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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Imagination vs. Definition

Frank Jödicke

Knut Hamsun fand bekanntlich den Faschismus gut, engagierte sich für die nationalsozialistischen Besatzer Norwegens und war ein begeisterter Leserbriefschreiber. Das Lokalblatt beschenkte er mit wutschnaubenden Pamphleten, oft nicht weit davon entfernt, zu Mord und Totschlag aufzurufen. Es gab zahlreiche Dinge, die ihm nicht passten: Engländer, Frauen etc. Er war ein typischer Wutbürger und in vielem das Idealbild eines rechtsradikalen Eiferers. In seiner Literatur aber spüren die Leser* innen davon nichts. Hier vertrat Hamsun einen schnoddrigen Humanismus, voller Anteilnahme für Arme und Gescheiterte. Man mag die Hamsunsche Literatur schätzen oder ablehnen, faschistoid ist sie nicht. In dieser Spaltung zeigt sich, dass Kunst und autoritäre Gesinnung unvereinbar sind. Ein Mensch kann zu beidem „befähigt“ sein, verbinden kann er sie wohl nie.

Rechter Kunstverdruss

Das ist ein Problem für die FPÖ und die anderen rechtsautoritären oder rechtsradikalen Parteien. Sie können der Kunst nicht beikommen und bekämpfen sie deshalb. Nun gibt es aber kunstbeflissene Rechte, und es wäre oberflächlich, ihnen alle Kunstgenussfähigkeit abzusprechen. Allerdings sind rechte Werke in auffälliger Weise geprägt durch einen peniblen Naturalismus, wie bei Manfred „Odin“ Wiesinger. Auch der rechte Theoretiker Andreas Mölzer zeichnet in seiner Freizeit gerne Nackerte mit großen Schwertern, deren platter Naturalismus Tattoostecher*innen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Diese Werke sind teilweise frei von Kunst, teilweise belegen sie eine gewisse Lust an ihrem Material. Dies ist kein linkes, leicht versnobtes Geschmacksurteil, sondern der Versuch etwas über das Verhältnis Das ist ein Problem für die FPÖ und die anderen rechtsautoritären oder rechtsradikalen Parteien. Sie können der Kunst nicht beikommen und bekämpfen sie deshalb. Nun gibt es aber kunstbeflissene Rechte, und es wäre oberflächlich, ihnen alle Kunstgenussfähigkeit abzusprechen. Allerdings sind rechte Werke in auffälliger Weise geprägt durch einen peniblen Naturalismus, wie bei Manfred „Odin“ Wiesinger. Auch der rechte Theoretiker Andreas Mölzer zeichnet in seiner Freizeit gerne Nackerte mit großen Schwertern, deren platter Naturalismus Tattoostecher*innen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Diese Werke sind teilweise frei von Kunst, teilweise belegen sie eine gewisse Lust an ihrem Material. Dies ist kein linkes, leicht versnobtes Geschmacksurteil, sondern der Versuch etwas über das Verhältnis von Imagination und Definitionsmacht aufzeigen. Durch die Werke rechter Kunst schimmert die Überzeugung durch, dass der härteste Schlag gewinnt. Die Sujets spiegeln dies: Landser im Nebel, starke Männer im Harnisch etc. Häufig wird Krieg und nahezu immer ein Streben nach Macht unmittelbar thematisiert. Dass diese Werke das Motiv der Niederlage mitzuverarbeiten haben, hat etwas mit der deutschen bzw. österreichischen (Militär-) Geschichte zu tun, die bekanntlich reich an „Fliegenschissen“ ist.

Bemerkenswert ist die Ohnmacht des Imaginierens. Dabei liegt der springende Punkt bei einer künstlerischen Gestaltung in dem Versuch sich einzufühlen in etwas, das „Nicht-Ich“ ist. Es kann das Experiment unternommen werden, sich in das Leben, Denken und Empfinden einer anderen Person einzufühlen und zu erschließen, wie diese wohl die Welt erlebt. Künstler*innen können probieren sich als ein Tier oder als Maschine zu erfahren. Dafür bedarf es einer Art von Imaginationskraft. Es muss etwas erschlossen, ausgemalt, vertont werden, das dem Individuum nicht zur Verfügung steht und sich seiner Kontrolle entzieht, und das deswegen umworben werden muss. Wenn Kunst Erkenntnis sein soll, dann ist sie dies nie durch subsumierende oder reflektierende Urteile, sondern durch ein Gefühl der Lust. Das bedeutendste davon ist wohl die Lust an der Auflösung, dem Anders-Sein, der Transgression.

Nichts wäre rechter Kunst fremder. Selbst in ihren geistreichen und formal hochstehenden Werken fehlt diese Form künstlerischer Erkenntnis. Folglich sind Gestaltungen rechter Kunst nahezu ausschließlich an dem politischen Ringen um die Definitionsmacht geeicht. Alles „Andere“ soll gerade nicht zur Geltung kommen und immer das „Eigene“ „gerühmt“ werden. Es geht darum, Macht über die allgemeine Erzählung zu gewinnen und alles auszumerzen, was nicht in das eigene Deutungsmuster der „mächtigen, erdbraunen Flut“ (Mölzer) passt. Kein Wunder, wenn rechten Demagog*innen somit Kunst und Künstler*innen meist verdächtig sind. Gerne bezichtigen sie diese, „sozialistische Ideen“ zu verbreiten, aber das ist oberflächlich.

Rechter Aktivismus

Künstler*innen transportieren die verschiedensten Ideen, und gerade das ist das Problem für Rechte und ihr Ringen um Definitionsmacht. Es scheint in der Kunst ein Feld zu geben, das sie als Rechte per se ausschließt. Meist juckt sie dies wenig, wenn beispielsweise die FPÖ in Wien Margareten die Frist zur Meldung in den Kulturausschuss verstreichen lässt. Hin und wieder wünschen sie sich aber Anerkennung auch von der Art-Scene (Eitelkeit ist grenzenlos) oder wollen die gewisse propagandistische Wirkung der Kunst nutzen. Da sich rechte Politiker*innen hier oft eine Abfuhr einholen, gehen sie zuweilen frustriert auf Künstler*innen los. Diese Angriffe sind fast ausnahmslos unsachlich. Sie meinen nie das Werk, sondern bedienen die Palette der eingeführten Vorurteile: „abgehoben, bevormundend, verstehen unsere Leut‘ nicht“ etc., und natürlich erwartet man sich Applaus für die Feststellung, Künstler*innen „hackeln nix“, sondern werden alimentiert. Artikulieren Künstler*innen öffentlich humanistische Vorstellungen, dann sind diese „naiv“ oder sogar „gefährlich“. Etwas eleganter formuliert finden sich die gleichen Anwürfe auch in bürgerlichen Kreisen. In letzter Zeit befleißigte sich in Österreich der aus den Brausemilliarden gesponserte Addendum-Intellektualismus dieser Argumentation: Die Linken hätten die Universitäten und Redaktionsstuben gekapert und würden ihre Meinungshoheit allen Andersdenkenden aufzwingen. Bei dieser Diskussion geht es einzig um Definitionsmacht.

Gleichzeitig hat die Kunst insbesondere im 20. Jahrhundert zahlreiche propagandistische und aktionistische Strategien entwickelt, die das Begehr rechter Ideolog*innen weckten. Es kam zu scheinbar cleveren Aktionen, wenn Unbekannte die Übermalungsbilder von Arnulf Rainer übermalten. Der hatte ja selbst, als avantgardistische Geste, Bilder anderer Künstler*innen durch Übermalungen zerstört. Eine intellektuelle Kopfnuss also, die aber nie explizit als künstlerische Strategie diskutiert wurde. Da dies unterblieb, gerann die Aktion zur simplen Sachbeschädigung, die wohl einem diffusen, persönlichen Hass auf den Akademie-Professor Rainer geschuldet war. Rechte waren mit der Übernahme aktionistischer Strategien bis zu einem gewissen Punkt erfolgreich, sind aber letztlich gescheitert. Die Erfolge sind eher theoretischer Natur. Es ist ihnen durch Umwortungen und Verdrehungen gelungen, manche Intellektuelle gehörig zu verwirren. Götz Aly beispielsweise glaubt heute, auch die 1968er Spontis seien Rechtsautoritäre gewesen oder gar Nazis. Dass das Ringen um eine befreitere Gesellschaft sich zuweilen in seinem Mitteln vergreift, diskreditiert die Mittel, aber nicht das Ziel, das mit einer autoritären Unterjochung nichts gemein hat.

Genau dafür stehen aber die Identitären. Ihre Versuche aktionistische Konzepte zu imitieren sind furios gescheitert, weil die inneren Widersprüche nie überwunden werden konnten. Dies erklären die Rechten am besten selbst: So empfahl der Historiker Lothar Höbelt vor wenigen Wochen den Identitären rundweg die Auflösung. Ihr „Krach-Schlagen“ würde mehr schaden als nutzen, weil es Ärgernis für Steuerzahler und Autofahrer sei (der rechte Horizont liegt immer knapp unterhalb des Tellerrands), und weil es die „Sache der europäischen Identität diskreditieren und den vernünftigen Rechten schaden“ würde. In Höbelts Unmut zeigt sich ein tiefes Unverständnis gegenüber dem Aktionistischen. In seiner Welt hat man auf den Marschbefehl zu warten. Alles, was sich außerhalb klarer Hierarchien bewegt, ist verdächtig und einer autoritären Ordnung abträglich. Jedes rechte Spontitum muss an diesem Widerspruch zerplatzen. Die Imaginationsmacht im Kunstwerk und das Ringen um Definitionsmacht in autoritärer Politik könnten verschiedener nicht sein. Will erstere „Sichtweisen aufbrechen“ und neue „Interpretationen suchen“, oder wie immer dies in den Ausstellungskatalogen ausgedrückt wird, dann will letztere die immergleiche Sichtweise festschreiben. In dieser diametralen Ausrichtung zeigt sich die Unvereinbarkeit von Kunst und rechtsautoritärer Politik. Folglich bekämpfen rechte Demagog*innen meist die Kunst an sich.

Frank Jödicke ist Autor, freier Journalist und Chefredakteur von skug, dem Onlinemagazin für Musikkultur.