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„Zwei Glücksmomente, ein Augenzwinkern und ein Lächeln pro Stunde“

Journalismus-Gewerkschafterin Judith Reitstätter im Interview mit Vina Yun

Bildpunkt: In den letzten Jahren haben prekäre Jobs und Gratisarbeit im Journalismus stark zugenommen. Welche Gründe sind ausschlaggebend für diese Zunahme unsicherer Arbeitsverhältnisse?

J.R.:
Die Gründe dafür sind vielfältig. Unternehmerseitig wird und wurde in den vergangenen Jahren viel Geld im Medienbereich vernichtet, z.B. im Gratiszeitungsbereich. Als Gratiszeitungen in Österreich noch ein junges Medium waren, ging es den wenigen großen Medienkonzernen vielfach darum, möglichst viel Fläche mit den eigenen Produkten zu besetzen, um Konkurrenten (aus anderen Bundesländern) draußen zu halten. Nicht jeder dieser marktpolitischen Schachzüge ist gut ausgegangen. Der Geldbedarf für die „Kriegskassen“ der Konzerne hat sich unserer Beobachtung nach nachteilig auf Gehälter bzw. Honorare ausgewirkt. Für viel journalistische Leistung wurde wenig bezahlt, sowohl was die arbeits- und sozialrechtliche Sicherheit betrifft als auch monetär. Arbeitnehmerseitig drängen viele in Fachhochschulen, Lehrgängen u.Ä. ausgebildete Menschen in den journalistischen Arbeitsmarkt. Der Konkurrenzdruck unter den Arbeitnehmer_ innen steigt, gleichzeitig wird die Abhängigkeit von den einzelnen Medienunternehmen größer und der Preis für journalistische Leistung verhandelbarer. Relativ neu ist das Phänomen, dass journalistische Jobs in Form von Preisausschreiben von Firmen verlost werden. Kampagnen wie „Wir bringen dich ins Radio“ – und du arbeitest dann eine zeitlang gratis für den Sender – begünstigen den Preisdruck zusätzlich.


Bildpunkt: Un(ter)bezahlte Praktika galten früher als klassischer Einstieg in den journalistischen Beruf – heute gehören Mini-Honorare und Selbstausbeutung quasi zum Standard. Warum wollen trotzdem so viele journalistisch arbeiten?

J.R.: Viele Studiengänge sehen Pflichtpraktika vor, die zumeist unbezahlt verrichtet werden. Student_innen werden dadurch zu einer doppelten Abhängigkeit genötigt: einerseits den Vorgaben ihres Studienplans gegenüber, andererseits gegenüber dem Wohlwollen der Medienunternehmen. In einigen journalistischen Kollektivverträgen ist zwar eine Entlohnung dieser Praktika vorsehen. Um aber die finanziell prekäre Situation branchenweit ein Stück weit abzumildern, vergeben Vereine und journalistische Ausbildungsinstitutionen Praktikumsstipendien. Was die Motive für journalistisches Arbeiten betrifft, hat eine Studie der Universität Salzburg u.a. die Berufszufriedenheit von Journalist_ innen untersucht (Hummel/Kirchhoff 2011: Medienkarrieren im Umbruch). Viele der befragten Journalist_innen wünschen sich trotz hoher Zufriedenheit eine bessere Bezahlung. Ihre berufliche Motivation gründet auf den Möglichkeiten zur selbstständigen Gestaltung der Themenwahl und der Einteilung der Arbeitszeit, ihrer Unabhängigkeit, ihrem gesellschaftlichen Ansehen, den vielfältigen Kontakten zu Politik, Kultur und Wirtschaft und dem Gefühl, Dinge verändern zu können. Journalistisches Arbeiten hat viele schöne Seiten. Ich hoffe, dass man das auch bald wieder über die Bedingungen sagen kann, unter denen es entsteht.


Bildpunkt:
Aktionen wie die Proteste der Freien Mitarbeiter_innen beim ORF (vgl. Bildpunkt Frühling 2012) oder der offene Brief des Online-Magazins Paroli haben die Aufmerksamkeit zum einen auf die prekarisierten Beschäftigungsverhältnisse im hiesigen Journalismus gelenkt, zum anderen aber auch die Frage aufgeworfen, welchen Wert journalistische Arbeit überhaupt besitzt …

J.R.: Interessant ist, wer die Frage nach dem Wert journalistischer Arbeit aufgeworfen hat. Durch diverse Firmenkonstruktionen wurden etwa Online-Journalist_innen jahrelang als Copy-and-Paste-Content-Manager_innen diskreditiert, in nicht-journalistische Kollektivverträge „geparkt“ und gleichzeitig mit den hohen Anforderungen journalistischer Qualitätsstandards konfrontiert. Freien Journalist_ innen werden jahrelang Anstellungen versprochen, die niemals erfolgen. Printjournalist_ innen werden parallel dazu mit Ausund Umgliederungen und dem Verlust von Arbeitsrechten bedroht – eine Tendenz, der Betriebsrät_innen und Gewerkschaft mit Streikbeschlüssen und Klagen entschieden entgegengetreten sind. Dies alles dem Wandel der technischen Produktionsmittel zuzuschreiben, halte ich für unzulässig. Die Frage nach dem Wert sollte vor dem Hintergrund beantwortet werden, dass Journalismus und die Qualität journalistischen Arbeitens stets ein Ausdruck von und Garant für demokratische(n) Grundwerte(n) eines Landes sind.


Bildpunkt:
Journalistisch zu arbeiten gilt als atypischer Beruf – wie könnten hier dennoch existenzsichernde Arbeitsverhältnisse aussehen?

J.R.:
Atypisch sollte nicht zum Synonym für „prekär beschäftigt“ werden. Aber kreative Berufe funktionieren etwas anders als traditionelle Erwerbsarbeit. Wichtig ist, dass Arbeitseinsatz, Wertschätzung und Entlohnung im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Zynisch und sexistisch wird es, wenn Unternehmer Billigsthonorare z.B. für Videojournalist_ innen damit rechtfertigen, dass sich diese ja glücklich fühlen, bei dem was sie tun, und die Kamera ihre Attraktivität beim anderen Geschlecht erhöht. Zwei Glücksmomente, ein Augenzwinkern und ein Lächeln pro Stunde als Zugabe zum Honorar? Die Anzahl der Glücksgefühle als Ersatz für ein existenzsicherndes Einkommen? Dass ein Beruf Freude macht und Kraft gibt, steht nicht im Widerspruch zu guten Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil.


Bildpunkt:
Gerade bei den „Freien“ stellt sich gewerkschaftliche Organisierung als schwierig dar – und nicht alle streben ein Angestelltenverhältnis an. Oft werden zudem die prekär beschäftigten freien Journalist_ innen den privilegierten angestellten gegenübergestellt. Welche Strategien und Angebote gibt es seitens der Gewerkschaft, Selbstorganisierungsprozesse zu unterstützen?

J.R.:
Eine Gewerkschaft kann die Anstellung von „Freien“ nicht als ihr einziges Ziel in dieser Frage definieren. Freie haben unglücklicherweise oft auch mit Dingen wie verspäteten Honorarzahlungen, Verletzungen von Urheber- und Verwertungsrechten, Fragen zur Sozialversicherung oder zum Steuerrecht zu kämpfen. Hier unterstützt die Gewerkschaft ihre Mitglieder in Form aktiver Interventionen und Beratungstätigkeiten. Das Auseinanderdividieren von Belegschaftsgruppen wiederum hat Tradition und wirkt sich immer nachteilig auf arbeitende Menschen aus. Es sind weder die Freien Mitarbeiter_innen, die die Angestellten in ihren Rechten bedrohen, noch sind die Angestellten dafür verantwortlich, dass Honorare zu gering ausfallen oder Menschen ihre Arbeitsleistung fälschlicherweise in einem freien Arbeitsverhältnis verrichten. „Verantwortung ist immer konkret“, schrieb der Philosoph Karl Jaspers, „sie hat einen Namen, eine Adresse und eine Hausnummer.“
Im Fall der Medienunternehmen sind die Verantwortlichen leicht benennbar. Wichtig ist, dass die unterschiedlichen Arbeitnehmer_innengruppen miteinander sprechen, Differenzen sichtbar machen und den gemeinsamen Nenner suchen. Das ist nicht immer leicht. Aber es hat sich gezeigt: Gemeinsamer inner- und überbetrieblicher Widerstand lohnt sich.


Bildpunkt:
Auffällig ist aber, dass nur selten Verbindungen zu anderen „WissensarbeiterInnen“, wie z.B. freien Wissenschaftler_ innen, oder zu anderen Kreativberufen hergestellt werden.

J.R.:
Was die Vernetzung mit anderen Wissensarbeiter_ innen und Kreativen betrifft, hat die GPA-djp sehr früh damit begonnen, Menschen in so genannten atypischen Beschäftigungsformen branchenübergreifend zusammen-zubringen und hat daher viel Erfahrung damit.
Die Interessengemeinschaft work@flex z.B. bietet ein Netzwerk für Menschen mit Werkvertrag, Freiem Dienstvertrag und für „Neue Selbständige“, unabhängig davon, in welcher Branche sie arbeiten. Dieses Netzwerk wirkt auch aktiv in laufende Kollektivvertragsprozesse hinein (z.B. Architekt_ innen) und initiiert branchenübergreifende Kampagnen, wie etwa die Forderung nach Einbeziehung Freier Dienstnehmer_ innen in das Mutterschutzgesetz. Gewerkschaften sollten jedenfalls nicht den Angestellten oder Arbeiter_innen alleine überlassen werden.
Und sie bieten neben Rechtsbeistand und Informationen auch Räume und Infrastruktur. Bitte nutzen! Es gibt noch viel zu tun.


Judith Reitstätter ist als JournalistInnen- Gewerkschafterin bei der GPA-djp aktiv. judith.reitstaetter(at)gpa-djp.at

Vina Yun ist koordinierende Redakteurin bei der feministschen Monatszeitschrift an.schläge und in linken Medienprojekten aktiv.