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Solidarität verändert oder sie ist keine
Die Geschichte der Frauen*emanzipation steht beispielhaft dafür

Friederike Habermann

Was bedeutet Solidarität aus emanzipatorischer Perspektive? „Freiheit, Gleichheit, Solidarität“ – so wird der Ruf in der Französischen Revolution nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ heute oft verwendet. Doch dass Frauen davon zunächst ausgeschlossen waren, war weder Nachlässigkeit noch mittelalterlichen Einstellungen geschuldet. Sondern liegt im Herzen des Problems.

Solidarität finden alle gut – auch Rechte. Untereinander. Gegen andere. Allerdings: „Die Reihen fest geschlossen” ist auch ein linkes, zutiefst gewerkschaftliches Ideal. Und in der Praxis galt Arbeitersolidarität häufig nur unter normalarbeitszeitarbeitenden Kollegen. Nicht mit teilzeitbeschäftigten und/oder unterentlohnten Frauen. Nicht mit Hausfrauen. Nicht mit Migrant* innen. Nicht mit prekär Beschäftigen – auch nicht mit Künstler*innen etc.

An der französischen Revolution lässt sich das Grundproblem gut darlegen. Im Zuge der Aufklärung wurde das Erklärungsmodell der göttlichen Ordnung obsolet. Hatte bis in das 18. Jahrhundert hinein die Vorstellung existiert, Weiblichkeit sei eine graduelle Abweichung von einem männlichen Grundund Idealtypus (die Vagina galt als noch innen liegender Penis, die Gebärmutter als Hodensack etc.), verschoben sich Begründungen für Herrschaftsverhältnisse von den sozialen Rollen hin zur Natur (vgl. Laqueur 1990). Und zwar für patriarchale sowie für koloniale: Zunehmend wurden biologische Unterschiede sowohl zwischen männlichen und weiblichen als auch zwischen weißen und schwarzen Körpern mit damit angeblich verbundenen charakterlichen Eigenschaften in einer Vielzahl wissenschaftlicher Kontexte konstruiert (vgl. Jordan 1968). Rassismus im modernen Sinne entstand erst in dieser Zeit. Das Ergebnis war, dass Frauen bzw. Schwarze von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen blieben, während weiße, bürgerliche Männer als rationale Subjekte konstruiert wurden. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Glauben, die Französische Revolution sei ein Fortschritt hin zur allgemeinen Emanzipation gewesen, wurden Frauen formal entrechtet. Und während die sich in den französischen Kolonien befreit habenden Sklav*innen in der Nationalversammlung vertreten waren, wurden sie durch die Biologisierung in den jungen Republiken nun zu natürlichen Sklav*innen erklärt.

Die sich verdichtenden Diskurse über Frauen und people of colour als im biologisierten Sinn verstandene Andere sind dabei nicht Resultate bewusster Überlegungen, sondern sie wurden im Diskurs und damit im Alltagsverstand hegemonial, weil sie bestimmten sich entwickelnden Interessen entsprachen. Nicht zu vernachlässigen dabei: Strukturell nahegelegt wurde dies durch die Struktur des expandierenden Kapitalismus. Doch aufrechterhalten wurde es, weil Kapitalismus, Sexismus und Rassismus privilegierten Menschen zum Vorteil diente. Menschen, die sich gleichzeitig von dem Ruf nach „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ motiviert fühlten.

Was hier beispielhaft an Frauen bzw. Schwarzen ausgeführt wurde: Solange Solidarität auf eine bestimmte Gruppe von Menschen beschränkt bleibt, formt sich hieraus die Identität der Eingeschlossenen. Das Verfolgen von Gruppeninteressen, solange es sich nicht um eine (immer noch) unterdrückte Gruppe handelt, führt zu einer Hegemonie, wenn nicht gar Herrschaft dieser Gruppe. Mit anderen Worten: Selbst im Fall einer unterdrückten Gruppe, die nach Emanzipation strebt, wie im bürgerlichen Kampf gegen die Herrschaft des Adels, müssen diese Identitätsschließungen überwunden werden, um zu einer wirklich emanzipatorischen Gesellschaft zu gelangen.

Die Geschichte der Frauenbewegung hat genau dies durchlebt: Wurde zunächst die Entnennung der Frauen in dem Wort homme thematisiert, kam es daraufhin im Differenzfeminismus zu einer Umkehrung der Wertigkeit, in dem Frauen als die besseren Menschen (da friedfertiger, emotionaler etc.) galten. Dies ging einher mit einer Essentialisierung des Weiblichen, indem die als weiblich geltenden Eigenschaften als gemeinsame Basis der sisterhood genommen wurden. Abweichler* innen von diesem Bild wurden heftig kritisiert. Doch dauerte es nicht lange, bis durch Kritik von den Rändern der Frauenbewegung her klar wurde, dass dieses Verständnis von „Frau“ auf den Erfahrungen weißer heterosexueller Mittelstandsfrauen beruhte und Schwarze, Lesben und Arbeiterinnen ausschloss. Die Schwarze Bewegung wiederum musste damit umgehen, dass „Schwarz“ als politisierter Begriff zwar von Menschen mit asiatischem oder indigenem Hintergrund übernommen wurde, dies aber gleichzeitig zu Entnennungen führte – diese Diskussion wird aktuell noch stark geführt. Auch hieraus, vor allem aber aus der Konfrontation der Lesben- und Schwulenbewegung mit, unter anderen, Bi- und Transsexuellen entwickelte sich die Queer-Bewegung. Diese schließt die Vielfalt von Identitäten ein, welche sich in der immer weiteren Ausdifferenzierung ergeben, so dass sich der Begriff queer nahezu als Bedeutungsträger auflöst. Ziel ist eine neue Form von Emanzipationsbewegung ohne Ausschlüsse.

Allerdings wird häufig nicht bewusst ausgeschlossen, sondern einfach nicht mitgedacht. Solidarität muss sich stets auf der Suche befinden nach bislang nicht Sichtbarem, was sich in der vorangegangenen Ordnung nicht verstehen ließ, um diese endgültig zerrütten zu können (Derrida 1972: 89). Es müssen Prozesse des Zuhörens gefunden werden, welche, mit Gayatri C. Spivak gesprochen, das „Verlernen von Privilegien“ bedeuten, und zwar in dem Sinne, die eigenen Privilegien als Verlust zu begreifen – mann muss kein Softi sein, um heutzutage erkennen zu können, dass die Frauenbewegung auch für Männer Befreiung gebracht hat.

Herr und Knecht, Macho und sein weibliches Gegenstück haben nur noch als Spiel von Gender und/oder BDSM ihre Existenzberechtigung; als ungebrochene Identitäten können sie keine Emanzipation erreichen. Solidarität bedeutet damit, zur Transformation der eigenen Identität bereit zu sein. Dies kann nur auf einem langen und wahrhaft solidarischen Weg erreicht werden.

Friederike Habermann ist Historikerin und Ökonomin und findet Solidarität eine prima Alternative.

Literatur

Jacques Derrida: Die différance, in: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart, hrsg. v. Peter Engelmann, Stuttgart 2005, S. 76–113.

Friederike Habermann: Der homo oeconomicus und das Andere. Hegemonie, Identität und Emanzipation, Baden-Baden 2008.

Winthrop D. Jordan: White Over Black. American Attitudes Toward the Negro 1550–1812, North Carolina 1968.

Thomas Laqueur: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt a.M. / New York 1992.