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Widerstand gegen Gratis-Arbeit

Kunst- und Kulturproduzent_innen in Tschechien fordern ein Ende der Ausbeutung.

Am 26. August 2012 veröffentlichten sieben Künstler_innen und Kurator_innen aus dem Bereich der bildenden Kunst einen Aufruf gegen den impliziten und expliziten Zwang zur Gratisarbeit von Kunst- und Kulturproduzent_ innen in zahlreichen tschechischen Kunst- und Kulturinstitutionen. Inzwischen wurde der „Call Against Zero Wage – Výzva proti nulové mzdě“ bereits von über 100 Betroffenen und Sympathisant_innen unterzeichnet.

Der Bildpunkt druckt den Aufruf hier nach und bringt dazu einen solidarischen Kommentar von Ivan Jurica, stellvertretender Vorsitzender der IG Bildende Kunst und Kenner der Kunstszene in Tschechien.

Call Against Zero Wage – Výzva proti nulové mzdě

An die Verantwortlichen jener Kulturinstitutionen, die vom tschechischen Staat, einer Region oder einer Stadt betrieben werden, sowie an jene Zentren für zeitgenössische Kunst, die über öffentliche Gelder finanziert werden: Wir beziehen uns auf den fehlenden Willen eines Teils der Kunstinstitutionen, an Künstler_ innen und andere Kulturproduzent_innen (z.B. freischaffende Kurator_innen) Honorare zu bezahlen. In unserem Aufruf wollen wir auf die Konsequenzen eines solchen Verhaltens hinweisen und Sie, die Verantwortlichen dieser Institutionen, auffordern, Ihre Einstellung denjenigen gegenüber zu ändern, ohne die Sie keine kulturellen Programme realisieren könnten – wofür Ihre Institutionen aber ursprünglich ja geschaffen wurden.

Wenn Sie Künstler_innen und Kurator_innen keine Honorare bezahlen (ganz abgesehen von der Tatsache, dass Sie in einigen Fällen für Produktionen oder Programme nicht einmal einen eigenen Beitrag leisten), ist das ein Zeichen für den fehlenden Respekt gegenüber den Kulturproduzent_innen und den vielen Stunden, Tagen oder Monaten an Arbeit, die in einer Kunstausstellung oder anderen Formen von Kulturprogrammen steckt. Sie weigern sich folglich, Verantwortung für die Lebensumstände von Kulturproduzent_ innen zu übernehmen, deren Arbeit die Existenz Ihrer Institutionen legitimiert. Das überlassen Sie anderen – den Kulturproduzent_ innen selbst, der Künstler_innen- Community, den Familien oder dem kommerziellen Feld. Andererseits bezahlen Sie sehr wohl Ihre Angestellten wie auch alle anderen, die an Projekten und Ausstellungen beteiligt sind (Grafikdesigner_innen, Aufsichtspersonal und viele andere Serviceleistungen). Warum sind die Künstler_innen (und teilweise auch die Kurator_innen) die einzigen in dieser langen Kette an Beitragenden, die keinerlei Honorierung erhalten? Ohne sie wären Sie nicht in der Lage, Ihre Rolle als bspw. Galerie, die durch öffentliche Gelder finanziert wird, überhaupt auszuüben, die Ausstellungsräume würden leer bleiben. Die Aktivitäten Ihrer Institutionen hängen direkt von der Existenz einer gedeihenden künstlerischen Szene ab, daher sollten die Lebensbedingungen der Künstler_innen Teil Ihrer Überlegungen und Planungen sein.

Vielleicht denken Sie, dass Sie durch das Ausstellen von Kunstwerken einen Beitrag zur Sichtbarkeit des/der Künstler_in leisten und damit den Marktwert seiner/ihrer Werke steigern und dass das als Vergütung reicht. Wenn das der Fall ist, dann möchten wir darauf aufmerksam machen, dass Kunsthäuser und Museen von Anfang an Teil des öffentlichen Raums waren. Sie streben daher nach gesellschaftlicher Relevanz, die sich nicht darin erschöpfen kann, dass nach dem Verkauf eines Kunstwerkes die Steuern dafür bezahlt werden. Wie andere öffentliche Bereiche benötigt auch die Kunst institutionelle Strukturen für das Schaffen, die Präsentation und die kritische Rezeption. Es sollte in Kunsthäusern, die von öffentlichen Geldern finanziert werden, selbstverständlich sein, dass die Aktivitäten aller, die in das Schaffen, Präsentieren und Rezipieren involviert sind, eingeplant und mit dem vorhandenen Budget verrechnet werden.

Kunsthäuser sind keine Werbeflächen, die Künstler_innen mit dem Geld der Steuerzahler_ innen mit kommerziellen „Ratings“ versorgen sollen. Und die Künstler_innen und Kulturproduzent_innen sind keine Geschäftsleute, die in eine unsichere Zukunft investieren. Ihre Arbeit ist der Grund, warum interessierte Menschen Ihre Institutionen besuchen, unabhängig davon, was damit in der Zukunft passiert. Aus der Tatsache, dass es eine praktisch unendliche Reihe von Künstler_innen gibt, die bereit sind, an die Versprechungen von symbolischen oder finanziellen Gewinnen zu glauben, ziehen Sie Ihren Vorteil.

Außerdem muss berücksichtigt werden, dass Kunst sich in den vergangenen Jahren verändert hat – wie auch die Kunstinstitutionen. Die Künstler_innen schaffen ihre Werke nicht mehr in der Abgeschiedenheit ihrer Studios. Heute sind es die Institutionen und vielfach damit beauftragte Kurator_innen, die die künstlerische Praxis anregen und in Gang setzen. Zahlreiche Werke existieren ausschließlich in Raum und Zeit einer Ausstellung, in der Kommunikation mit dem Publikum, und sind daher kaum oder gar nicht verkaufbar.

Die tschechischen Institutionen müssen diese Tendenzen und Veränderungen endlich akzeptieren und aufhören, sich passiv-aggressiv und ohne Interesse und Verständnis dafür zu verhalten. Künstler_innen und Kurator_innen sollten gleichberechtigte Partner_innen sein, und die finanziellen und sonstigen Bedingungen von Projekten sollten transparent sein und im Voraus festgelegt werden.

Sie könnten einwenden, dass in Zeiten von staatlichen Sparmaßnahmen die Budgets limitiert sind. Allerdings haben Sie davor nicht viel anders gehandelt. Und gerade in ökonomischen Krisenzeiten sollte klar werden, dass die Kunstinstitutionen ihre Prioritäten überdenken müssen und aufhören, den Enthusiasmus von Künstler_innen und Kurator_innen und die Strukturen, die diese geschaffen haben, auszubeuten. Es ist an der Zeit, Kunst wirklich zu unterstützen und ihr nicht nur zeitlich begrenzten Ausstellungsraum zu bieten.

Wer den Aufruf unterstützen will, schreibt unter Angabe von Name und Beruf an: vyzvaprotinulovemzde(at)gmail.com


Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Köchl


Kommentar

Ivan Jurica

Es ist sehr erfreulich, beobachten zu können, dass sich zum Thema einer fairen Bezahlung für Kunst- und Kulturproduzent_innen auch innerhalb der turbokapitalistischen post-sozialistischen Kulturen langsam etwas bewegt – genauer gesagt, dass (Selbst-)Ausbeutung und ihre Selbstverständig-
keit zum Thema einer künstlerischen Produktion wird. Trotz der kollektiven Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen System und dem Versuch, sich von den „alten“ kapitalistischen Ländern im Sinne der eigenen Kulturen und (historischen) Differenzen zu distanzieren, gilt dieses System als das einzig richtige/mögliche Modell der heutigen sozialpolitischen „Ordnung“. Auch aus diesem Grund werden Initiativen, die sich kritischdiskursiv von der kapitalistischen Ideologie abzugrenzen versuchen, sofort entweder als ein Parasitieren am Staat und Kollektiv oder als kommunistische Nostalgie abgewertet.

Solche Reaktionen sind, wie erwähnt, historisch bedingt, gleichzeitig darf man aber eine Sache nicht übersehen: Die Ausarbeitung von Forderungen nach einer gerechten Bezahlung betrifft hier im selben Schritt die kapitalistische Ideologie als solche, nicht nur Kunst und Kultur. Es geht eigentlich um eine gesellschaftliche „Ordnung“, die alle betrifft. Wenn sich Initiativen wie diese (traditionell) nur auf das gute Leben der Kunst- und Kulturschaffenden begrenzen (begleitet vom Streit um die zeitgenössischen Objekte, die die Mehrheitsgesellschaft nicht als „Kunst“ kategorisieren will), werden sie im Endeffekt zum anderen Mittel der Reproduktion der bürgerlich-elitären Verhältnisse und Hierarchien transformiert, die sie eigentlich auseinanderzunehmen versuchen. Ähnliche Initiativen um die berechtigte Bezahlung der künstlerischen Arbeit, die die komplexeren politisch-gesellschaftlichen Fragen der Kunst und Kultur ausgeschlossen haben, sind, z.B. in Österreich, kläglich gescheitert.