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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Editorial

Die feministische Kunsthistorikerin Linda Nochlin hatte 1999 einige ihrer Aufsätze unter dem programmatischen Titel Representing Women zu einem Buch zusammengefasst. Einen eindeutigen Vertretungsanspruch erhob sie damit nicht. Vielmehr erläuterte sie einleitend, dass die Vielzahl der behandelten Themen auch die Vielfalt der Kategorie „Frau“ zum Ausdruck bringen und gleichsam darauf zielen würde, sie zu de-essenzialisieren. Die Aufsatzsammlung stellte also den Versuch dar, zu repräsentieren, ohne festzuschreiben, zu vereinheitlichen und auszugrenzen. Repräsentation – Darstellung, Vorstellung, Stellvertretung – galt da noch als Voraussetzung auch für politische Handlungsmacht. Aus Minderheitenperspektive tut sie das häufig, auch plausibel und zu Recht, noch immer. Dennoch sind in den letzten Jahren sowohl im Kunstfeld als auch in den sozialen Bewegungen post-repräsentative Strömungen laut und stark geworden, die diese Abfolge – erst representing, dann und dadurch agency – bestreiten. Mit dieser Ausgabe des Bildpunkt greifen wird diese Anregungen auf: Es muss nicht unbedingt etwas oder jemand gezeigt, dargestellt und/oder vertreten werden, oft gelingt es auch so, dass etwas geschieht. Aber wie? Es geht also um die Frage nach Transformationsstrategien.

Einerseits entstehen post-repräsentative Ausstellungsdisplays und postdramatische Theaterkonstellationen, andererseits ist seit mehr als einem Jahr ein wahrer boom an post-repräsentativen soziopolitischen Mobilisierungen zwischen Indignad@s, Occupy-Bewegung und Studierendenprotesten entstanden, deren örtliche Bezeichnungen mit jeder Nobel-Boutique mithalten können (Wien, Berkeley, London, Santiago de Chile). Der Philosoph Gerald Raunig sieht in seinem neuen Buch Fabriken des Wissens (Berlin 2012) gerade hier, wo einerseits Selbstregulierung zum täglichen Geschäft gehört und andererseits die Aufstandsbekämpfung schon bei der Verschuldung der Studierenden beginnt, neue Möglichkeiten der politischen Mobilisierung: „an den Oberflächen des Wissens surfend und zugleich im Modus der Intensivierung, Verdichtung, Vertiefung.“

Es gibt diesen lustigen Zwei-Bilder-Comic von Ad Reinhardt. Auf dem ersten Bild zeigt ein Museumsbesucher auf ein abstraktes Gemälde und sagt: „Ha ha, what does this represent?“ Auf dem zweiten Bild haben sich die abstrakten Striche des Bildes formiert und fragen den erstaunten Betrachter zurück: „What do you represent?“ So befragen die Dinge hin und wieder unsere Standpunkte: nicht nur, wo wir stehen und in welchem Verhältnis wozu, sondern auch, wofür wir (politisch) einstehen. Dass der Gestaltung – Intensivierung, Verdichtung, Vertiefung – politischer Haltungen bestehende, hegemoniale, auch patriarchale Perspektiven und Blicke im Weg stehen, hatte die Künstlerin Hannah Wilke in ihrer Replik auf Reinhardt (So Help Me Hannah: What Does This Represent / What Do You Represent (1978/84)) gezeigt. In ihrer Arbeit sitzt der nackte Frauenkörper dem männlichen Betrachterblick ziemlich ausgesetzt in der Galerieecke gegenüber. Representing Women. Aber inzwischen wissen wir, dass da jenseits dessen und trotzdem etwas geschehen kann.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur