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Kleister gegen Zwischenraum ist nichts als grau

Leo Yannick Wild

Jüngst stellte die Bundestagsfraktion der sogenannten „Alternative für Deutschland“ mehrere Anfragen an die deutsche Bundesregierung, sowie ihre Landtagsfraktionen an diverse Länderparlamente, in denen sie (halb ahnungslos, halb pseudoinvestigativ) „erforschten“, ob finanzielle Unterstützung für Projekte, die wichtige, z. T. überlebenswichtige Arbeit für trans* und inter* Menschen machen, denn überhaupt nötig sei. Als ein Berliner Projekt von und für trans* und inter* Menschen über Monate verzweifelt neue Räume für seine vielen Angebote suchte, mailte dementsprechend eine Lokalpolitikerin, man möge ihr erst einmal erklären, ob es sich überhaupt um Ärzt_innen handele, die da tätig seien, man wisse ja seit den 1980er von „schrecklichen Verstümmelungen“, und „die armen Angehörigen“.

Als Autor zum Thema Zwischenräume von und für trans*, inter* und nicht-binäre Menschen ist es eine Gratwanderung, solche trans*- und inter*-feindlichen Absurditäten zu zitieren. Doch wie sonst deutlich machen, was sich da draußen an spinnerten Anfeindungen ansammelt, die sich in Wahlen niederschlagen und die auf der Leipziger Buchmesse von Ständen sogenannter „Sprachschützer“ klaffen, die ihr Reizwort „Gender“ immer dann jaulen, wenn es an ihre kleine Welt geht, für die Zwischenräume zu groß sind?

Kaum gibt es die Möglichkeit einer sogenannten „Dritten Option“, mutig erstritten und wegen ihrer massiv erschwerten Zugänglichkeit, kurz gesagt, zwischen einem Geschlechtseintrag „divers“ und keinem Geschlechtseintrag wählen zu können, viel kritisiert, sorgen sich selbsterklärte „Bedenkenträger“ noch mehr um die Aufrechterhaltung ihrer gedanklichen Limits und spielen Trans* und Inter* gegeneinander aus (wie sie auch andere Marginalisierte gerne mal gegeneinander ausspielen, das ist eine leicht durchschaubare Masche). Dabei ist der Zugang zu diesen zwei neuen, von Aktivist_innen und Menschenrechtsexpert_innen (nicht selten in einer Person) lange geforderten Optionen „divers“ bzw. Verzicht auf Geschlechtseintrag, hochgradig pathologisierend: Denn ohne die Diagnose eine_r Mediziner_in, oh Wonne zugeschriebener Kompetenz ohne lebensweltliches Wissen, dass eine sogenannte „Variante der Geschlechtsentwicklung“ vorliegt, bleiben diese beiden Optionen verwehrt – ohne pathologisierende Diagnose weder ein freigelassener Geschlechtseintrag, noch der Eintrag als „divers“. Wer pathologisiert eigentlich jene, die die Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ für sich in Anspruch nehmen? Werden wir uns einig, dass dies niemand tut und dass das genau richtig ist? Denn dahinter steckt die Idee: „Dein stereotypen Vorstellungen entsprechendes geschlechtliches Erleben ist nicht meine Baustelle“ (und nicht die von Mediziner_innen). Der mühsam errungene „Zwischenraum“ für weitere Selbstbeschreibungen außer „männlich“ und „weiblich“, er wird zugekleistert, auch von Menschen, die qua ihrer beruflichen Profession verantwortlich sind für das seit Jahrzehnten anhaltende Vergehen an inter* Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen, sie geschlechtlich „zuzuweisen“. Konkret heißt dies nichts weniger, als ohne informierte Zustimmung einem Kind oder Jugendlichen „ein“ Geschlecht aufzustülpen, um sozial als Norm angesehene Stereotype über biologiebuchgerechte Körper zu reproduzieren – und sei es um den Preis gewaltvoller Operationen, Tabuisierungen und Unsichtbarmachung.

Doch genug der „störenfriedischen“, mit zwischenraumfeindlichem Kleister hantierenden Phobiker_innen, Diagnostiker_innen oder einfach Ignorant_innen. Wir schauen in den Zwischenraum, und wir entdecken, wie der Zwischenraum gestaltet werden kann, wenn es dabei liebevoll zugeht, oder kreativ, oder empowernd wütend. Aktuell z.B. …

… wenn Oxa, queere_r Performer_in und Kandidat_in der aktuellen Staffel von The Voice of Germany, am Ende ihrer_ seiner Interpretation von Lady Gagas Born This Way ein Mainstream-Publikum auffordert, bei trans*-, inter*- und queerfeindlichem Hass nicht wegzuschauen;

… oder wenn Tristan Marie Biallas für inter* und trans* Sprecher_ innen Leichter Sprache, inkl. Menschen mit Behinderungen, ein Heft zum Thema Selbstbestimmte Familienplanung gestaltet, das empowern und informieren will. Unterstützer_innen werden darin zu folgendem aufgefordert:

„Aktivist_innen laden inter, trans und behinderte Menschen ein. Als Redner_in bei einer Demonstration. Als Expert_in bei einer Lernveranstaltung. Sie hören ihnen zu. Sie lesen ihre Bücher. Sie schauen ihre Videos. Sie folgen ihnen auf Twitter. Sie lesen ihre Blogs. Sie lernen von ihnen.“ So leicht kann es sein, sich den lebenswerten Zwischenraum zu erschließen.

Leo Yannick Wild, Journalist und Politikwissenschaftler, leitet den Bereich Antidiskriminierung der Schwulenberatung Berlin, engagiert sich aktiv für den Berliner Verein TransInter-Queer e.V. und denkt bei Mosel-Riesling über die mentale Verfasstheit von Vielfaltshasser_innen nach.