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In Between Days: Zwischenzustände sind nicht nur schön.

Drehli Robnik

Vor 50 Jahren erschien Siegfried Kracauers letztes Buch: History endet damit, dass Geschichte ein machtkritisches Denken des Dazwischen sei, festhaltend am „Utopia of the inbetween“. Das liest sich heute kitschig (und damalige Studis zog es mehr zu Adorno). 25 Jahre später, 1995, kritisierte Jacques Rancière in seiner Theorie des Unvernehmens Konzepte, die das Konflikthafte der Politik verkennen. Politik sei, so Rancière, weder ein Abgleich von „Interessen“ noch auf Inter-esse, auf fundamentales Dazwischen-Sein, zu gründen. Sie basiere weder auf Dialog noch auf einem sozialontologischen Immer-schon-Zwischen noch auf dem Dazwischen im Sinn von Unzugehörigkeit; vielmehr gehe es beim „politischen Zusammen- Sein“ um „mehrfache Zugehörigkeit“ (du bist deplatziert im Regime der Platzzuweisungen) – ein „Zwischen-Sein zwischen den Identitäten“, das Machtkontinua unterbricht. Heute, nochmal 25 Jahre später, lässt sich das Zeit/Raum/Polit- Konzept Dazwischen nur unter Vorbehalt feiern; das ist eine Ausgangsbeobachtung dieses Bildpunkts. Oft zeigt sich, dass disruptive Kapitalstrategien oder rassistische Entrechtung in und mit Zwischenzuständen operieren; etwa abseits erkämpfter rechts- oder sozialstaatlicher Setzungen. Und angesichts der Normalisierung von Ambivalenz als Quasi-Leitkultur liberaler Kunstmilieus macht es Sinn, der Kunst anzutragen (wie jüngst etwa Oliver Marchart in Conflictual Aesthetics), sich zu positionieren und agitatorische Funktionen im vollen Sinn wahrzunehmen. Das heißt nicht: Zurück zu Fix-Instanzen der Definition von Gesetz oder Position (zu Vater Staat, der verordnet, zu Mutter Partei, die weiß). Das politische Erbe von Ambivalenz und Zwischenheit will nicht verworfen sein, sondern neu sortiert, neu angetreten, angekickt.

Nachdem das irgendwie eh klar und damit soviel auch nicht gesagt ist – zuletzt nur dies: Ein Dazwischen ist nicht notwendig wünschenswert. Umgekehrt ist das Ausfüllen von Zwischenzonen durch ausformulierte Bindungen nach Art von Solidarität (und Egalität: alle gleich, nicht ‚separiert‘) eine gute Sache. Dass Spatium libre auch rechts markiert sein kann, lässt sich nochmal mit Kracauer illustrieren: 1930, ehe ihn die Nazis ins Exil treiben, merkt er an, dass in dem völkischen Roman Roßbach ein „Freikorps Posten“ dafür gelobt wird, dass er Journalisten verprügelt, und Kracauer fügt nazisprachkritisch hinzu: „Wie das Wort ‚Freikorps Posten‘ sind in diesem Machwerk alle Verbindungsworte getrennt; offenbar um anzudeuten, daß man Elemente, die von Rechts wegen zusammengehören, unter keinen Umständen miteinander verbinden will.“

Natürlich geht es nicht primär um pro & contra Blank-Taste. Aber es geht um Faschismus – und insofern um Zwischenzeit. Menschen im Europa von 1930 sahen sich als in der Nachkriegszeit lebend; wir sehen sie heute als Menschen einer Zwischenkriegszeit. Vielleicht müssen wir, kurz nachdem das Wort postnazistisch in der Geschichtsforschung gängig wurde, auch Zeitrechnung und Wording auf Dazwischen umstellen: zwischen zwei … zwischen zwa Zwetschkenbam zwitschern zwa Schwalb´n. Oder mit zwei Titeln aus der Pophistorie gesagt (mit Ian Dury bzw. The Cure: noch mehr Männer!): Wir sind Inbetweenies – In Between Days.

Drehli Robnik schreibt zu Film, Politik, Theorie und Kracauers DemoKRACy.