IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Hegemonie und Algorithmus

Editorial

Vielleicht ist es die Hegemonie, vielleicht auch nur der Algorithmus. Schockierend auf jeden Fall: Gibt man bei Google „alternative Medien“ ein, erscheint eine Liste von Zeitschriften, Blogs und Texten, deren Verständnis von „alternativ“ nur die Alternative von kaltem Grausen und Hitzewallungen vor Wut aufkommen lässt. Es sind Medien, die sich an den „alternativen Fakten“ der Trump-Administration orientieren, also an Lügen und Unterstellungen. Die „alternativen Medien“ in der derzeitigen Suchmaschinenrealität sind allesamt politisch ultrakonservativ bis rechtsnationalistisch und protofaschistisch. Es ist die Internetgemeinde der AfD und der FPÖ. Beide Parteien verstehen sich auch ganz explizit als Alternative zum politischen Establishment, auch wenn zumindest die FPÖ seit Jahrzehnten selbst dazu gehört und in den letzten eineinhalb Jahren die Regierungsagenda in Österreich dominiert hat. Der Schock, das Grausen, die Hitzewallung kommen auf, weil „alternative Medien“ mal etwas ganz anderes waren: In den Ausläufern der Protestbewegungen von 1968 entstanden, von Parteien und bestehenden Institutionen unabhängig, gab es eine Alternativpresse, die sich die Verbreitung sozialistischer, libertärer, feministischer und ökologischer Inhalte auf die Druckfahnen geschrieben hatte. Das Ziel der Alternativpresse ist „ein ‚authentischer Journalismus‘“, heißt es in einem Buch zu neuen sozialen Bewegungen aus den 1980er Jahren, „die Bestimmung der Medieninhalte durch die Interessen und Bedürfnisse der Betroffenen – sei es als Sprachrohr der Scene, sei es als Sprachrohr der sich verbreitenden Basisbewegung von Stadtteil-, von Umwelt-, von Verkehrs- und Anti-AKWInitiativen, von den Projekten der Frauen- und der Alternativbewegung“ (Brand/ Büsser/ Rucht: Aufbruch in eine andere Gesellschaft. Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik. Frankfurt a.M./ New York 1986, S. 170). Oft wurden die Zeitschriften schnell wieder eingestellt, manchmal verwissenschaftlichten oder professionalisierten sie sich in anderer Hinsicht, und nicht selten glichen sie sich über die Jahre dem Mainstream an. Manchmal etablierten sich aber auch Langzeitprojekte, ohne den Impetus der ursprünglichen Motivation abzustreifen. Getragen von stets prekären Finanzierungsmodellen und meist ungeheuerlichem individuellen Engagement, recherchieren, interpretieren und berichten sie nach wie vor unabhängig und links. Die 50. Ausgabe des Bildpunkt ist uns Anlass, die Geschichte und Gegenwart der alternativen Medien zu reflektieren. Seit 2005 erscheint der Bildpunkt in der Regel vier Mal im Jahr zu je einem Schwerpunktthema, dem dann sämtliche Texte und drei künstlerischen Arbeiten (Bildstrecke, Poster, Rückseite) gewidmet sind. Um zu vermeiden, dass immer wieder dieselben Leute schreiben, schreiben die Autor*innen normalerweise – von Redaktion und Glossenschreiber*innen abgesehen – nur einmal. Dadurch haben wir eine personelle Vielfalt geschaffen, die mit Übersetzungen aus dem Spanischen und dem Englischen auch den deutschsprachigen Raum immer wieder verlassen hat. Die verstärkte Suche nach Autor*innen aus weniger repräsentierten Gruppen und die Mischung aus etablierten und neuen Positionen prägen darüber hinaus unser redaktionelles Schaffen. Mit den Texten an der Schnittstelle von Kulturtheorie, emanzipatorischem Politaktivismus und Kunstschaffen verknüpfen wir immer partikulare Selbstvergewisserung und universelles Demokratisierungsanliegen.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur