IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Dass etwas geschehen kann …
Postrepräsentatives Kuratieren

Nora Sternfeld

 

„Treffpunkt ist morgen um 14 Uhr am Karmeliterplatz“. Der Künstler Eduard Freudmann kündigt am 3. Mai 2011 im Wiener Open Space eine Aktion an, die am Tag nach der Eröffnung der von mir dort kuratierten Ausstellung Widersprüche. Critical Agency and the Difference within stattfinden sollte. Die Ausstellung, zu deren Eröffnung dies angekündigt wurde, verstand sich selbst als Raum der Stellungnahme: Sie basierte auf einem Gespräch zwischen Bini Adamczak, Künstlerin, queere Kommunismusforscherin und Theoretikerin und Eduard Freudmann. Bei der Eröffnung ging es also in erster Linie darum zu diskutieren. Verstehen wir Kuratieren als die Herstellung von Öffentlichkeit, dann ging es hier bewusst um einen diskursiven Möglichkeitsraum mit offenem Ausgang und weniger um eine repräsentative Vernetzungsöffentlichkeit, wie dies sonst bei Vernissagen so oft und gerne der Fall ist. So sollte also ein Gespräch geführt werden, in dessen Folge vielleicht etwas geschehen würde …

Widersprüche kuratieren

Ausgangspunkt war die These, dass künstlerische und aktivistische Strategien heute sehr oft Reflexivität und Handlungsmacht verbinden – also sowohl Position beziehen als auch diese zugleich selbstkritisch in den Blick nehmen. Die titelgebenden „Widersprüche!“ waren hier im doppelten Sinn gemeint: als Formen des Widerspruchs gegen die bestehenden Verhältnisse und als reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen kritischen Position innerhalb von Diskursen und Institutionen sowie innerhalb der Gesellschaft. Anhand von Arbeiten der beiden KünstlerInnenkollektive Raqs Media Collective und etcetera[1] sowie eines Statement des politischen Theoretikers Oliver Marchart stellte ich mir, den KünstlerInnen und dem Publikum einige Fragen. Eine davon war, inwieweit eine solche Perspektive der kritischen Handlungsmacht sich der allzu einfachen Dichotomie von „gut” und „böse” widersetzt, ohne dabei die Möglichkeit etwas tun zu können, aus den Augen zu verlieren. Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang war, was es bedeuten könne, „innere Differenzen” nicht zu vermeiden oder herunter zu spielen, sondern vielmehr bewusst eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Ausschlüssen und toten Winkeln voran zu treiben und dies nicht als Schwäche, sondern als Potential der eigenen Position zu verstehen. Die beiden KünstlerInnen und GesprächspartnerInnen reagierten mit ihren Beiträgen jeweils auf diese Ausgangsfragen:

Bini Adamczak präsentierte und kommentierte in einem Diavortrag eine Reihe von Zeichnungen, die sie für das Gespräch und die Ausstellung erstellt hatte. Sie bezog sich auf „althusser’s veranschaulichung der anrufung: he sie da – ja.“ Bini Adamczaks Zeichnungen versuchen, wie sie selbst schreibt „der polizei zu antworten (ob staats- oder geschlechterpolizei) – ohne deren anrufung anzunehmen.“ Das Ziel bestand dabei darin „eine große portion politische wut gegen die gegenwärtigen modi der subjektivierung [zu] mobilisieren (z.b. indem sie sich darüber lustig macht).“ Der Vortrag mündete „in einen nur scheinbar paradoxen – slogan: sei nicht gemeint!“ Eduard Freudmann nahm dann das Gespräch zum Anlass, um zu erzählen, dass er seinen Plan aus einem konkreten Grund geändert hatte: Während er den Vortrag vorbereitete, so schilderte er, hatte er einen Amtsweg im Magistratischen Bezirksamt des zweiten Bezirks (das sich in unmittelbarer Nähe zum Open Space befindet) um seinen Pass zu erneuern. Im Eingangsbereich des Bezirksamts bemerkte er am Gang eine geschichtsrevisionistische historische Informationstafel, die die antisemitischen Verbrechen in den 1670er Jahren sowie zwischen 1938 und 1945 verschwieg und verleugnete. Die Tatsache, dass eine solche Tafel ohne weiteres in einem Amtsgebäude hängen konnte, führte Eduard Freudmann dazu, seinen Plan zu ändern und eine Präsentation vorzubereiten, die nunmehr den Titel trug: „Worüber ich heute sprechen wollte und was ich morgen tun werde.“ Und er lädt das Publikum ein, an seiner Intervention im Bezirksamt Leopoldstadt teilzunehmen. Und so trafen wir uns am nächsten Tag am Karmeliterplatz.

Wir folgten dem Künstler in das Bezirksamt, wo er die Tafel von der Wand nahm und sie durch die Kopie eines Kunstwerks des israelischen Künstlers Menachem Lemberger mit dem Titel „Jewish Bravery“ ersetzte. Danach brachte er die Tafel in den Ausstellungsraum im Open Space und schrieb daneben an die Wand: „Bis zum 4. Mai 2011 wurden am L-Städter Bezirksamt die Verbrechen der Nazis verleugnet und antisemitischer Geschichtsrevisionismus betrieben.“ Allerdings blieb die Tafel nicht lange im Ausstellungsraum: Jemand im Bezirksamt hatte die Polizei gerufen. Mehrere PolizistInnen entfernten die Tafel aus der Ausstellung und brachten sie wieder ins Bezirksamt zurück. Eduard Freudmann wurde verhört und angezeigt. Nach einem offenen Brief an das Bezirksamt und einem Artikel in der Tageszeitung Der Standard wurde die Tafel abgenommen und das gerichtliche Verfahren zurückgezogen.

Ich erzähle dies alles nicht, weil ich den alten anti-repräsentativen Widerspruch zwischen reflexiver Präsentation und direkter Aktion zugunsten der politischen Intervention auflösen möchte. Im Gegenteil: Das Projekt im Open Space war nicht antirepräsentativ. Es ging ja um Widersprüche! – Um eine reflexive Auseinandersetzung mit der Widersprüchlichkeit des Handelns. Dennoch war die Ausgangsfrage im Hinblick auf die Möglichkeit zu handeln angelegt – und zwar eben als Affirmation des Widerspruchs und nicht als Stillstellung. Und tatsächlich ist das, was diese Ausstellung interessant machte, viel mehr das, was geschehen ist, als das was gezeigt wurde.

Kritik am Repräsentationsregime

Um dies zu verdeutlichen, lohnt sich eine Auseinandersetzung mit der Kritik am Imperativ der Repräsentation. Denn seit den 1960er Jahren wurde der Frage nach der Repräsentation mit einer zunehmenden Skepsis begegnet: Im künstlerischen Feld (in der Institutionskritik), in der Wissenschaft (in der Neuen Museologie ebenso wie in den Cultural Studies, der postkolonialen sowie der poststrukturalistischen Theorie) und im Aktivismus (in den neuen postidentitären sozialen Bewegungen) geriet Repräsentation sowohl als Darstellung als auch als Stellvertretung in Frage. Und Repräsentationskritik wurde zu einem wesentlichen Motor konzeptueller künstlerischer Praxen, kuratorischer Ansätze und politischer Reklamationen. Denken wir etwa an die zahlreichen künstlerischen Strategien der Prozessualisierung und Dematerialisierung, die sich klassischen Vorstellungen von Repräsentation widersetzten. So hatte etwa die Konzeptkünstlerin Graciela Carnevale, Teil des argentinischen aktivistischen KünstlerInnenkollektivs tucuman arde, im Oktober 1968 die BesucherInnen einer Vernissage ohne jede Erklärung in der Galerie eingesperrt – so lange bis diese von selbst aus dem Galerieraum ausbrachen, um auf die Straße zu kommen. Die documenta 12 zeigte die mittlerweile längst kanonisierte Dokumentation der Aktion, deren Ziel eine Politisierung des Publikums war. Von dieser blieb bei der Präsentation auf der d12 durch deren Überbetonung formaler Aspekte allerdings nicht mehr viel übrig.

Allzu einfach wäre es nun – angesichts einer solchen Integration in die Repräsentationspraxis – von einer Vereinnahmung der Institution zu sprechen. Doch gerade vor dem Hintergrund einer mittlerweile selbstverständlichen Institutionalisierung von Aktionen wie dieser wurde in den letzten Jahren zunehmend die einfache Dichotomie zwischen einem scheinbar repräsentativen bösen institutionellen „Innen“ und einem guten anti-repräsentativem „Außen“ in Frage gestellt. Darüber hinaus thematisierten zahlreiche AutorInnen, dass sich auch die Repräsentationskritik der Logik der Repräsentation oft nicht entziehen kann. So machte etwa Hito Steyerl deutlich, dass auch institutionskritische Ansätze, die sich gegen hegemoniale Ausschlüsse in der Darstellung richten, Identifikationen und Ethnifizierungen vorantreiben können. Sie spricht von dem „Bedürfnis […] planlos unterprivilegierte oder auch nur in irgendeiner Weise ungewöhnliche Personengruppen in Museen hineinzuzerren, ob sie nun wollen oder nicht – bloß um ihrer ‚Repräsentation“ willen.“[2]

Bei all dieser Skepsis und Skepsis an der Skepsis traten „instituierende Praxen“ in den Blick: Mit diesem Begriff bezeichnet Gerald Raunig „Praxen, die radikale Gesellschaftskritik üben und die sich dennoch nicht in der imaginierten absoluten Distanz zu den Insti- tutionen gefallen; zugleich Praxen, die selbstkritisch sind und sich dennoch nicht krampfhaft klammern an ihre Verstricktheit, ihre Komplizität, ihr Gefangenendasein im Kunstfeld, ihre Fixierung auf die Institutionen und die Institution, ihr eigenes Institution-Sein.“[3] Und so stellten sich zunehmend jene Fragen, die die Ausstellung im Open Space zum Ausgangspunkt nahm: Was kann eine Ausstellung über Repräsentation hinaus leisten? Wie können Widersprüche zugleich offen gelegt und offen gelassen werden? Wie kann eine Reflexivität vorangetrieben werden, die auf Handlungsmacht zielt und nicht auf bloße Darstellung? So entwickelte sich eine kuratorische und künstlerische Praxis nach dem Repräsentationsregime[4], für die es nicht mehr um wertvolle Objekte und objektive Werte geht, genau so wenig wie um identitäre Reklamationen. Ausgangspunkt hierfür ist eine Verbindung von Kritik und Handlungsmacht: ein Zusammendenken der Fragen „Wer spricht?“ und „Warum so?“ mit der Frage: „Was tun?“. Es geht also um Handlungsräume des „Kuratorischen“ (Beatrice von Bismarck), in denen unerwartete Begegnungen (Irit Rogoff) und diskursive Auseinandersetzungen stattfinden können. Und zwar so, dass nicht bloß Sichtbarkeit hergestellt wird, sondern Handeln möglich wird, so dass das Sichtbare, Sagbare und Denkbare selbst verschoben werden können. Mit anderen Worten geht es nicht mehr darum, dass etwas gezeigt oder dargestellt werden soll, sondern darum, dass etwas geschehen kann. Da dies aber nicht planbar ist, stellt sich die Frage, welche kuratorischen Strategien entwickelt werden können, um einen solchen Möglichkeits- und Handlungsraum herzustellen. Der Kurator Hans Ulrich Obrist schreibt in diesem Zusammenhang: „Robert Musil sagte Kunst findet dann statt, wenn man sie am wenigsten erwartet. Man könnte sagen, dass eine Ausstellung dann stattfindet, wenn man sie am wenigsten erwartet: Vorausgesetzt, dass man von der Idee ausgeht, dass sie stattfindet und dass, wenn man darauf wartet, Dinge geschehen können, die es noch nicht gab.“[5] Mit dem Ausstellungsprojekt im Open Space wollte ich diesen kuratorischen Zugang, der sich wohl stark den relational aesthetics verdankt, zugleich aufgreifen und politisieren: Unter post-repräsentativer Ausstellungspraxis verstehe ich also ein Kuratieren, das soziale Verhältnisse nicht bloß darstellen, sondern vielmehr – parteiisch, dissensual und solidarisch mit bestehenden sozialen Bewegungen – in diese eingreifen will.


Nora Sternfeld ist Kunstvermittlerin, Kuratorin und Redakteurin des Bildpunkt.


[1] Beide wurden übrigens für den Bildpunkt entwickelt: Raqs Media Collective, Kollektivkräfte, 2007 sowie etcetera, Nicht alles tun, 2008.

[2] Hito Steyerl, Die Institution der Kritik, in: transversal webjournal 01/2006,
http://eipcp.net/transversal/0106/steyerl/de

[3] Gerald Raunig, Instituierende Praxen. Fliehen, Instituieren, Transformieren, in: transversal webjournal 01/2006, http://eipcp.net/transversal/0106/raunig/de

[4] Gemeinsam mit den Kuratorinnen Luisa Ziaja und Natasa Petresin sowie dem politischen Theoretiker Oliver Marchart arbeiten wir derzeit unter dem Titel What comes after the Show an Prozessen und Strategien für eine Auseinandersetzung mit Kunst und Politik nach der Repräsentation.

[5] „Robert Musil a dit que l“art a lieu ou on l“attend le moins. On pourrait dire que l“exposition a lieu ou on l“attend le moins: pour peu qu“on sorte de cette idée qu“elle a lieu ou et quand on l“attend, des choses sans précédent peuvent parfois apparaître.“ Elie During, Dominique Gonzalez-Foerster, Donatien Grau, Hans-Ulrich Obrist, Qu“est ce que le curating? Une conversation manifeste, Paris 2011, S. 43.