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Künstlerin klagt Galerie. Und gewinnt!

Daniela Koweindl

Eine Wiener Galerie[1] (nennen wir sie G) vereinbart mit einer Künstlerin[2] (nennen wir sie K) eine Beteiligung an einer Gruppenausstellung. Nach Ausstellungsende ist keines der Werke von K verkauft, aber neun Arbeiten sind beschädigt. G kassiert die Versicherungssumme. K geht leer aus. Doch streitbare Jahre später sieht alles anders aus: Die Künstlerin hat es gewagt, im überschaubaren Wiener Kunstbetrieb eine Galerie zu klagen – und Recht bekommen. Kein leichter Schritt, wie K erklärt: „Ohne die dauerhafte Unterstützung eines befreundeten Künstlers hätte ich es niemals durchgestanden, mich über fast drei Jahre hinweg zu wehren und hätte wohl aufgegeben, auf mein Recht zu pochen.“ Nun ist es ihr ein Anliegen, ihre „Erfahrung als junge Künstlerin, die sich nicht einfach ungerechtfertigt von einer Galerie abzocken lässt, zu teilen.“

Begonnen hat die Zusammenarbeit zwischen K und G im Herbst 2008. Konditionen dieser Zusammenarbeit – gegenseitige Rechte und Pflichten – wurden in einem schriftlichen Vertrag geregelt: Die Künstlerin verpflichtet sich u.a., die Werke spätestens sechs Tage vor der Eröffnung in einwandfreiem Zustand zu übergeben, die Werke nicht ohne Mitwirkung der Galerie anderweitig zu verkaufen bzw. die vereinbarte Provision an die Galerie zu bezahlen, solange diese in irgendeiner Weise mit der Vermarktung der Kunstwerke betraut ist. Die Galerie wiederum verpflichtet sich zu Konzeption und Realisierung der Ausstellung auf eigene Kosten, zur alleinigen Kostenübernahme für Werbe- und Promotionsmaßnahmen, zu Organisation und Durchführung einer Eröffnungsveranstaltung, zu Pressearbeit u.a.m. Bis zum 30. Tag nach Ausstellungsende hat die Galerie außerdem ein Verzeichnis der veräußerten Werke zu senden, den zustehenden Anteil des Verkaufserlöses zu zahlen und die nicht verkauften Werke zurück zu geben. Für verkaufte Werke wurde eine Galerieprovision von 50% vereinbart. Soweit nichts Ungewöhnliches.

Ein Versicherungsfall

Die Ausstellung wird eröffnet, läuft mehrere Wochen, Werke von K werden nicht verkauft. Als K zur Finissage kommt, muss sie Beschädigungen an neun ihrer Arbeiten feststellen. „Die Bildflächen waren stark zerkratzt und die Ecken beschädigt. Auch von einer anderen Künstlerin kamen Fotografien zu Schaden“, erinnert sich K an die unerfreuliche Situation. Ein Versicherungsfall, wie die Galeristin sofort erklärt. Die Abwicklung nimmt ihrem Lauf. Die Versicherung beauftragt im Dezember ein einschlägiges Unternehmen mit der Erstellung eines Sachverständigengutachtens, im Februar besichtigt ein Mitarbeiter dieser GmbH in Anwesenheit einer Galeriemitarbeiterin den verursachten Schaden. Anfang April datiert der Schadensbericht über „Schäden an Bildern hervorgerufen durch Ungeschicklichkeit des Versicherungsnehmers“: Der Versicherungsnehmer (jemand Dritter, nicht die Galerie) wollte ein WC aufsuchen und ist „irrtümlich in den Bereich gelangt[e], wo die aufgrund einer Performance abgehängten Bilder (…) abgestellt waren.“ In der Folge habe er die mit Plastiknoppenfolie und an den Ecken zudem mit Kartonagen geschützten Werke beim Öffnen einer Türe umgerissen, sodass diese umstürzten. Weiters wird beschrieben, dass „sämtliche Bilder (…) leichte Schäden an den Ecken bzw. Kanten sowie über die ganze Bildfläche verteilt aufweisen“. Eine Kostenschätzung schließt den Bericht ab.

Während die Künstlerin im Schadensbericht als Eigentümerin der Werke genannt wird, scheint in der einleitenden (Kontakt-)Datenübersicht jedoch nicht die Künstlerin, sondern die Galerie als Geschädigte auf. In einem Schreiben vom 19. Mai 2009 teilt die Versicherung der Künstlerin schließlich mit, dass am 22. April 2009 für die beschädigten Werke 15.181,81 € an die Galerie bezahlt wurden. Von hier an beginnt eine zähe Kommunikation zwischen Künstlerin und Galerie bzw. deren Rechtsvertretungen.

Galerie kassiert die volle Schadenssumme

Nachdem die Künstlerin anfangs hingehalten, später nur noch abgewiesen wird und im Juni noch keinen einzigen Cent erhalten hat, wendet sie sich an eine Rechtsanwältin. Diese weist die Galerie darauf hin, dass „der vorliegende Versicherungsfall nicht wie ein Verkauf zu werten ist“ und hält fest: „Sie haben sowohl Ihren Sorgfaltsmaßstab verletzt, der zu einer Schadenersatzsverpflichtung Ihrerseits führt, als auch sich gegenüber der (…) Versicherung als ,Geschädigte‘ ausgegeben und den gesamten ,Verkaufspreis‘ vereinnahmt.“ Die Forderung, die Versicherungssumme zuzüglich Kosten für das Einschreiten der Rechtsanwältin binnen zehn Tagen zu überweisen, geht allerdings ins Leere.

Auch die Galerie schaltet eine Rechtsanwältin ein und lässt erklären, selbstverständlich bereit zu sein „50% des Verwertungserlöses“ zu zahlen, sobald die Künstlerin „bestätigt, dass dadurch sämtliche wechselseitigen Ansprüche bereinigt sind“. Denn es sei „rechtlich völlig irrelevant, ob es sich (…) um eine Verwertung durch Verkauf an den Schadenverursacher oder infolge Liquidierung durch dessen Haftpflichtversicherer“ handle. „Darüber hinaus“, so die Rechtsanwältin der Galerie, „ist sich Ihre Mandantin mit Sicherheit bewusst, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin kein einziges – bzw. keinesfalls alle – der gegenständlichen Werke verkauft hätte (…).“

Über ein Jahr lang geht es weiter mit derlei Briefverkehr. Erschwerend kommt hinzu, dass die Werke der Künstlerin sich nach wie vor beim Sachverständigen in Oberösterreich befinden und – wie die Anwältin der Künstlerin eruieren konnte – „eine weitere Verwertung (…) beabsichtigt ist.“ Dazu die Rechtsanwältin der Galerie: Sollte die Künstlerin “am Erwerb der beschädigten Werke Interesse haben, dann wäre die Kontaktaufnahme mit dem Sachverständigen sinnvoll.“ Für die Künstlerin war beim Versuch einer außergerichtlichen Einigung jedenfalls Voraussetzung, ihre Werke zurück zu erhalten – allerdings nicht durch Kauf. „Dem Sachverständigen, der sie auf eBay verkaufen wollte, musste ich erst mal klar machen, dass ich zerstörte Arbeiten von mir nicht im Umlauf haben will“, erinnert sich K. Kurz vor Jahresende 2009 schickt die Versicherung schließlich eine Einverständniserklärung, „ohne Verpflichtung zur Rückzahlung der von uns erhaltenen Leistung“ die Werke an die Künstlerin auszuhändigen.

Gericht entscheidet: 100% für die Künstlerin

Mehrere Monate des Stillstands führen dazu, dass K im April 2010 schließlich bereit ist auf das 50%-Angebot der Galerie einzugehen. Nach einem mehrmonatigen Intermezzo aufgrund von Nicht-Reagieren durch G, Auflösung deren Vollmachtsverhältnis zur bisherigen Rechtsanwältin und Klagsdrohung durch die Rechtsanwältin der Künstlerin, betraut die Galerie doch wieder die bereits zuvor engagierte Rechtsanwältin und lässt im August 2010 mitteilen: Da die Künstlerin „sämtliche Bilder zurück erhalten hat und über diese nunmehr frei verfügen kann, ist nunmehr die Bezahlung eines Betrages von 5.000 € statt 7.590,91 € gerechtfertigt.“ Damit bringt G das Fass zum Überlaufen, K hat ihre Werke weiterhin nicht zurück und ist auch finanziell nicht mehr an Kompromissen interessiert. Sie wechselt die RechtsanwältIn und bringt mit dem neuen Anwalt Klage ein. Dieser Schritt zeigt sofortige Wirkung, die Galerie überweist 50% der mittlerweile vor über zwei Jahren erhaltenen Versicherungsleistung. Der Anwalt von K beantragt in der Zwischenzeit erfolgreich Verfahrenshilfe. Am 6. Mai 2011 findet die Verhandlung vor dem Handelsgericht Wien statt und die Galerie wird „verpflichtet, den gesamtem ihr von der Haftpflichtversicherung des Schädigers aus welchen Gründen auch immer ausbezahlten Betrag vollständig zu übergeben“ – binnen 14 Tagen, zuzüglich 8% Zinsen über dem Basiszinssatz sowie 2.048,21 € Prozesskosten. Aus der rechtlichen Begründung dazu heißt es: „Der Klägerin ist beizupflichten, dass die provisionsauslösende Leistung der Galerie nicht in der Vernichtung und der Beschädigung von Kunstwerken, sondern lediglich in ihrer Verwertung durch Veräußerung liegen kann. Der Beklagten ist es unstrittig nicht gelungen, einen derartigen Verkaufserfolg zu erzielen, sodass auch keine Provisionsberechtigung besteht.“

Dieser Fall, so Rechtsanwalt Harald Karl, der K vor Gericht vertreten hat, sei offenbar auch für den Richter eine klare Sache gewesen: „Er hat sich sofort unserem Standpunkt angeschlossen und sehr schnell, ohne weitere Einvernahmen entschieden.“ Das Urteil ist rechtskräftig, auf Berufung hat G verzichtet. Ab Juli 2011 stottert die Galerie den Betrag in monatlichen Raten ab. Nach einem längeren Zahlungsstillstand seit November ist nach Mahnung schließlich Mitte März 2012 der letzte von sechs Teilbeträgen eingetroffen.


Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst.


[1] Name der Redaktion bekannt.
[2] Name der Redaktion bekannt.