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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Don’t beautify where you live

Veronika Merklein


Erst kommen die KünstlerInnen, dann die Restaurants, dann die, die sich’s leisten können, diesen Worten lauschte ich 2008 als Studentin von Barbara Clausen in einem ihrer Uniseminare. Danach: Back to start – ins nächste underestablished Grätzl. KünstlerInnen sägen beständig am eigenen Ast, indem sie ihr Grätzl lebenswerter und bunter gestalten. Meine Verhaltensweise in dieser Gefahrensituation ist deshalb, sich tot zu stellen, also nicht „Don’t shit where you eat“ sondern „Don’t beautify where you live“. Und das in Wien, dem europäischem Best Practice-Beispiel, was leistbares Wohnen angeht. Ich verhalte mich also grau. Ironie aus. Dabei bin ich weit weg vom unteren Ende. Als 2014 in dem Stadtteil Pilsen in Chicago bereits die jungen KünstlerInnen und die jungen Bobo-Restaurants in den attraktiven Leerstand eingezogen waren, bemerkte ich ein Schild der dort ansässigen Hispanic-Community, das sinngemäß aussagte: Wir brauchen euren Bio-Kaffee nicht! Den Biokaffee, den ich also gerne trinke von meinem geliebten Bioladen um die Ecke – dem sollte ich also auch hier den Kampf ansagen?

Als meine Hausverwaltung mir bei der letzten Vertragsverlängerung sagte, dass sie erst die neue Besitzerin befragen müsse, dachte ich noch – wenigstens eine Frau. Oder doch eine Firma. Wenig später wurden dann die Wohnungen vermessen. Langsam aber sicher ziehen nun die aus, deren Verträge nicht verlängert werden. Dazwischen entstehen nun AirBnB-Oasen. Koffer rauf und Koffer runter. In Türnummer 15 wohnt ein Pärchen mit pralinenfressendem Hund, die Tschick im Mund und das Bier in der Hand. Falten ziehen sich durch ihre Gesichter wie eine wunderschöne Zeichnung. Ab und zu nimmt Türnummer 18 einen Fisch im Hinterhof aus. Im Frühling erblicken die überwinterten Kellerpflanzen, die schon seit Jahren neue Erde bräuchten, das Tageslicht und werden auf dem kniehohen Hinterhofmäuerchen fein säuberlich und liebevoll nebeneinander platziert. Auch die kleine Grünfläche in jenem betonierten Hinterhof wird jahreszeitengemäß geschmückt. Davor steht der Stammtisch von Türnummer 1. Ein Sonnenschirm bohrt sich mittig durch den Tisch und wird von einem Billakübel ganzjährig in Beton gehalten. Die Sesseln sind angelehnt und mit Namen versehen bis die Tage wieder wärmer werden und jene Männer wieder allabendlich Platz nehmen und mich grüßen – hausmüllentsorgend – wie ein entferntes Familienmitglied. Ein jahrelanges einander Zunicken zeigt die Zustimmung einer funktionierenden Hausgemeinschaft – von jung bis alt, arm und mittelständisch, Nationalitäten, Kulturen und Religionen in der Leichtigkeit eines Tetrisspiels übereinander gestapelt.

Die Macht, die Udo Jürgens 1974 in seinem Lied Ein ehrenwertes Haus besang, ist heute viel indirekter. Wie ein gesichtsloser Drohnenangriff frisst das Streben nach Wachstum seine eigenen Kinder und zerstört blutsaugend soziale Gefüge. Mein Haus stirbt – langsam aber sicher. Und ich? Ich hoffe inständig, dass das Foucaultsche Pendel wieder in die andere Richtung ausschlägt und ziehe weiter, weil ich mich eh vergrößern wollte. Ich lebe also bestens im Wachstum.


Veronika Merklein ist bildende Kunstlerin und Aktivistin. Sie lebt und arbeitet hauptsächlich in Wien.

Bildpunkt Frühling 2020: Wachstumsprobleme