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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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„Die Verschärfung des Urheberrechts ist nicht automatisch im Interesse der aktiven Urheber“

Mögliche Positionen der bildenden Kunst in der Urheber_innenrechtsdebatte

Sylvia Köchl

In der aktuellen Debatte um die geplante Novelle des Urheber_innenrechts bzw. um die Frage, wie ein modernes Urheber_innenrecht denn aussehen könnte, melden sich verschiedene Gruppen mit ihren spezifischen Interessen zu Wort. Allen voran die Verwertungsgesellschaften (via Kunst hat Recht), aber auch der Elektronikfachhandel (Plattform für ein modernes Urheberrecht) oder diverse Internetaktivist_innen (Initiative Netzfreiheit u.a.). Wie unterschiedlich die Interessenlagen aber allein innerhalb der Kunst sind, wird hier kaum thematisiert. Je nach Kunstsparten und den damit zusammenhängenden Arbeitsrealitäten und Arbeitsweisen, Produktionsbedingungen und Vertriebswegen gibt es mannigfaltige Betroffenheiten in Bezug auf das Urheber_innenrecht. Kann ein breit aufgestelltes Bündnis wie Kunst hat Recht dem Rechnung tragen?

Populismus rules

Betrachten wir die Debatte einmal am Beispiel der bildenden Kunst. Sie ist einerseits von einer großen Vielfalt an Arbeitsweisen und verwendeten Medien geprägt, andererseits davon, dass die überwiegende Mehrheit der ausübenden Künstler_innen einzeln als Selbständige arbeitet – da steht weder eine Vermarktungsindustrie wie etwa bei der Musik dahinter noch findet die Arbeit wie etwa beim Film innerhalb eines großen (hierarchisierten) Teams statt. Viele Behauptungen, die in den letzten Monaten zu hören waren, müssen daher in Bezug auf die bildende Kunst stark hinterfragt werden. Das trifft besonders auf die Behauptung zu, dass eine angeblich grassierende „Gratis-Kultur“ im Internet die Einkommen von Künstler_ innen stark gefährde, d.h. dass ein Urheber_innenrecht ohne Sanktionsmöglichkeiten gegenüber einzelnen User_innen (via Vorratsdatenspeicherung) sich direkt auf die Einkommen von Künstler_innen auswirkt resp. dass die Einführung solcher Sanktionsmöglichkeiten die Einkommen (wieder) ansteigen lassen würde.

Erschreckende Zahlen dazu, wie sie von Kunst hat Recht verbreitet werden, können mangels genauer Quellenangaben nicht überprüft oder daraufhin abgeklopft werden, welche Kunstsparten überhaupt gemeint sind. Das vor kurzem von Kunst hat Recht veröffentlichte Weißbuch zur Bedeutung des geistigen Eigentums für Österreichs Kunstschaffende bspw. ist stark von Überlegungen zu den Sparten Musik und Film geprägt, während es im Kapitel zu bildender Kunst in erster Linie um Fotojournalist_innen geht. Diese haben offenbar tatsächlich mit der Zunahme von sehr günstigen oder gar kostenlosen Bilddatenbanken im Internet zu kämpfen – das hängt aber weniger mit einer angeblich mangelnden Durchsetzung von Urheber_innenrechten zusammen als damit, dass die meisten Medienunternehmen seit Jahren strukturelle und finanzielle Probleme haben, die sich darin ausdrücken, dass sowohl auf Text- wie auch auf Bildebene qualitativer Journalismus immer schlechter bezahlt wird. Ansonsten heißt es im Weißbuch über die bildende Kunst lapidar: „Viele bildende KünstlerInnen und FotografInnen veröffentlichen ihre Bilder in Portfolios auf ihren Webseiten. Eine Kontrolle der Bildverwendung im Netz ist allerdings kaum möglich.“ (Weißbuch, S. 46)

Selbstbewusst im Internet

Alles, was im Internet ist, werde über kurz oder lang auch von irgendwem verwendet, meinte zu diesem Thema Milo Tesselaar von der Consulting-Firma freims, der im Rahmen der Workshop-Reihe Prometheus im Kunstmarkt (September 2012, IG Bildende Kunst gemeinsam mit kulturen in bewegung/VIDC) über Selbstpositionierung im Web 2.0 sprach. Er plädierte für einen (selbst-) bewussten und informierten Umgang mit den Möglichkeiten, die das Internet Künstler_innen bietet. Beim Veröffentlichen von Bildern bspw. im eigenen Portfolio kann ein Wasserzeichen im Bild vor ungewollter Verwendung schützen. Die Vergabe von diversen Creative- Commons-Lizenzen, die die Verwendung unter bestimmten definierten Bedingungen erlauben, stellen zumindest symbolische Hürden dar für einen allzu leichtfertigen Umgang mit Netzinhalten. Aber grundlegend sei das Bewusstsein, dass eben alles irgendwann verwendet wird – und auf dieser Grundlage sollten Künstler_innen die „Raubkopie“ strategisch quasi schon einplanen, wenn sie im Internet veröffentlichen. Auf der anderen Seite, so Tesselaar, seien die Chancen, die das Internet bietet, wenn es um Selbstvermarktung und Eigenwerbung geht, ungleich größer. Nur gilt auch dabei, sich im Netz auszukennen, bspw. zu recherchieren, welche sozialen Netzwerke und Online- Plattformen für die eigene Kunstsparte wertvoll sind, anstatt zu glauben, man_frau müsse heutzutage überall dabei sein. So sind für bildende Künstler_innen z.B. www.deviantart.com oder www.tumblr.com weitaus sinnvoller als etwa nur Facebook, weil sich auf diesen Plattformen Fachkolleg_ innen austauschen.

Collage, Adaption, Verfremdung & Co.

In der ganzen Debatte nur selten beachtet wird, dass gerade bildende Künstler_innen (ähnlich wie seit einiger Zeit viele Musike r_ innen) auf eine lange Tradition der Verwendung von Werken anderer zurückblicken können – also vielfach Urheber_innen und User_innen zugleich sind. Die Schweizer Initiative Kunstfreiheit hat sich bereits 2006/ 2007 anlässlich einer Gesetzesnovelle recht erfolgreich im Diskurs positioniert: „Die Verschärfung des Urheberrechts ist nicht automatisch im Interesse der aktiven Urheber.“ (www.kunstfreiheit.ch) Das mag paradox und überaus radikal klingen, bezieht sich aber auf Arbeitsmethoden, die in der bildenden Kunst spätestens seit der kubistischen Collage praktiziert werden. Kunstfreiheit schreibt im Resümee der Kampagne: „Von nun an ist klar, dass die Verschärfung der Urheberrechte in erster Linie dem Interesse der Verwertungsindustrie dient und dass diese Interessen nicht mit denen der Künstler zusammenfallen. Von nun an ist auch klar, dass Forderungen nach freierem Zugang zu Werken nicht bedeuten, den Künstlern etwas wegzunehmen, sondern die Bedingungen zu schaffen, die die Freiheit der Kunst fördern. Denn die Künstler sind ja immer auch Nutzer von Werken anderer, aus denen sie dann selbst neue Werke schaffen.“ Ebenfalls 2006 bildeten mehr als 500 Künstler_innen, Kurator_innen, Kunsthistoriker_ innen und Institutionen in Kanada die Appropriation Art Coalition. Sie forderten eine Anpassung des Urheber_innenrechts an die zeitgenössische Realität künstlerischer Schaffensweisen. „Auch das kanadische Urheberrecht ist – wie die meisten Urheberrechtsordnungen – letztlich noch den Originalitäts- und Genialitätsvorstellungen des 19. Jahrhunderts verhaftet, die der zeitgenössischen Kunstpraxis schon lange nicht mehr gerecht werden“, beschreibt Anna Blume Huttenlauch treffend die Situation (Appropriation Art: Nimm mich, artnet-Magazine 2006)

„Wiederholung, Imitation, Collage, Détournement, Adaption, Verfremdung, Transmutation, Replikation, Found Footage, Readymade, Objects trouvés, Re-Präsentation, Reprise, Re-Animation, Re-Mediation, Re- Fotografie, Remix, Sampling, Recycling, Bearbeitung, Cover-Version, Cut-Up, Bootleg, Transformation, Permutation, Bastardisation und Interpretation“, zählt die bildende Künstlerin Cornelia Sollfrank (Originale … und andere unethische AutorInnenschaften in der Kunst, Kulturrisse 01/2007) beispielhaft gängige historische und zeitgenössische Arbeitsmethoden auf, mit denen Künstler_innen sich ganz schnell auf dünnem Eis bewegen, wenn ein Urheber_innenrecht keine Rücksicht auf künstlerische Praktiken nimmt, sondern vielmehr die von Vermarktungsindustrie und Medienkonzernen beschworene Gefahr der „Piraterie“ und „Gratis-Kultur“ zum Anlass nimmt, Rechtsverletzungen rigoros zu verfolgen. „In den dadurch entstehenden Strudel der Kriminalisierung großer Bevölkerungsschichten“, so Sollfrank weiter, „geraten zunehmend auch KünstlerInnen, deren Arbeiten sich auf vorhandenes Bildund Textmaterial bezieht. Immer mehr haben sich vor Gericht für ihre künstlerische Arbeit zu verantworten, was bei denjenigen, die sich das nicht leisten können, zu vorauseilendem Gehorsam und Selbstzensur führt.“

Die Novelle des österreichischen Urheber_innenrechts, die seit einiger Zeit vorbereitet wird, will offenbar eine solche Kriminalisierungsmentalität unterstützen. Ende November 2012 wurde ein internes Arbeitspapier des Justizministeriums „geleaked“, dem nicht nur zu entnehmen war, wer bis dahin konsultiert wurde (nämlich ausschließlich Vertreter_innen der Verwertungsgesellschaften und der Vermarktungsindustrie), sondern v.a. auch, dass nicht im mindesten daran gedacht ist, die Nutzungsmöglichkeiten für „Produser“ (IG Kultur Österreich, Aussendung 21. 12. 2012) zu erweitern. Im Dezember lud das Justizministerium dann doch noch u.a. Vertreter_innen von Kultur- und Kunst-IGs zum Gespräch. Wie viel Einfluss das auf die Novelle haben wird, ist völlig offen. Weitere Gesprächsrunden wurden vage in Aussicht gestellt.


Sylvia Köchl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst.