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Alternative Medien im digitalen Wandel

Die alternative Medienproduktion hat sich mit der technologischen Transformation ebenso gewandelt wie die klassische Variante

Alternative Medienproduktion, Gegenöffentlichkeiten oder Filterbubbles sind nicht alle zwangsläufig Ergebnis technologischer Transformationsprozesse, jedoch ein zunehmend gestaltendes Element demokratischer Prozesse bzw. demokratischen Verständnisses. Wenngleich hier das bisherige demokratische Potential und auch die Notwendigkeit genau dieser Medienform damit nicht abgesprochen werden soll. So kann doch festgestellt werden, dass sich der Einflussbereich alternativer Medienproduktion deutlich ausgeweitet hat. Das betrifft nicht nur die Rezeption der Inhalte und Formate in den klassischen Medien, sondern auch die Zahl der Produzent*innen. Podcasting zum Beispiel ist ein klassisches Tool alternativer Medienproduktion, mittlerweile nutzen zwar auch die Massenmedien dieses Tool intensiv, aber rückblickend betrachtet schließt Podcasting einerseits an die Tradition freier Radios an und andererseits an das in den 2000er Jahren sehr beliebte Blogging. Mittlerweile hat auch diese Form der Medienproduktion sich weiterentwickelt, so gibt es natürlich weiterhin Blogs, aber wie beschrieben auch das entsprechende Hörformat und ebenso das Videoformat, wie kürzlich mit dem Rezo-Video „Zerstörung der CDU” auch weite Teile Deutschlands mitbekommen haben sollten.

Alternative Medien grenzen sich von klassischen Medien nicht nur durch ihr bewegungspolitisches Element ab, auch durch eine alternative Art der Medienproduktion und nicht zuletzt in ihrer Positionierung, klassischen Medien und Inhalten eine Gegenöffentlichkeit entgegen zu setzen. (vgl. Atton 2002) Gerade die Frage nach der Bewegungspolitik stellt sich im Internetzeitalter mit stetig wechselnden Allianzen und Themen neu. Wieviel Bewegung ist für eine Online-Gegenöffentlichkeit notwendig?

Die alternative Art der Medienproduktion, als eine weitere Grundfeste im Verständnis, lässt sich insofern hinterfragen, als das die Tools wie Facbook, Twitter oder Youtube mit den entsprechenden Vertriebswegen häufig nicht nur Teil des kapitalistischen Systems sind, sondern vielmehr auch zu neuen Monopolisierungen führen und zudem aktiv an der Verschiebungen des Verständnisses von Privat und Öffentlich beteiligt sind. (Opsahl 2010) Welche Definition von alternativ können wir zugrunde legen, wenn jeder Post, jedes Foto oder Video zur Kapitalakkumulation der entsprechenden Konzerne beiträgt und zudem noch entsprechende, und der kapitalistischen Logik folgende, Communitystandards erfüllen muss? Wie können feministische Anliegen diese Medien nutzen, wenn sie die Regulierung des weiblichen Körpers verhandeln, das Zeigen ebenjener Körper aber stark reglementiert ist und zensiert wird? Das Zeigen von Menstruationsblut oder von Brüsten während des Stillens als eine Verweigerung von Scham, als ein Bild entgegen den Vorstellungen des weiblichen Körpers, der indes immer dann gezeigt werden kann, wenn er sexualisiert wird, wird bzw. wurde unterbunden. (vgl. AAP 2012; Roose 2016) Erst die Proteste von Feminist*innen und der Sprung heraus aus der vermeintlichen Gegenöffentlichkeit Instagram und Facebook hinein in die massenmediale Berichterstattung ermöglichen das Zeigen. Feministische Anliegen und alternative Medienproduktion sind in dieser Konstellation sowohl auf die Massenmedien, als auch auf die Plattform, die finanzielle Einbußen befürchtet, angewiesen.

Eine Option, zumindest die Bewertung der Inhalte durch kommerzielle Plattformen zu umgehen, wäre eigene, nichtkommerzielle Plattformen zu entwerfen und zu nutzen, so wie Indymedia, um nur eine sehr große zu nennen. Aber auch jedes Blog bzw. Blogkollektiv, welches die Webseite selbstständig hostet, jeder Podcast, der nicht auf Spotify als Vertriebssystem angewiesen ist, zählen dazu. Doch einerseits bleiben die Inhalte, sollen sie jenseits der etablierten Zielgruppe gelesen werden, auf Suchmaschinen wie Google angewiesen und befinden sich damit sofort wieder im kapitalistischen Wettstreit um die beste Platzierung. Und andererseits erfordert diese Art der Medienproduktion nicht nur erweitertes technisches und strukturelles Verständnis (von der Funktionsweise des Netzes und der Vermarktung), sondern ebenfalls finanzielle Ressourcen, mindestens für das Hosting von Webseiten und entsprechenden Speicherplatz für die Inhalte. Während kommerzielle Plattformen nicht nur mit einer potentiell nahezu unendlichen Reichweite werben, sondern auch mit der kostenlosen Nutzung, abgesehen natürlich von den (persönlichen) Daten, deren Wert zurzeit ebenfalls ins Unermessliche zu steigen scheint.

Doch werfen wir den Blick noch einmal auf das bewegungspolitische Element. Auch in diesem Bereich gibt es, wie bereits angedeutet, erhebliche Veränderungen im Zuge der Digitalisierung. Das Internet bietet immer wieder neue Möglichkeiten der Vernetzung und des Austausches, im Zweifel der Bildung einer Bewegung. [1] Doch auch diese Räume der Vernetzung sind oft durch kapitalistische Interessen vermachtet, wenn sie auf den bereits genannten größeren Plattformen stattfinden. Es zeigt sich, dass die geradezu euphorische Hoffnung in den 1990er Jahren, das Internet werde der Treiber von Gegenöffentlichkeit sein sich insofern erfüllt hat, als dass Massenmedien einen sehr relevanten Counterpart im Internet haben, der aber in großen Teilen in der kapitalistischen Logik mehr als verhaftet ist.

Francesca Schmidt ist Referentin für feministische Netzpolitik im Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin und hat netzforma* e.V. Verein für feministische Netzpolitik mitgegründet.

 

Literatur

AAP: Minister urges change to Facebook breastfeeding photo ban. The Sydney Morning Herald: 2012. Abgerufen am 7. 6. 2019 von www.smh.com.au/technology/minister-urges-change-to-facebook-breastfeeding- photo-ban-20120206-1r0el.html.

Chris Atton: Alternative media. Thousand Oaks [Calif.: SAGE]: London, 2002.

Kathrin Ganz: Die Netzbewegung Subjektpositionen im politischen Diskurs der digitalen Gesellschaft. Barbara Budrich: 2017.

Kurt Opsahl: Facebook’s Eroding Privacy Policy: A Timeline. Electronic Frontier Foundation: 2010. Abgerufen am 20. 4. 2019 von www.eff.org/de/deeplinks/2010/04/facebook-timeline.

Jana Roose: Rupi Kaur normalises the period. Yen Mag: 2016

[1] Diese Frage müssen die Bewegungsforscher*innen beantworten, für das Internet als Thema einer Bewegung hat das Kathrin Ganz getan. (Ganz 2017)