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Vorwärts und fast vergessen.

Editorial

„Die Brücke, die von der postmodernen Situation zur Solidarität führt“, schrieb der Soziologe Zygmunt Bauman in Moderne und Ambivalenz (1995), „ist nicht aus Notwendigkeiten erbaut. Es ist nicht einmal sicher, ob es überhaupt eine solche Brücke gibt.“ Die postmoderne Situation ist die, in der sich die Spaltung zwischen Armen und Reichen permanent vertieft, in der aber zugleich das Bauen von Brücken zwischen ihnen – etwa in Form institutionell geregelter Umverteilung – als totalitäre Sozialtechnologie der Moderne gebrandmarkt wird. Solidarität ist nurmehr eine Chance, eine Hoffnung, keine allgemein anerkannte politische Aufgabe und keine moralische Pflicht mehr. Ihr Eintreten, ihre Praxis ist alles andere als selbstverständlich.

Solidarität ist ein schillernder Begriff. Sie kann individuelles Verhalten ebenso beschreiben wie massenhafte Aktion, sie kann spontane Praxis genauso meinen wie einen dauerhaften sozialen Zusammenhalt. Sie wird als anthropologische Konstante, als etwas allen Angeborenes ebenso begriffen wie als Kampfbegriff, dessen Umsetzung in der Wirklichkeit stets angemahnt und eingefordert werden muss. Solidarität kann staatliche Umverteilungsmaßnahmen beschreiben, sie kann aber auch alltägliche, von Mitgefühl und Empathie getragene Handlungen ohne jeden institutionellen Rahmen meinen.

Für emanzipatorische Veränderungen von Gesellschaft jedenfalls ist sie unabdinglich: eine Haltung, in der „gegenseitige Hilfe“ (Kropotkin) kollektiv und uneigennützig praktiziert wird. Daher widmen wir auch diese Ausgabe des Bildpunkt dieser Haltung, die einst fest ins linke Fortschrittsnarrativ eingewoben war („Vorwärts und nicht vergessen …“) und heute (manchmal) fast vergessen scheint.

Solidarität ist auch eine stets umkämpfe Praxis. Auf die Hochphasen „internationaler Solidarität“ folgten immer wieder auch politische Ernüchterungen und konzeptuelle Zweifel, etwa an den paternalistischen Schlagseiten solidarischer Praktiken. Wenn gegenwärtig in symbolischen Bezugnahmen – nicht zuletzt im Kunstfeld – häufig mehr Ausbeutung als Parteinahme gesehen und sie als kulturelle Aneignung kritisiert werden, stehen auch die Bedingungen der Möglichkeiten von Solidarität in Frage. Aber das sind sicher nicht die wichtigsten Kampfplätze, auf denen Solidarität verteidigt werden muss.

Zu einer ungleich stärkeren Delegitimierung solidarischer Impulse ebenso wie rechtlicher Absicherung von Solidarität hat zweifelsohne die Etablierung neoliberaler Wirtschafts- und Sozialordnungen in den letzten Jahrzehnten geführt. Die gegenwärtige Kriminalisierung solidarischer Praktiken wie der Seenotrettung von Flüchtlingen und des Kirchenasyls setzt diese Delegitimierung fort.

Sein letztes Buch, Retrotopia, das im Jahr seines Todes 2017 erschien, lässt Zygmunt Bauman mit einem dramatischen Appell für die „humane Integration“ enden, das auch als Aufruf zu Solidarität angesichts krasser sozialer Ungleichheit verstanden werden muss: „Entweder wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander die Gräber.“

Jens Kastner, koordinierender Redakteur