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Die Kunst.Spinne

Ein burgenländisches Netzwerk von Künstlerinnen und kulturschaffenden Frauen wurde gegründet

Mirjam Mikacs

Am Anfang stand eine Frage: „Braucht das Burgenland mehr Frauen im Kunst- und Kulturbetrieb?“ Am Beispiel des Kultur-Aktionszentrums Cselley Mühle in Oslip/Uzlop schrieb ich als angehende Jazzkomponistin darüber meine Bachelor-Arbeit. Leider gibt es in der Geschichte der Cselley Mühle kaum Frauen auf der Musik-Bühne. Und das Programm wurde von jeher von Männern gestaltet. Wie daran etwas ändern? Als Vorbild schwebte mir bald Fiftitu%, das Netzwerk für Künstlerinnen und kulturschaffende Frauen in Oberösterreich vor Augen. Im Zuge von Interviews mit zahlreichen Personen aus Politik und Verwaltung landete ich eines Tages bei Dr. Josef Tiefenbach, dem Leiter der Abteilung 7 für Kultur in der burgenländischen Landesregierung. Er war nicht nur von der Idee eines Vernetzungsprojekts begeistert, sondern zählte auch gleich einige Frauen auf, die ich unbedingt kontaktieren müsse. Und eine Woche später wollte er die Unterlagen auf seinem Tisch haben – für die Subvention!

Die Notwendigkeit eines Netzwerks

Bei ersten Treffen mit den genannten Frauen beschlossen wir, zunächst eine Klausur abzuhalten. Am 14. April kamen Künstlerinnen mit Vertreter_innen von Kulturbetrieben und der Verwaltung in der Cselley Mühle zusammen und erörterten einen Tag lang die Frage: „Wie erreichen wir mehr Öffentlichkeit für burgenländische Künstlerinnen?“ Das ursprüngliche Ziel der Klausur war es gewesen, den burgenländischen Künstlerinnen durch Vernetzung der drei Häuser Cselley Mühle, OHO – Offenes Haus Oberwart und KUGA – Kulturna zadruga in Großwarasdorf / Veliki Borištof mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Es kristallisierte sich aber bald heraus, dass die Künstlerinnen weniger Interesse daran hatten, an Häuser gebunden zu sein, als sich in einem Netzwerk flexibel selbst zu organisieren. Daher widmeten wir uns der Frage, warum Frauenförderung resp. ein Frauennetzwerk überhaupt notwendig sind. Die Ergebnisse: Frauen sind nicht so einfordernd wie Männer und müssen oft mehr tun, um überhaupt wahrgenommen zu werden; Frauen werden von Förderstellen aber auch anders wahrgenommen und bewertet; Frauen werden bei gleichem Verhalten anders beschrieben (Männer sind „durchsetzungsfreudig“, Frauen „hysterisch“); an den entscheidenden Stellen in der Verwaltung und den Kulturbetrieben sitzen mehrheitlich Männer. Und für die Netzwerkbildung wichtig wurde festgehalten: Es existiert ein Generationenkonflikt zwischen Frauen, der sich z.B. bei der Frage auswirkt, was Emanzipation für die jeweiligen Frauen bedeutet.

Was soll sich ändern?

Nun stellte sich die Frage, wie diese Verhältnisse geändert werden können. Diese Diskussion mündete in mehrere Forderungen an die Politik: 50-Prozent-Quote in allen Kunstbereichen bei der Programmgestaltung, der Kulturpolitik und bei Projektvergaben; Förderungen für zeitgenössische Kunst anheben; Transparenz-Datenbank einrichten, in der Preise am Kunstmarkt, wie sie für Werke von Männern und Frauen festgelegt werden, sichtbar werden. Die Teilnehmer_innen der Klausur definierten nun Ziele, wobei das am häufigsten genannte Ziel lautete: Schaffung eines burgenländischen Frauennetzwerks für Kunst und Kultur. Nach Meinung der Diskutant_innen würde ein solches Netzwerk vieles erleichtern und ermöglichen. Vor allem ein gemeinsames Auftreten würde die einzelnen kunst- und kulturschaffenden Frauen stärken, würde die Wahrnehmung und Sichtbarkeit kunst- und kulturschaffender Frauen erhöhen, und das Netzwerk könnte sein gesellschaftspolitisches Gewicht besser geltend machen und die zuerst genannten Forderungen an die Politik leichter adressieren bzw. durchsetzen.

Was soll das Netzwerk leisten?

Nicht nur im Sinne eines Empowerment gegenüber Politik und Kultureinrichtungen wird ein Frauennetzwerk viele Vorteile bringen und neue Handlungsspielräume eröffnen, waren die Teilnehmer_innen überzeugt. Sie nannten eine ganze Bandbreite an möglichen Funktionen eines solchen Netzwerks: gemeinsame Einreichungen bei Förderstellen; Kooperationen von Künstlerinnen; Sparten untereinander verbinden; spartenübergreifende Großprojekte; grenzüberschreitende Projekte; Innovationen setzen; Infrastruktur für den Austausch, wie etwa ein Schwarzes Brett, aufbauen; eine spezifische Bibliothek einrichten; innerhalb des Netzwerks soll es Konfliktbereitschaft ohne Eitelkeiten geben. Als nächsten Schritt planten wir eine Folgeveranstaltung, bei der das burgenländische Netzwerk für Künstlerinnen und kulturschaffende Frauen gegründet werden sollte. Es wurde ein Einladungsbrief aufgesetzt, in dem es u.a. heißt: „Wir leben in einer Gesellschaft, die unterscheidet zwischen einer Männerkunstwelt und einer Frauenkunstwelt. Die künstlerisch qualitativ gleichwertige Arbeit von Männern und Frauen muss gleich hoch dotiert und in gleicher Weise öffentlich wahrnehmbar sein. Es liegt an uns, die Kunstwelt aktiv in unserem Sinne zu gestalten: Durch die Forderung von Quoten, durch gemeinsame Innovationen, gemeinsame Einreichungen bei Förderstellen usw. Die Themen und Aspekte, die Frauen in die Kunst einbringen, fehlen in der momentanen öffentlichen Diskussion. Wir wollen diesen Trend umkehren!“

Erstes Vernetzungstreffen

Am 1. Juli 2012 fand das erste Vernetzungstreffen von Künstlerinnen und kulturschaffenden Frauen schließlich in der Cselley Mühle statt. Etwa 25 Frauen aus allen Teilen des Burgenlands waren der Einladung gefolgt, und mittlerweile sind über 30 Adressen in unserem Verteiler. Die unmittelbar nächsten Schritte des nunmehr gegründeten Netzwerks wurden festgelegt: Wir wollen die Kunst-Szene beleben und z.B. gemeinsame Themen-Ausstellungen organisieren. Um das Netzwerk sichtbar und erreichbar zu machen, soll eine Homepage erstellt und ein Logo entworfen werden.

Aktion Kunst.Spinne

Eine der anwesenden Künstlerinnen, Sabine Kritsch, stellte eine konkrete Kunstaktion im öffentlichen Raum vor: Ein (Mega-)Spinnennetz aus Seilen, das z.B. auf dem Platz vor dem Schloss Esterhazy in Eisenstadt gespannt ist und Ausläufer in alle Richtungen hat, also Richtung Landesgalerie und Landesmuseum, in den Schlosshof und in die Fußgängerzone hinein. Anknüpfen könnten wir das Netz an bestehende Gebäude, also z.B. an die „Wächterhäusln“ vor dem Schloss, an den Zaun zur Esterhazy-Straße, an den Brunnen Richtung Fußgängerzone, an Laternen etc. Die Seile sollten möglichst in Augenhöhe gespannt sein und Kunstwerke präsentieren, die sich daran aufhängen lassen, z.B. Bilder (müssen ja keine Originale sein), Fotos, literarische Texte, Notenblätter, Textiles, (leichtgewichtige) Objekte, Filmstreifen etc. – je mehr, umso besser. Das Spinnennetz würde auch ohne Betreuung funktionieren und könnte daher länger als einen Tag gespannt bleiben. Um Aktionismus hineinzubringen: „Kunst.Spinnerinnen“ könnten live vor Ort an diversen Punkten des Netzes agieren, also malen, fotografieren, filmen, töpfern, singen, tanzen, musizieren, schreiben, lesen etc. – entweder in konzertierten Aktionen, z.B. mit einem Dominoeffekt oder „wild“ durcheinander oder sich zu einem (Parolen rufenden) Chor vereinend. Um Interaktion hineinzubringen: Die „Kunst.Spinnerinnen“ könnten Passant_innen (vielleicht sogar Autofahrer_innen) zum Mittun anregen, also selbst zu malen, zu singen …

Kick Off!

Derzeit arbeiten wir an der Erstellung einer Homepage – Eveline Rabold wird das Webdesign und auch ein Logo entwerfen. Für den öffentlichen „Kick Off“ des burgenländischen Netzwerks von Künstlerinnen und kulturschaffenden Frauen wird am 16. November 2012 in der Cselley Mühle ein Jazzkonzert mit anschließendem Kunst-Basar stattfinden. Wir verkaufen unsere Exponate, um uns ein Grundbudget für 2013 zu schaffen.


Mirjam Mikacs ist Jazzkomponistin.