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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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All work and no pay – all words and all play

Drehli Robnik

Pay the artist. Pay the artist a beer or two. Das ist aber nicht korrekt. Nicht wegen des Biers (so Straight Edge sind wir nicht), sondern weil es heißen muss: „buy the artist“. Also: „Buy the artist a beer“. Oder aber: Pay the artist a visit. Das heißt nicht: Zahl der Künstlerin, dem Künstler einen Stipendiatsbesuch mit Residency in L.A. oder Rom. Sondern: Schau mal vorbei, im Atelier oder so, pay the artist a visit, und: Buy the artist – at least her or his art. (Und wenn diese Kunst in z.B. rassismuskritischen Graffitischablonen für den öffentlichen Raum besteht, dann: Spray the artist.)

Was aber heißt „Pay the artist“? Ist es exklusiv gemeint? Also: Pay the artist – die anderen sind egal? The artist is superimportant – pray to the artist? Obey the artist? Natürlich nicht. – Ist es universalistisch gemeint? Also: Pay the artist like everyone? Das ist schwierig, von wegen Stunden- und Überstundensatz. (Sofern in Kurzistan jemals noch Überstunden ausbezahlt werden; vielleicht ab der 61. Wochenarbeitsstunde.) Malen kannst du nach Zahlen, aber nicht vor dem Zahlen, nicht auf den Zahltag am Monatsersten hin. Oder doch?

Außerdem hat „Pay the artist like everyone“ einen Haken, wenn du die Gleichung umkehrst: Pay everyone like the artist. Dann wäre „Pay the artist“ repräsentativ zu lesen, sprich: Xray the artist, in jeder und jedem steckt ein*e prekarisiert Arbeitende* r. Kennen wir: Der Gedanke, Künstler*innen seien besonders befugt zu Bündnissen mit zum prekären Leben gezwungenen marginalisierten Gruppen, weil sie deren unsichere Lebensbedingungen teilen – das war eine Projektion. (Wohlgemerkt: Nicht das Bündnis, Engagement etc. war eine Projektion, sondern das Miteinander-Identifizieren von „Prekaritäten“.) Mehr dran ist vielleicht an einer desillusionierenden Geschichtsdeutungsfigur, für die „Pay everyone like the artist“ eine Losung wäre. Ich meine die folgende gängige Darstellung: Wie durch eine List der Geschichte beförderte nach ‘68 die critique artiste an fordistischer Monotonie neue Managementtechniken, und der Wunsch vieler junger Leute in westlichen Industrieländern, nicht wie ihre Eltern nach Fabriks- oder Büro-Dienstzeit zu leben, sondern mehr „wie Künstler*innen“ – playing the artist –, dieser Wunsch fungierte als allzu nützliche Avantgarde für neoliberale Flexibilisierungen. Resultat: Wie einstmals nur Künstler*innen werden heute auch Arbeiter*innen nicht fix bezahlt, Servierkräfte nicht versichert, Schreibkräfte nach „Werk“ vergütet etc. Da hinkt manch Vergleich wie eine Servierkraft nach dem Zwölfstundentag: Diese Denkfigur macht die Kunst verantwortlich für „Entsicherungen“, die Kapitalagenturen auch ganz ohne Kunst durchsetzen. Aber sie hat den Charme, dass sie konflikthafte Geschichtsverläufe in ein rundes Bild presst: Die Verweigerung der alten Routinen und Sicherheiten war quasi eine Falle – we fell prey to the artist. Wir wurden zur kessen Beute eines Kunstwollens.

Kunst käme von „Kunnst ma net zehn Schülling leichn? “, hieß ein alter Ösi-Kalauer. Schilling gibt’s nicht mehr, mit umgerechnet 75 Cent fängt auch kaum wer was an, und Kalauer braucht echt niemand.

Drehli Robnik schreibt zu Film, Politik, Theorie, Kontrollhorrorkino und Kracauers DemoKRACy.