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Sicher ist nur, dass wir Sorge brauchen

Michael Grieder

Je unsicherer die Gesamtsituation, desto unheimlicher erscheint die Sicherheit. Zumeist zeigt sie sich als ein Alibi, etwas noch schlimmer zu machen, was anderweitig bereits vermasselt wurde. So dürfte sich die Sache darstellen, wenn von den gesellschaftlichen Rändern auf die Apparate, Politiken und Diskurse geschaut wird, die unter diesem Namen fungieren. Wenn die Positionierung an den Rändern, die bell hooks beschreibt, als einzig sinnvolles Milieu, als eigentliche Mitte begriffen wird, dreht sich die Sichtweise nochmals ein wenig und zeigt nun sehr deutlich, was den konstitutiven Kern des Problems ausmacht: Die Sorgen, die im liberalen Rechtsstaat nach Sicherheit rufen, haben in der Wirklichkeit herzlich wenig mit Sorge zu tun.

Sicher ist nur die Sterblichkeit, so eine populare Weisheit, und falsch ist das nicht gänzlich. Weder im Politischen noch in anderen Beziehungen ist Sicherheit als absoluter Zustand denkbar. Fragen wir aber aus der Mitte des Lebens nach einem gewaltfreien Miteinander im Durcheinander, so ist das immer eine relationale Bemühung, ein Sorgen, das nicht eben „sicher“, aber unbedingt notwendig ist. Hinweise gibt das lateinische Wort securitas, die Sicherheit, die eine Abwesenheit von Sorge bezeichnet. „Sicher“ war beispielsweise der Despot Pygmalion, „securus amorum germanae“, d.h. frei von Sorge um die Liebe seiner Schwester Dido, wie Vergil die Ursache ihres Exodus von Tyros nach Karthago beschreibt. Das Gegenstück zu dieser brutalen Sorglosigkeit ist die cura, die Sorge, die er gewissermaßen vergeschlechtlicht: Er kennt diese einerseits als Tugend von Heroen und Regenten, andererseits als unglückliche Liebe einer Königin und als gespenstische Figuren rächender Sorge in der Unterwelt. Gegen die Intentionen dieser römischen Odyssee gelesen, lassen sich also politische und affektive Aspekte der Sorge feststellen – und ihr minoritäres Vermögen der Subversion.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, darüber nachzudenken, was folglich „Unsicherheit“ bedeuten müsste. Meint Sicherheit die Abwesenheit der Sorge, so meint die Unsicherheit (oder engl. „insecurity“) eine Abwesenheit der Abwesenheit der Sorge. Das kann Unterschiedliches bezeichnen und lässt sich am besten mit Begriffen von Isabell Lorey aufschlüsseln: Unsicherheit ist auch in der Umgangssprache ein Gegenstück zur „Souveränität“, was im Politischen Konsequenzen hat. So ist es auf der einen Seite die neoliberale Prekarisierung, die als Subjektivierungsweise gerade den Ruf nach „Sicherheit“ produziert. Andererseits ist es die grundsätzliche Unsicherheit jeglichen Lebens, die Prekarität mit einem Perspektivenwechsel als Aktivismus der Sorge begreifen lässt, der die Illusionen der Sicherheitspolitik oder der Souveränität offenzulegen vermag, subvertiert und bekämpft. Wenn also die Sicherheit gewissermaßen Schmerz transportiert, wäre in der Unsicherheit dessen Kur angelegt.

Sicherheitspolitik kann folglich als eine Art doppeldeutiger Entsorgung des Sozialen begriffen werden. Individualisierung, Isolation und das Verschwinden offener Räume und Milieus im Zuge dieser „Sekurisierung“ begünstigen, was die Aktivistinnen mit dem Namen Precarias a la Deriva als „stillschweigende( n) Einzug einer neuen Armut in das Herz der postindustriellen Metropolen“ beschreiben (2014). Es sind polizeiliche und biopolitische Strategien, Maßnahmen und Kataloge, die auf staatlicher und intimer Ebene einen Mythos der Unabhängigkeit reproduzieren, der in Beziehungen wie auch in der Politik vielmehr Gewalt und Ängste schafft und zementiert, dies der Modus einer toxischen Maskulinität auf erweiterter Stufe.

Die Precarias, die in ihren Aktionen des fragenden Umherschweifens stattdessen die Milieus der Sorgearbeit durchqueren und ihnen durch diese Bewegung Sichtbarkeit verschaffen (womit sie auch die Isolation der Sorgearbeiterinnen durchbrechen), sind in einem Punkt unmissverständlich: Sorge ist als Zentrum zu verstehen, als „Motor der sozialen Entwicklung“, aus dem einfachen Grund, dass ohne sie kein Leben vorstellbar wäre (2017). Es ist ein großes, aber auch ein sehr ästhetisches Paradox, aus dieser Manifestation heraus nach einem Sorgestreik zu fragen oder mit Mariarosa Dalla Costa, einer unumgänglichen Autorin in dieser Frage: nach der Möglichkeit einer „Verweigerung der Arbeit“ dieser Arbeit, die nicht unterbrochen werden kann. Es gilt, was die Precarias über den Streik sagen, nämlich dessen Bedeutung als „Provokation der Vorstellungskraft“ (2005a). Und dies ergänzend: es sind alle Sinne und affektive Vermögen, die provoziert werden durch die Frage nach einem Bestreiken der Sorge, das zuletzt nur in einem Widerstand in der und durch die Sorge bestehen kann. Die Frage nach der Sicherheit, die nach der Abwesenheit von Sorge fragt, muss unweigerlich aus der Sorge selbst kommen. Wo sonst könnte ihr geholfen werden?

Die Praxis der Precarias hat bereits das Entscheidende für sich: das Fragende und die situierte Dérive. Aus diesem Vorgehen ergeben sich für die Aktivistinnen vier Schlüsselelemente einer möglichen Definition der Sorge. Das sind die Alltäglichkeit, die Interdependenz, die Transversalität und die affektive Virtuosität (2005b). Anhand dieser Stichworte lassen sich einige Ideen im Gefüge von Kunst und Sorge entwickeln.

1. Die Alltäglichkeit der Sorge bedeutet unweigerlich eine Erweiterung des Bewusstseins hinsichtlich derjenigen Tätigkeiten, die Subsistenz ermöglichen. Soziale Gerechtigkeit muss mit den Situationen gedacht werden, „in denen sie Tag für Tag hergestellt wird“. Beispielhaft und von unverminderter Gültigkeit stehen dafür die Aktionen der Maintenance-Art von Mierle Laderman Ukeles der 1970er Jahren. Mit einer aufrüttelnden Radikalität, der es auch an subversivem Humor nicht mangelt, gelingt es ihrer performativen Konzeptkunst, Sorgearbeit zur Kunst zu machen. Die Künstlerin, eingeladen um künstlerisch irgendeinen symbolischen oder ökonomischen Mehrwert zu produzieren, putzt stattdessen die Galerien: Was sonst als Störung des Betriebs verstanden würde und folglich so unsichtbar wie nur möglich zu geschehen hätte, stört nun tatsächlich die Ordnung der Dinge. Die alltägliche Sorge lacht über eine Metaphysik der Kunst, wie einst eine schlaue Thrakerin über Thales lachte, als dieser mit Blick zu den Sternen in einen Brunnen fiel.

2. Ladermans physischer Akt des Handreichens an über achttausend Angestellte der New Yorker Müllabfuhr in ihrer einjährigen Performance Touch Sanitation, verbunden mit dem Dank der Künstlerin, dass durch diese Arbeit die Stadt am Leben erhalten wird, ist ein Monument der Interdependenz der Sorge. Das Zusammenhängen von Künsten und Entsorgung lassen die soziale Kooperation in den Worten der Precarias als ein unerlässliches Werkzeug begreifen, um den Planeten genießen können. Diese Verbundenheit ist zudem ein ästhetisches Erfinden, ermöglicht durch eine die Sichtweise verändernde Dérive, eine Destabilisierung starrer Positionen.

3. Das betrifft auch die Transversalität der Sorge. Das andere Durchqueren von räumlichen und zeitlichen Umgebungen stellt sich dringlicher als ästhetisch-künstlerische Frage jeglicher sozialen Räume denn bloß als Frage künstlerischer Institutionen. Von dieser Seite her gälte es ohnehin, die mentalen und anderen Zäune (d.h. gewisse „Sicherheiten“) niederzureißen, die sie begrenzen. Und es gälte dafür in ein Instituieren auf dem Schwellenraum einzutreten, das räumliche und zeitliche Gegenwarten auszudehnen vermag, wie es Francesco Salvini von der psychiatrischen Sorge in Triest beschreibt. Doch auch anderswo müssen Zäune abgebaut werden, und es ist keine wilde Vermutung, dass es abermals die Sorge wäre, die dies prozessieren könnte.

4. Die affektive Virtuosität bedeutet eine proaktive Affirmation der anderen drei Elemente, betont aber darüber hinaus das poetische Vermögen. Zelebriert wird dieses von den zeitgenössischen feministischen Kunstschaffenden Caroline Ann Baur und Vanessà Heer in unterschiedlichen Zusammenhängen, Kollaborationen, Räumen und Zeitlichkeiten. Rauminstallationen und Soundperformances schaffen hier Schwellenräume in unterschiedlichen Formaten, die eigentliche Materie dieser Arbeiten ist aber die Herstellung von Relationen der Sorge, die sicht- und hörbar virtuose, mikropolitische Affizierungen produzieren. So die Snail Music (Performance in der Zürcher Raum*Station gemeinsam mit Alper Yagcioglu, 2019), die Luce Irigarays Konzept des Schleims mit dem Deep Listening von Pauline Oliveros verbinden. Über Monate gemeinsam erarbeitete Scores entfliehen darin der Sicherheit von Partituren, der Schnecken-Sound kriecht durch den Raum, umarmt die Umgebung und lässt diese selbst erklingen. Alltäglichkeit, Interdependenz und eine behutsame Transversalität schaffen so gewissermaßen höchst „unsichere“ Räume, das sind Räume des Zuhörens, des Fühlens und der Sorge.

Michael Grieder studiert an der Zürcher Hochschule der Künste und schreibt da eine Diplomarbeit zu minoritären Theorien um das „Milieu der Sorge“.

Literatur

bell hooks: Sehnsucht und Widerstand. Kultur, Ethnie, Geschlecht. Berlin 1996: Orlanda Frauenverlag.

Isabell Lorey: Die Regierung der Prekären, Wien 2012: Turia & Kant (vgl. auch das Vorwort von Judith Butler ebd.).

Mariarosa Dalla Costa & Selma James: Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft, Berlin 1973: Merve.

Precarias a la Deriva: Provokation der Vorstellungskraft (Interview). In: Arranca N°31: Age of Precarius. Prekär und permanent aktiv. 2005 (a)
Ein sehr vorsichtiger Streik um sehr viel Fürsorge. Vier Hypothesen. eipcp 02/2005 (b),
Was ist dein Streik? Militante Streifzüge durch die Kreisläufe der Prekarität. Wien 2014: transversal texts.
Globalisierte Sorge. In: Tobias Bärtsch et al. [Hg.]: Ökologien der Sorge. Wien 2017: transversal texts.

Francesco Salvini: Caring Ecologies (3 Teile), Transversal Blog 2019,

Vergil: Aeneis. München 1988: Artemis.