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Legitimationen herstellen und unterlaufen.
Repräsentation zwischen Kunst und Politik

Cuauhtémoc Medina

Das Wort „Repräsentation“ durchdringt die Felder der Kunst und der Politik als Schnittstelle zwischen der Logik der Legitimität und jener der kulturellen Bedeutung. Diese Doppelfunktion von „repräsentieren“ ist nicht nur ein linguistischer Zufall. Wie auch die Begriffe „delegieren“, „bedeuten“, „aufführen“ und „erscheinen“, deutet die Idee des „Repräsentierens“ letztlich auf die Wichtigkeit jener Systeme für die moderne Kultur hin, die der Macht des/der Repräsentant/In/nen bei Abwesenheit des/der Repräsentierten Geltung verschaffen. Etymologisch scheint „repräsentieren“ sogar die Rückkehr von jemand oder von etwas Abwesendem zu beinhalten, es bedeutet jemanden zur Präsenz (zurück) zu bringen, wieder präsent zu machen, insbesondere im Falle der Präsentation einer Person durch eine andere. Daher bezeichnet das Lateinische „representatio“ gleichermaßen die „Evidenz“, in der die Rede „dem Geist etwas vor Augen führen kann“ (David Summers), wie auch das monetäre Äquivalent eines festgelegten Wertes. Deshalb ist die Repräsentation, auch wenn das im alltäglichen Sprachgebrauch nicht unbedingt deutlich wird, das an eine/n BeobachterIn oder eine Gemeinschaft „Verschickte“ oder „Entsendete“ einer Sache. Die Bilder, Ideen oder Begriffe sind „repräsentativ“, sofern sie „an Stelle“ ihrer ReferentIn treten. […] Deswegen und trotz der langen Forschungstradition, die die Repräsentation mit den künstlerischen Funktionen der Figuration, der „Ähnlichkeit“ oder der „Imitation“ gleichsetzt, sie also mit anderen Worten als Synonym für „Mimesis“ gebrauchte, besteht das Charakteristische des Begriffs gerade darin, die Sichtweise einer Welt mit sich zu bringen, zu der wir niemals direkt, sondern nur mittels Repräsentationen und Repräsentanten Zugang haben. Im Hinblick auf die Beziehungen mit den Bildern oder den Autoritäten, die als „Bevollmächtigte“ der Dinge oder Personen fungieren, erscheint der Begriff der Repräsentation besonders dafür geeignet, die Politik der Bilder in unterschiedlichen Bereichen zu untersuchen:

a) Die Kunst als politisch-repräsentatives System. Es ist weithin offensichtlich, dass es Analogien, Parallelen und Überlappungen in der Geschichte der kulturellen und künstlerischen Institutionen und der Geschichte der politisch-repräsentativen Systeme gibt. Häufig gehen sogar die Ausstellungs- und Distributionsmodelle und die Begriffe der kritischen Debatte innerhalb der modernen Kunst der Entwicklung der politischen Institutionen voraus. Wie Thomas Crow gezeigt hat, haben die Kunstausstellungen in der vorrevolutionären Ära in Frankreich die Thesen des Liberalismus lange vor dem Moment unter Beweis gestellt, als sie im politischen Leben Frankreichs ausgeübt werden konnten – etwa indem die Kunstausstellung „provisorisches Modell auf mikrokosmischer Ebene“ (Crow) für den öffentlichen Raum war, den die Revolution später erst herstellen sollte.[1] […] Im gleichen Tenor können die Experimente, Angriffe und Interventionen, die die KünstlerInnen und Avantgarden gegen das System künstlerischer Repräsentation richteten, als symbolische Kritiken am politischen System schlechthin interpretiert werden. In diesem Sinne sieht Thierry de Duve die Provokation des readymade von Marcel Duchamp nicht nur in der Ablehnung der Integrationsbemühungen des New Yorker Salons der Unabhängigen von 1917, sondern auch als Kritik an den Illusionen der Transparenz, der Gleichheit und der Selbstregulierung des Liberalismus.[2]

b) Kritik der kulturellen Repräsentation. So wie unsere Beziehungen mit „den Anderen“ eine mit ihren Repräsentationen ist, sind die Erforschung (und die Dekonstruktion) kultureller Stereotype ein immer wichtiger werdendes Feld politischer Studien zur Kunst. Die sogenannten Cultural Studies sind von Untersuchungen zu sozialen Repräsentationen und ihren Effekten auf Geschlecht, ethnische Minderheiten und die Subalternen geprägt. Von besonderer Bedeutung ist hier der Beitrag, den die postkoloniale Kritik zur Offenlegung der Komplizenschaft der Repräsentationen des/der nicht-europäischen „Anderen“ mit Ideologie und Praxis des Kolonialismus geleistet hat. Autoren wie Edward Said haben uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, die kritischen Studien zur Konstruktion von Identitäten als Analysen von Machtstrukturen und von Herrschaft in einer Gesellschaft aufzufassen, in der die Herstellung von geografischen, ethnischen und nationalen Stereotypen – wie im „Orientalismus“ in Kunst und Literatur – in Wirklichkeit „politische Doktrinen“ sind, die die Hierarchie zwischen Kolonisator und Kolonisierten etablieren.[3] […] Die postkoloniale Kritik begreift die Kultur als Theater der politischen und ideologischen Konfrontationen, die sie zugleich in einen Raum des Widerstands, des Misstrauens und der Opposition verwandeln. Als Beispiel dafür gilt die Art und Weise, in der die „Anderen“ des Okzidents den kulturellen Herrscher repräsentieren, parodieren oder fetischisieren. Die Überrepräsentation in der „Mimik“ oder der „Nachahmung“, mit denen die/der Kolonisierte „wiederholt“, anstatt die Institutionen, das Verhalten und die Kultur des Kolonisatoren oder Unterdrückers zu „repräsentieren“, ist ein symbolisches Mittel, mit dem die Subalternen die kulturelle und politische Ordnung in Frage stellen.

c) Repräsentation und Hegemonie. Die moderne politische Ordnung beruht auf unterschiedlichen Repräsentationssystemen, vom formaldemokratischen repräsentativen Parlamentarismus bis hin zu leninistischen Konzepten einer „Partei“ als Avantgarde und einzigem Repräsentanten des Proletariats und seines Projektes. In diesem Sinne gibt es keinen politischen Apparat, der die Macht nicht auf den Gebrauch der Repräsentation gründet, angefangen mit der Postulierung von Interessen, Werten und Projekten einer Klasse, Ethnie, Elite oder Gruppe, als wären es die Interessen und Projekte einer Nation oder der Menschheit. Daher ist die Idee der Repräsentation für politische Theoretiker wie Ernesto Laclau „konstitutiv für das hegemoniale Verhältnis“, sofern es immer darin resultiert, dass eine Partikularität in einer Repräsentation des Gemeinwillens „verkörpert“ wird.[4] Es ist offensichtlich die Rolle künstlerischer Repräsentationen, zur ideologischen Generalisierung von Interessen, Projekten und Bildern, die die Hegemonie von Nationen, Parteien und sozialen Entwürfen konstituieren, beizutragen. Gerade weil sie Diskurse über die soziale und kulturelle Repräsentation erzeugt, erfüllt die Kunst eine entscheidende Aufgabe für die Konstruktion wie auch für das Unterlaufen der modernen Systeme der Legitimität.

Es überrascht daher nicht, dass unsere Beziehungen zur Repräsentation sowohl in der Kunst als auch in der Politik ambivalent sind. In Zeiten, in denen wir uns der Politik mehr und mehr als Repräsentationspolitiken nähern, wurde die Theorie immer skeptischer bis ablehnend gegenüber der Idee der „Repräsentation“. […] Vielleicht wird die wichtigste Analogie zwischen Kunst und Politik durch die utopischen Hoffnungen erzeugt, die mit dem Ende der Repräsentation verbunden werden. Auf die gleiche Weise, wie das 20. Jahrhundert die abstrakte Kunst als letzten Signifikanten der modernistischen Utopie postuliert hat, scheinen sich die politischen Utopien auf die direkte oder „nicht-repräsentative“ Demokratie als ihrem Ideal von Souveränität zu richten. Wie Laclau sehr schön gezeigt hat, ist die Vorstellung, jede Repräsentation eliminieren zu können, eine Chimäre wie die totale Emanzipation. Sofern die Universalität der Gemeinschaft nur durch die Vermittlung einer Partikularität möglich ist, bleibt die Verbindung zur Repräsentation jedoch konstitutiv.


Cuauhtémoc Medina ist Kunstkritiker, Kurator und Kunsthistoriker und lebt in Mexiko-Stadt. Er arbeitet am Instituto de Investigaciones Estéticas der Nationalen Autonomen Universität Mexikos (UNAM) und ist künstlerischer Leiter der Manifesta 9 in Genk, Belgien.


Der Artikel erschien unter dem Titel Representación in: Cuauhtémoc Medina (Hg.): La Imágen Política. Mexico-Stadt 2006 (Universidad Nacional Autónoma de México), S. 23–26, und wurde für den Bildpunkt leicht gekürzt und aus dem Spanischen übersetzt von Jens Kastner.

[1] Thomas Crow: Painters and Public Life in Eighteenth Century Paris. New Haven und London 1985 (Yale University Press).

[2] Thierry de Duve: Kant After Duchamp. Cambridge 1998 (MIT Press).

[3] Edward Said: Orientalismus. Frankfurt a.M. 2009 (Fischer Verlag).

[4] Ernesto Laclau: Emanzipation und Differenz. Wien 2002 (Verlag Turia + Kant).