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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Spatium Libre.

Editorial

Zu Unrecht werden sie verdächtigt, Chaos zu stiften. Sie werden verbannt, dabei beleben sie nur die Zwischenräume, die sonst niemand nutzt. In den Fugen, Spalten und Nischen der alltäglichen Einrichtungen gelten andere Gesetze als die der Schwerkraft. Dort leben die kleinen Hausgeister, denen Luke Pearsons Comic-Heldin Hilda irgendwann begegnet. Sie sind vielleicht die putzigen Wiedergänger*innen einer utopischen Hoffnung darauf, sich nicht festlegen lassen zu müssen und im Dazwischen einen gemütlichen Ort der Sprengung aller Festschreibungen zu finden. Denn ausgehend von einigen Festgefahrenheiten innerhalb der marxistischen Sozial- und Kulturtheorien kam vor mehr als zwei Jahrzehnten das In- Between als politisch-theoretische Option auf und groß in Mode. Identitätsdiskurs und urban activism, postkolonialistische Theorie und Kunstwelt waren gleichermaßen so angefüllt mit Feiern des Zwischenraums, dass kaum ein Hindurchkommen war. Was ist daraus geworden?

Das Spatium ist in der Typographie der Raum zwischen zwei Buchstaben. Er ist notwendig, damit das Entziffern, damit eine Lektüre und damit Sinnproduktion überhaupt stattfinden kann. Aber ist der Zwischenraum auch ein Freiraum? Das Dazwischen ist nicht nur ein feststehender Ort wie der Raum zwischen zwei Buchstaben. Es kann stattdessen auch ein Prozess sein, der Zuschreibungen verweigert – wie es in den Diskursen um Migrations- und Identitätspolitiken oft verhandelt wird. In dieser Form ist er auch ein Statement gegen faschistische Reinheitsphantasien („Are they terrified of unobscured and brilliant colours? / Perhaps you cracked the door to their own forbidden worlds. / Everything’s in between.“ Propagandhi).

So wie es Aufenthaltsort befreienden Potenzials sein kann, beginnt mit dem Dazwischen womöglich aber auch die Qual, im steten Aufschub sich einrichten zu müssen. Diese Ausgabe des Bildpunkt widmet sich den Zwischenräumen und versucht dabei, einige Aspekte jener gefeierten Bedeutungsvielfalt der vergangenen Jahre wieder in den Blick zu holen: der Potenziale von Positionen zwischen den sozialen Klassen, zwischen den Geschlechtern oder etwa der Rolle von künstlerischer Zwischenraumnutzung für die städtische Aufwertung. Wann und unter welchen Bedingungen, lässt sich dabei mit dem postkolonialistischen Theoretiker Homi K. Bhabha fragen, wird der Zwischenraum zu „einem Raum der Intervention im Hier und Jetzt“?

Der Bildpunkt erscheint als Zeitschrift für Mitglieder der IG Bildende Kunst. Als Heft, das theoretische Debatten, künstlerische Praktiken und soziale Bewegungen in Kontakt bringt und von lokalen wie internationalen Autor*innen diskutieren lässt, kann er aber auch abonniert werden. Auch Zwischendurch oder als Zwischenlösung. Die Hausgeister jedenfalls sind nicht verantwortlich für die Unordnung der Dinge.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur