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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Mit Sicherheit und Freiheit.

Editorial

Sicherlich, Michel Foucault spricht irgendwo davon, dass es der Wunschtraum aller polizeilichen Disziplinierung sei, aus der Stadt so etwas wie ein Kloster zu machen. Übersichtlichkeit, geregelte Abläufe, Ordnung, auch Zellen. Und dann sieht man die Überwachungskameras im öffentlichen Raum, der ohnehin immer weniger wird, weil die Privatisierungstendenzen partout nicht abflauen wollen, liest von Staatsausgaben für Polizeipferde, von „Sicherheitshaft“ und denkt, ja, genau: Das Sicherheitsdispositiv.

Aber leider ist es nicht so einfach. Das Entscheidende an der Sicherheit als Regierungstechnik, so wie Foucault sie uns verständlich zu machen versucht hat, ist etwas anderes als das Disziplinierende und die Einhegung. Entscheidend sind die Steuerungen, die sich auf die verkörperte Freiheit jeder und jedes einzelnen stützten. Frei von jeder Ideologie, frei von staatlicher Lenkung, frei Schnauze. Freiheit und Sicherheit sind nach Foucault nicht die Gegensätze, als die sie das Feuilleton seit Jahren behandelt, sondern zwei Seiten einer Medaille – oder eben Aspekte eines Dispositivs. Freiheit ist „nur das Korrelat der Einsetzung von Sicherheitsdispositiven“ heißt es in den Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität.

Für das Kunstfeld bedeutet das mindestens zweierlei. Einerseits sind wir Angehörige des künstlerischen Feldes selbstverständlich ganz vorne mit dabei, wenn es um die Verkörperung von Freiheit geht – zumindest hinsichtlich des kollektiven Selbstbildes und des dominanten sozialen Imperativs. Arbeitszeiten, Begehren, kreativer Output, das regeln wir alles flexibler und mobiler als der gemeine Büro- und Fabrikmensch. Insofern wären wir geradezu vorbildliche Agent*innen des Sicherheitsdispositivs, weil wir zur Steuerung durch Freiheit entscheidend beitragen.

Andererseits: Weil wir diese Freiheit so hochhalten und bei aller Kritik an prekären Verhältnissen auch wertschätzen, ist uns – vor nun schon zwanzig Jahren – vorgeworfen worden, die soziale Sicherheit aus den Augen verloren zu haben. Unsere „Künstlerkritik“ an den starren sozialen Verhältnissen habe, so Luc Boltanski und Éve Chiapello damals, die flexible Welt des Neoliberalismus erst richtig auf Tour gebracht. Die ganze Kunstproduktion steht hier gegen eine positiv konnotierte Sicherheit (geregelte Arbeitsverhältnisse, soziale Aufstiegsmöglichkeiten, formale Chancengleichheit).

Agent*innen oder Gegner*innen des Sicherheitsdispositivs? Die Frage stellt sich vielleicht noch einmal neu, wenn nun private Sicherheitsdienste vor Galerien auftauchen und ein Sicherheitsdienst im Kulturbereich mitmischt, der auch das staatliche Einpferchen von Asylbewerber*innen organisiert. Der Bildpunkt umkreist das Thema, um auf Nummer sicher zu gehen, wie immer an den Schnittstellen von Kunstproduktion, Sozialtheorie und emanzipatorischem Aktivismus.

P.S.: Der Bildpunkt ist Gründungsmitglied von BAM! Bündnis Alternativer Medien.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur