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Tropfen auf den heißen Stein
Die Studie zur sozialen Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler_innen

Jannik Franzen

Die Hälfte der Kunstschaffenden verdient mit der Kunst unter 5.000 € netto im Jahr, bildende Künstler_innen erzielen zur Hälfte unter 3.500 €. Mehr als ein Drittel der Befragten ist armutsgefährdet, bei den bildenden Künstler_innen sind es sogar 47%. Weniger als 60% waren in den vergangenen zehn Jahren durchgehend sozialversichert. Bei der Pensionsversicherung treten die meisten Lücken auf. Die Hälfte der Künstler_innen beschreibt ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität als niedrig.

Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt die Studie zur sozialen Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler_ innen in Österreich 2018. Die Erhebung im Auftrag des Bundeskanzleramts ist ein Update zur Befragung von Künstler_innen 2008. Neu hinzugekommen ist die Gruppe der Kunst- und Kulturvermittler_ innen. 1.757 Fragebögen wurden ausgewertet, ergänzt durch Literaturanalyse und Expert_innen-Gespräche.

Arbeitssituation, Einkommenssituation, Gender Pay Gap

Die 2008 konstatierte Unregelmäßigkeit und Unplanbarkeit der Arbeitszeit von Künstler_innen hat sich kaum verändert. Die meisten Kunstschaffenden sind auf Einkommen aus mehrfachen Tätigkeiten angewiesen: 70% sind zusätzlich zur künstlerischen Arbeit in kunstnahen (57%) und/oder kunstfernen Feldern (30%) tätig. Künstler_innen, die selbstständige und unselbstständige Beschäftigungen kombinieren, arbeiten durchschnittlich 51 Stunden pro Woche. Das Einkommen der meisten Kunstschaffenden ist gering und hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Das mittlere Jahres-Nettoeinkommen liegt zwischen 11.000 € bei bildenden Künstler_innen und gut 17.700 € bei Kunst- und Kulturvermittler_innen. Gut ein Drittel der Befragten ist armutsgefährdet – mehr als doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung (14%) und über viermal so viele wie unter allen erwerbstätigen Personen (8%).

Der Gender Pay Gap in Österreich ist im EU-Vergleich überdurchschnittlich groß. Im Kunstbereich hat sich die Einkommensdifferenz seit 2008 von 35% auf 25% verringert. Künstlerinnen* verdienen immer noch ein Viertel weniger als Künstler, obwohl sie (wie schon 2008) in höherem Maß über Ausbildungen verfügen und sich stärker in Weiterbildung und Vernetzung engagieren. Nach wie vor fassen Frauen* aufgrund direkter und indirekter Benachteiligung seltener im Kunstbereich Fuß. Unter den bildenden Künstler_innen schätzen sich nur 3,5% der Frauen* als gut etabliert ein.

Und die Arbeitsbedingungen im Feld der Vermittlung? Die sind bisher nicht umfassend geregelt. Seit 2018 gibt es Honorarsatzempfehlungen für Museumsmitarbeiter_innen, jedoch keinen Kollektivvertrag. Kunst- und Kulturvermittler_innen sind im Unterschied zu Künster_innen häufig unselbstständig und längerfristig beschäftigt, meist in Teilzeitanstellungen. In der Vermittlung sind rund 69% Frauen* tätig. Sie verdienen durchschnittlich 9% weniger als ihre männlichen Kollegen.

Statistisch nicht relevant? Geschlechter- und Beziehungsdiversität

Erfreulicherweise bot der Fragebogen die Option „inter/divers“ neben „männlich“ und „weiblich“. Die Auswertung schließt jedoch Personen, die sich „inter/divers“ identifizieren, an allen Stellen wieder aus, wo Daten nach Geschlecht aufgeschlüsselt werden. Die Gruppe sei zu gering vertreten, um Ergebnisse auszuweisen, erklärt eine lapidare Fußnote – ein Mangel der quantitativen Datenerhebung. [1] So bleibt für inter* und nicht-binäre Personen der schale Beigeschmack, zwar nach ihrer Selbstdefinition gefragt, aber daraufhin erneut unsichtbar gemacht worden zu sein. Laut Studie besteht Handlungsbedarf bei der Förderung von Diversität und Gleichstellungsmaßnahmen. Bei weiteren Analysen muss Diversität mittels zusätzlicher qualitativer Daten abgebildet werden, um Ausschlüsse zu reduzieren.

Auch ein breiteres Spektrum an Lebensformen als „Single“ oder „Ehe/(eingetragene) Partnerschaft“ hätte Lebensrealitäten besser abgebildet. Die Studie belegt, dass Kunstschaffende und Vermittler_innen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung seltener Eltern sind, insbesondere wenn sie Frauen* sind: Nur 24% der befragten Künstlerinnen* und Kunst- und Kulturvermittlerinnen* haben Kinder, im Vergleich zu 59% der weiblichen* 25–44- Jährigen insgesamt.

Aufenthaltsrechte und andere Mobilitätsbarrieren

Künstler_innen sind sehr mobil, und Auslandsaufenthalte fördern die Etablierung im Kunstfeld, so die Studie. Wenig etablierte Kunstschaffende können sich jedoch Auslandsaufenthalte oft nicht leisten. Auch unselbstständige Brotjobs schränken die Reisemöglichkeiten ein. Aber in welchem Ausmaß behindern unzugängliche Arbeitsräume Mobilität? Was ist mit barrierefreien Artist- in-Residence-Programmen? Droht Verlust der Pension, wenn die Kunst Geld einbringt? An keiner Stelle fragt die Studie nach Arbeits- und sozialen Situationen von Künstler_innen und Kunst- und Kulturvermittler_innen mit Behinderungen.

Aufenthaltsrechtliche Themen kommen nur kurz zur Sprache. Von den Befragten ohne EU-Pass sieht sich jede_r Vierte durch Beschränkungen des Zugangs zum Arbeitsmarkt in Österreich belastet, fast jede_r Dritte durch Unsicherheit des Aufenthaltsstatus. Der Kulturrat Österreich fordert „dringende Verbesserungen in der Visavergabe und -politik sowie im Aufenthalts-, Beschäftigungsund Einbürgerungsrecht…, um zu verhindern, dass Bürokratie und institutioneller Rassismus über die Teilnahme von KünstlerInnen am kulturellen Leben und Austausch entscheiden, und um die Verpflichtungen aus der UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu erfüllen.“

Unverändert prekär

Fast ein Drittel der Befragten war in den vergangenen zehn Jahren nicht durchgängig pensionsversichert. Die soziale Absicherung bei Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit oder Unfall gehört zu den am häufigsten genannten Belastungsfaktoren. Auch der Zugang zur Arbeitslosenversicherung ist schwierig: Lediglich ein Viertel aller Befragten war in den vergangenen zehn Jahren durchgehend über unselbstständige Beschäftigungen pflichtversichert. Das Grundproblem der sozialen Absicherung von Kunstschaffenden ist nach wie vor mangelnde Vereinbarkeit von selbstständigen und unselbstständigen Tätigkeiten, so das Fazit. Das Konstarukt der „normalen“ Erwerbsbiografie geht an der Arbeitsrealität von Künstler_innen vorbei. Es schließt immer mehr Menschen mit prekären, mehrfachen und wechselnden Beschäftigungen aus.

Seit 2008 hat sich die soziale Situation von Kunstschaffenden nicht nennenswert verbessert, obwohl eine Reihe von Maßnahmen getroffen wurde: vom Ausbau staatlicher Förderungen bis zur Erleichterung des Zugangs zum Künstler_innen-Sozialversicherungsfonds. Sie schaffen zwar punktuelle Entlastung, doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen.

„Es ist an der Zeit, die Arbeit aufzunehmen …“ [2]

Kulturminister Gernot Blümel (Liste Kurz/ÖVP) will die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Förderwesen ausbauen und steuerliche Anreize für privates Engagement im Kunstund Kulturbereich schaffen. Sein Amtsvorgänger Thomas Drozda (SPÖ) betont die Vielschichtigkeit der Probleme im Bereich der Existenzsicherung und sozialen Absicherung. Er fordert den Nationalrat per Entschließungsantrag auf, wieder Interministerielle Arbeitsgruppen einzurichten und Kunstschaffende, Expert_innen und Sozialpartner_innen einzubinden. Laut Studie wird die Diskussion der sozialen und ökonomischen Situation von Kunstschaffenden und der rechtlichen Rahmenbedingungen vor allem von den Interessenvertretungen vorangetrieben. Deren Einbeziehung in die Erarbeitung von Lösungen ist notwendig.

Jannik Franzen ist Künstler_ und Psychologe_, lebt in Wien und ist interimsmäßig kunstpolitische_r Sprecher_ der IG Bildende Kunst.

[1] Seit fünf Jahren arbeitet VIMÖ, der Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich, für die Rechte und die Sichtbarkeit von Inter*Personen und feierte im Februar Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

[2] Offener Brief des Kulturrats an Bundesminister Blümel, 12. 9. 2018.

Studie zur sozialen Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler*innen in Österreich (2018)