landschaft der vielen bunten Ankündigungen hinaus einen Blick auf Stellenausschreibungen, Produktionsbedingungen und Arbeitsverhältnisse, stellt sich die Lage der VermittlerInnen als weit weniger vielversprechend und expandierend dar.

und zu verändern
Setzungen wie Partizipation und Transformation zeugen von einem Veränderungsdruck auf die Kunstinstitutionen selbst. Sie verspre- chen Innovation mit und durch die Zusammenarbeit von KuratorInnen, VermittlerInnen, KünstlerInnen und Publikum. Demgegenüber – und dennoch vor dem Hintergrund der Antragslogiken mit ähnlichem Vokabular operierend – etablieren reflexive und emanzipatorische Vermittlungsdiskurse Kunstvermittlung als kritische, verändernde Praxis. Sie stellen Institutionen und hegemoniale Verhältnisse ebenso wie die SprecherInnenposition der VermittlerInnen selbst in Frage. Doch was bedeutet es für die VermittlerInnen, wenn ihre Arbeit nicht mehr nur unterhaltsam, informativ und bereichernd sein soll, sondern sie darüber hinaus auch noch die Verhältnisse, in denen sie agieren, befragen und verändern wollen? Hier tut sich eine Diskrepanz zwischen der Auseinandersetzung mit einem avancierten Vermittlungsdiskurs und der Praxis auf: Denn was zunächst gut klingt, braucht auch Strukturen und die Basis für Kontinuität. So erfordert die Auseinandersetzung mit und die Reflexion des eigenen Tuns – in der die Abgrenzungen zwischen Vermittlung und künstlerischer Produktion durchlässig werden –, Zeit- und Geldressourcen. Und gerade hier bleiben prekäre Produktionsverhältnisse in temporären und ergebnisorientierten Projektstrukturen gern verschleiert. So vielfältig und erwünscht die Betätigungsmöglichkeiten durch eine Beteiligung an Ausstellungsprojekten und thematisch ausgerichteten Kunstund Kulturfestivals auch scheinen mögen, bleibt eine Kontinuität in der Arbeit sowie Infrastruktur dafür doch ungewiss. Unter dem Label Innovation sehen sich auch VermittlerInnen, wie viele AkteurInnen im kulturellen Feld, mit der Anforderung konfrontiert, über „unbegrenzte Ideenvielfalt, abrufbare Kreativität und smarte Selbstvermarktung“[2] zu verfügen. Auf der Suche nach Förderungen und der Aneignung von Sprachkompetenzen für Anträge und Ausschreibungen finden sich VermittlerInnen oft im Spannungsfeld von Interessen wieder: Sie müssen zwischen ihren eigenen Ansprüchen der Kritik an normativen Verhältnissen, den Zugängen und Wünschen der TeilnehmerInnen und diversen anderen Interessen von öffentlichen Institutionen und GeldgeberInnen jonglieren. Dennoch kann die steigende Aufmerksamkeit für Fragen der Partizipation in Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Inhalten auch und gerade für institutionsunabhängige VermittlerInnen, und oft über Umwege, Räume für die Entwicklung von Umgangsweisen in der Praxis und das Vorantreiben einer Theorie eröffnen, indem in transdisziplinären Zusammenhängen Vermittlung einen wichtigen Stellenwert im Kontext der Zusammenführung von Bildung, Wissenschaft und Kunst, beansprucht.

Die Konjunktur des Interesses an Vermittlung (ablesbar an einer Vielzahl von Veranstaltungen, Publikationen und Online- Plattformen) befördert die Bildung von Netzwerken und damit über den Austausch hinaus, wenn auch meist unbezahlt, die Ausdifferenzierung und Positionierung des eigenen Tuns, die Auseinandersetzung mit kollektiven Strategien und die Stärkung einer kritischen Vermittlungspraxis – einer Komplizenschaft zwischen Vermittlung, Kunst und Bildung im eigenen Auftrag.


Renate Höllwart ist Vermittlerin mit den Schwerpunkten Zeitgeschichte, zeitgenössische Kunst und öffentlicher Raum. Sie ist Mitbegründerin und Teilhaberin von trafo.K.

[1] www.kulturvermittlerinnen.at/Honorasatzempfehlung_2012.pdf, (5. 5. 2013).

[2] Marion von Osten, Einleitung. In: dies (Hg.), Norm der Abweichung, Wien–New York 2003, S. 9.